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» Ostalbkreis | Freitag, 02. Oktober 2009

Alpamayo: Der Wißgoldinger Bergsteiger Erich Eisele hat Südamerikas Bergsteiger-​Mekka erlebt und genossen

Von Huaráz aus, der auf über 3000 Metern gelegenen Bergsteigerhauptstadt Perus, erarbeitete sich Erich Eisele einen der schönsten Berge der Welt. Der Alpamayo bereitete unerwartete Schwierigkeiten, schenkte aber auch unvergesslich Schönes.

WALDSTETTEN-​WIßGOLDINGEN (bt). Die Cordillera Blanca in Peru wurde nicht selten als das Bergsteiger-​Mekka Südamerikas bezeichnet: Jede Menge Fünf– und Sechstausender. Ein Eldorado für einen wie Erich Eisele, der nach Jahrzehnten voller Freude am Bergsteigen unerwarteter Weise entdeckte, dass die großen Höhen, die richtig hohen Berge ihren ganz eigenen Reiz haben. Angefangen hat seine Freude an der Höhe bei einer bergsteigerisch eher belanglosen Tour auf den Gipfel des Kilimandscharo-​Massivs im Nordosten von Tansania: „Die Höhe hat ihre eigenen Gesetze“. Nach einer Expedition auf den Aconcagua, mit 6959 Metern höchster Berg Amerikas, und zum Muztagh Ata in West-​China war es um ihn geschehen: „Solang ich irgend kann, geb ich mir das“.
Eisele ist Diplom-​Ingenieur mit einem Händchen für Dinge, von denen die meisten nicht mal ansatzweise verstehen, wie sie funktionieren. Im praktisch undurchschaubaren Unternehmensgeflecht ist er mittlerweile bei der Media Broadcast GmbH – vor zwei Jahren von der Telekom an die TDF verkauft – für Frequenzplanung und –koordinierung im In– und Ausland zuständig. Er hat viel zu tun. Und doch nutzt er die freie Zeit, sich zu schinden bis an die Grenzen des Erträglichen. Das sagt er nicht, aber aus seinen Erzählungen und denen der anderen Bergsteiger wird es nur all zu deutlich. Wie kann jemand von einer Zeit schwärmen, in der er sich in der einen Minute an einer Tasse Tee die Zunge verbrüht, um wenige Minuten später derart kaltes Zeug zu trinken, dass die Zähne noch Monate später temperaturempfindlich sind. Wie sich an einer Tour erfreuen, die so anstrengend ist, dass „man aufpassen muss, mit den Steigeisen nicht auf die Zunge zu treten“ – wie Eisele mit einer ordentlichen Portion Ironie seine Erschöpfung beschreibt. Minus 30, 40 Grad werden dort oben gemessen. Das ist kalt. Richtig kalt.
Mit der Freude an Quälerei hat Eiseles Freude an solchen Touren nichts zu tun. Oder nur bedingt. Auf dem Matterhorn zu sitzen war für ihn vor vielen Jahren eine Freude, ein Triumph, ein Moment uneingeschränkten Glücks, wie er Menschen nur sehr selten beschert ist. Durch Expeditionen wie die jüngste auf den Alpamayo, der einer der schönsten Berge überhaupt genannt wird, gelingt es ihm, sich solche Augenblicke immer wieder neu zu erkämpfen – denn geschenkt wird den Menschen nun mal nichts, schon gar nicht am Berg. Mit der RZ sprach der Wißgoldinger Bergsteiger über diesen Anstieg, über eine richtig schwere Hochtour, die auch den erfahrenen Eisgeher bis zum geht nicht mehr fordert.
Er merkt, sagt der 1954 Geborene, dass er älter wird; dieses Alter ist ihm nicht anzusehen, aber er braucht jetzt länger, seinen Körper an extreme Veränderungen zu gewöhnen. Die Zeitfenster, die er für den Aufstieg einplant, werden größer. Aber noch kann er ganz nach oben gehen. Aufgebrochen ist er dieses Mal, so erinnert er sich, in den inneren Tropen, auf 2900 Metern. Noch bei dreieinhalbtausend gab’s Wasserfälle und tropisch anmutende Pflanzen. Warm war’s, fast heiß. Erst wenn die Schatten länger wurden und der Abend kam, ließ sich das Gebirge nicht länger verleugnen: „So schnell wie’s da kalt wird, kann man sich gar nicht anziehen“. In Südamerika lassen sich die verschiedenen Klimazonen rascher als anderswo durchwandern. Ruckzuck und die Schneegrenze der „Weißen Kordilleren“ ist da, der Gipfel fast in Reichweite. Bergsteiger wie Eisele achten darauf, gut ausgerüstet zu sein: Ein einzelnes Stück, das nichts taugt, kann alles zunichte machen, wofür ein Jahr lang trainiert und geträumt wurde.
Selbst im Vergleich zu den höchsten Gipfeln der Westalpen sind die der südamerikanischen Kordilleren um 2000 Meter höher. Kein Zweifel, dass da die Luft dünn wird, und mit dem Sauerstoff schwindet manchmal die Fähigkeit, Dinge einzuschätzen, Zusammenhänge herzustellen. „Man denkt anders“, sagt Eisele. Auch damit muss man rechnen lernen. Außer einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung wird immer eine entsprechende Anpassungszeit eingeplant. Für jemanden jenseits der 40, wie gesagt, ist die Akklimatisation offenbar von noch größerer Bedeutung. Aber auch bei dieser Tour ging (fast) alles gut. Die Bergsteiger hatten bereits damit gerechnet, dass die Routen früherer Besteigungen durch die in diesen Breiten extrem augenfällige Klimaerwärmung nicht länger begehbar sind. Kein Gedanke an die alte „Ferrari-​Route“, oder an die ursprüngliche „Franzosen-​Route“. Überall Blankeis und Wächten, die zwar seit langem bestehen, nun aber jederzeit abzubrechen drohen. Die von Eisele und seinen Gefährten gewählte Route ist eine bis zu 70 Grad steile Eis-​Wand, die zu überwinden rund drei Stunden dauert – für jemanden der wirklich weiß, was er tut.
Zunächst freilich wurde das Hochlager auf ca. 5400 Meter eingerichtet – „unglaublich, wie ein Stück Salami oder eine Tasse Kaffee motivieren können“. Dann ging es an den spaltenreichen Zustieg zur Südwestwand des Alpamayo. Die Schlüsselstelle der Besteigung und der Schlussabschnitt ist diese unmöglich hohe Riffel-​eiswand hoch zum Gipfelgrat. Überall bröckeln größere und kleinere Eissplitter, Eisele wurde in der dritten Seillänge von einem größeren Eisbrocken an der Schulter getroffen, konnte eine Schraube eindrehen, sich sichern und eine halbe Stunde abwarten, bis er wieder durchatmen konnte. „Schock und Adrenalin“ war die Diagnose einer Ärztin, die versuchte zu erklären, warum er mit dieser lädierten Schulter weitermachen konnte. Unter denen, die es bis ganz nach oben schafften, war Erich Eisele.
Die anderen Gipfel aber, die er sich für diesen „Urlaub“ vorgenommen hatte, fielen einem Wetterumschwung zum Opfer. Zusätzlich hatte er sich etwa den Huascarán schenken wollten, der mit seinen 6768 Metern Perus höchster Berg ist. Als dort zwei Tote geborgen werden mussten, die der extreme Wind vermutlich buchstäblich in die Spalten geblasen hatte, wurden die Expeditionen abgebrochen. Keiner ging in den Folgetagen hoch. Um sich nicht zu gefährden, vor allem aber nicht andere, die zur Rettung eilen würden. Erich Eisele trägt’s gelassen. Eine neue Tour ist bereits in Planung.
 

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