888 Meter und Halbzeit bei den Mineuren
Tages– oder Nachtzeiten lassen sich in dieser betriebsamen Unterwelt nur erahnen, die Arbeitsleuchten gehen nie aus und die Erdwärme sorgt für konstante Temperaturen. Anlässlich der Halbzeit des Tunnelbaus zu Gmünd besuchten wir die Mineure tief unten im Nepperberg– und Lindenfirstmassiv.
Von Heino Schütte
SCHWÄBISCH GMÜND. Dipl-Ing. Andreas Decker, Projektleiter der ARGE Tunnel Schwäbisch Gmünd (Kooperation der Firmen Züblin, Baresel, Hinteregger und Ostu-Stettin) , zeigt sich mit dem Fortgang der Arbeiten ein Jahr dem Startschuss für den bergmännischen Teil zufrieden. Insgesamt laufe der Vortrieb nach Plan. Man sei jedoch auf mehr Wasser gestoßen als zunächst erwartet. Das mache die Arbeit gewiss nicht einfacher. Nach jetzigem Stand der Dinge rechnet der Projektchef im September nächsten Jahres mit dem Durchschlag im Bereich der bereits sichtbaren Betonpfahlwand an der Pfitzerkreuzung. Ende Oktober letzten Jahres hatten die Mineure an der Lorcher Straße losgelegt. Bereits im Frühling könnte bereits der Durchschlag für den kleineren Rettungsstollen erfolgen, der dem Haupttunnel immer etwas vorauseilt. Endgültige Fertigstellung und Verkehrsfreigabe des Salvatortunnels wird aufgrund seiner umfangreichen Ausstattung für Fahrbahn, Verkehrstechnik, Lüftung und Sicherheit erst
2012 sein. Derzeit laufen sozusagen die Rohbauarbeiten. Die haben es in sich; Sicherheit wird von Andreas Decker für seine Leute und besonders für Besucher ganz groß geschrieben. Ganz schwere Arbeitsunfälle habe es bislang nicht gegeben. Technik und Umsicht haben dafür gesorgt, dass eine tragisch-realistische Statistik aus früherer Zeit (ein Todesopfer pro
1000 Meter Tunnelbau) stets verbessert wird. Geschmunzelt wird dagegen über den einen oder anderen „Blechschaden“, den es in der zukünftigen B
29-Röhre unter den ersten „Verkehrsteilnehmern“ schon gab. „Dann rufen Sie die Polizei an?“ Andreas Decker lacht: „Das regeln wir schon selbst.“ Für Fußmärsche ist die unterirdische Baustelle schon zu lang geworden. Also steigen wir in ein Allrad-Fahrzeug und wühlen uns zunächst durch Schlamm und Pfützen, um den Bereich des aktuellen Tunnelvortriebs (
888 Meter) zu erreichen. Decker erklärt, dass jetzt an drei Stellen und mit drei Teams gearbeitet werde: An den beiden Vortriebsbereichen für Haupt– und Rettungstunnel sowie im mittleren Sektor. Am Vortrieb wird ja zunächst nur die Kalotte (das Gewölbe des später im Querschnitt völlig runden Tunnelrohbaus) gesprengt und gegraben. Im mittleren Bereich wird mit anderen Baggern und Dumpern (spezielle Muldenkipper) vollends die Strosse (Absatz, Seitenwände) und die Sohle freigelegt. Die gewaltige Dimension des Tunnelbaus wird dem staunenden Gast in dieser Höhlenlandschaft besonders in jenen Kavernen bewusst, mit denen der Fahrtunnel zu Pannenbuchten aufgeweitet wird. Die Luft ist warm, riecht nach Diesel und ist staubig. Starke Gebläse sorgen für die überlebenswichtige Frischluftzufuhr. Würde diese abgeschnitten, müsste man hier drinnen im Notfall umgehend zu Selbstrettern greifen, um mit einem Sauerstoffvorrat von knapp einer Stunde sicher ins Freie zu gelangen. Doch daran denken wir nicht, sondern vielmehr an die Faszination, tief unter Gmünd vor bislang unberührten Felsformationen und Jahrmillionen der Erdgeschichte zu stehen: Ein hartes Stück Arbeit für die Mineure und Ehrfurcht für einen Besucher.
Noch keine Kommentare vorhanden.