Das ehemalige Gasthaus „Rössle“ in Gschwend wird renoviert
Zwei Gebäude beherrschen den Gschwender Marktplatz: Die Kirche und das Haus Marktplatz 6, bekannt als Gasthaus Rössle , das seit über 150 Jahren Gschwender Geschichte schreibt.
GSCHWEND (rz). Nach dem Großen Brand, in dem
1857 das Zentrum Gschwends völlig zerstört wurde, legte ein weitsichtiger Architekt Straßen in Nord-Süd– und Ost-West-Richtung geradlinig und breit an und zwar so, dass sie sich auf dem Marktplatz kreuzten. Dieser Baumeister soll es auch gewesen sein, der für die evangelische Kirche einen neogotischen Bau aus dem Gschwender Stubensandstein und für die wenigen wohlhabenden Bürger einige große Gebäude wie das Gasthaus „Rössle“ errichtete. Obwohl schon am Beginn des
20. Jahrhunderts Stuttgarter Bürger zur „Sommerfrische“ in den Luftkurort Gschwend kamen, waren die Gastwirte wie auch die Handwerker insgesamt gezwungen, sich zudem als bäuerliche Selbstversorger zu ernähren. Zum „Rössle“ gehörte hinter dem Gasthaus ein größerer Schafstall, und auf der anderen Seite der Frickenhofer Straßestand die große Rösslescheuer, die aus zwei Viehställen und zwei Scheuern bestand — der Rössleswirt zählte zweifelsfrei zu den größeren Bauern des Ortes zählte.
Als das neue Gasthaus
1858 fertig war, gehörte es — wie auf dem Sturz des vorderen Eingangs eingemeißelt ist — der Familie Pfisterer. Friedrich Wahl, der vom Hollenbuckel aus Schlechtbach stammte und um die Jahrhundertwende das „Rössle“ in Rotenhar (heute „Schnitzelfabrik) besaß, konnte
1910 das „Rössle“ in Gschwend erwerben. Als Gastwirt, Bauer, Viehhändler und Immobilenmakler stattete er seine Söhne jeweils mit einer Gast– und Landwirtschaft aus. Für zwei seiner Töchter baute er anstelle des Schafstalls einen „Kolonialwarenladen“, das Hinterhaus, welches mit dem Haupthaus durch einen mächtigen Gewölbekeller verbunden war. Während
z.B. der Ochsenwirt sein Eis zur Kühlung des Bieres im Sommer in einem Keller unweit des Gemeindebergs lagerte, reichte der Keller des Rössle, der bis heute erhalten werden konnte, für diesen Zweck aus.
Hatte schon Mitte der
20er Jahre der älteste Sohn von Friedrich Wahl die „Krone“ (heute „Kronenapotheke“) bekommen, erhielt der zweite Sohn Ende des Jahrzehnts das Rössle, und Friedrich Wahl selbst zog mit seiner Frau zu seinem dritten Sohn ins Gasthaus „Lamm“ nach Dinglesmad, wo er bereits
1930 mit gerade
63 Jahren starb. Bei der Übernahme des Rössle hatte der junge Wirt eine Bauerntochter und Köchin aus dem Hällischen geheiratet. Da sein Vater schon vor dem ersten Weltkrieg die Post im Haus hatte und mit der Kutsche die Briefe und Pakete täglich nach Gaildorf beförderte, war sein Sohn nach der Motorisierung des Verkehrs und der Einrichtung einer Buslinie nun gezwungen, durch einen Anbau auf der Schlechtbacher Straßenseite die Amtsräume der Post im Erdgeschoß und die Wohnung des Postmeisters im ersten Stock darüber zu erweitern. Da auch Postreisende oft in Gschwend übernachteten, sorgten sie für ein weiteres Einkommen. Auf dem Vieh– und Krämermarkt, einmal im Monat, traf sich der größte Teil der bäuerlichen Bevölkerung Gschwends und seiner Umgebung.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner
1945 wurde das ganze Haus von Marktplatz
6 für fast ein Jahr zur Kommandantur, mit allen militärischen und zivilen Befugnissen. Als die Besatzer dann abgezogen waren, quartierte die neue Kommunalverwaltung in den Gästezimmern die inzwischen angekommenen „Flüchtlinge“ein. Da die Wirtsleute mit ihren ca.
50 Jahren nicht mehr die jüngsten waren, vermieteten sie den Wirtschaftsraum als Kirche an die katholischen Neubürger und konzentrierten sich in Zukunft allein auf die Landwirtschaft. Mit dem „Postmeister“ entfiel nach dem Krieg auch die Postmeisterwohnung. Sie wurde zur Zahnarztpraxis, bis der Dentist sich im Ort ein eigenes Haus baute. Als
1963 in Gschwend eine katholische Kirche errichtet wurde, gab der Rössleswirt seinen Hauptgastraum der Post, behielt aber Nebenzimmer und Küche, in der Hoffnung, dass eines seiner drei Kinder das Rössle wieder eröffnen würde. Als
1978 auch der Rössleswirt starb, dämmerte das Haus, nur noch von der Tochter bewohnt, vor sich hin. Die Post zog aus. Und als das Dach nur noch mühsam der Witterung standhalten konnte, und das Gesicht des Hauses, die schindelbedeckte Vorderseite brüchig wurde, schien das Rössle selbst Trauer zu tragen. Und sogar als der Marktplatz von der Gemeinde erneuert und begrünt wurde, wollte sich am Marktplatz
6 das alte Leben nicht mehr einstellen. Dann starb
2007 unerwartet die Besitzerin, und das Haus fiel an ihren Bruder. In diesem Jahr begann sich im Gebäude etwas zu regen. In Gschwend ist bekannt, dass dort wieder Leben einzieht, von dem dann der ganze Platz profitieren soll. Ganz in der Tradition des Hauses wird es einen Gastwirt geben. Auch die ehemaligen Amts– und Wohnräume der Post erhalten wieder ihre traditionelle Funktion.
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