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Sport |
Donnerstag, 12. November 2009
Der tragische Freitod von Nationaltorhüter Robert Enke bewegte gestern nicht nur die Sportszene im Ostalbkreis
Herrscht nun nach der gestrigen, sehr bewegenden Pressekonferenz zum Suizid von Robert Enke mehr Klarheit? Mitnichten. Da leidet ein „Sportsmann“ an Depressionen, ist für andere stets da, und schämte sich dennoch seiner Krankheit. Die Trauer war auch bei vielen Menschen im Raum Gmünd groß, ein „Gefühlschaos“ hinterließ die Tragödie bei vielen jungen Fußballspielern. Enkes Freitod wurde in vielen Teams thematisiert.
Man(n) muss stark sein! Vielleicht ist es diese (falsche) Quintessenz, die es von nun an gilt, über Bord zu werfen – in etwa so hörte sich gestern, immer noch ziemlich bedrückt („wie mein ganzes Team“),
VfR Aalens Regionalliga-Trainer Rainer Scharinger an. Lange nach dem Training saß Rainer Scharinger noch für Vorbereitungen in seinem Büro auf dem
VfR–Gelände, als sein „Co-Trainer“ hineinkam, und ihm die „traurige Meldung“ aus den Nachrichten überbrachte. Erst einmal entstand eine Leere und Stille im Raum, und wie geistesabwesend fragte Scharinger: „Enke, wer?“ Wie ganz (Fußball-)Deutschland wollte auch Scharinger es im ersten Moment gar nicht „wahrhaben“ – und das, obwohl man ja eigentlich „weit weg“ wohne, und wohl auch sonst keinen persönlichen Bezug zu Robert Enke gehabt habe, fasst Familienvater Rainer Scharinger zusammen. Traurig und bestürzend sei es immer, wenn „junge Menschen“ so aus dem Leben scheiden.
Da hat einer anscheinend alles, und geht so aus dem Leben
Allen ging Enkes Tod nahe. Gestern im Training wurde der Suizid „natürlich“ thematisiert. Die jungen Spieler (nicht nur in Aalen) waren „sehr, sehr“ betroffen. Das Bedürfnis sei dann auch dagewesen, die Pressekonferenz mittags im Fernsehen gemeinsam „zu verfolgen“. Jeder trauerte auf seine Weise, Scharinger gab dieser Situation Platz. Es bewege die jungen Menschen, wenn da ein „so erfolgreicher Nationaltorwart“ sei, der anscheinend alles im Leben habe: Erfolg, Geld und den Stammplatz, und dann „Das“, fasste Frank Kinkel, Normannias-Abwehrspieler zusammen. Der
35-Jährige Kinkel spielte selbst im Profilager, „wenn auch nur vier Jahre“, für Ulm, Mainz und Babelsberg. Im ersten Moment nach den Nachrichtenmeldungen dachte Kinkel gleich, „wie tragisch“, und was mochte Enke zu „solch“ einen Schritt bewogen haben, lasse er doch „Frau und Kind einfach so zurück.“ Stammplatz und genug Geld sind die eine – Sorgen und „Verletzungen“ die andere Seite der Medaille. Kinkel meint schon, dass man für den Bundesliga und Profibereich „gemacht“ sein müsse. Denn, echte Freunde, fasst der Abwehrspezialist zusammen, findet man im „Profifußball“ selten. Kinkels Kamerad bei der Normannia, Giuseppe Catizone, spielte ebenfalls in der Bundesliga für den
VfB Stuttgart. Erzielte auch das ein oder andere Tor. Noch gestern war Catizone sprachlos. Im Auto nach dem Training mit Mitspieler Pino Greco unterwegs, hörten sie die Radiomeldung. Fassungslosigkeit herrschte vor. Depressionen im Fußball? Zu viel Macho-Gehabe? „Schwer zu sagen“, resümiert Catizone. Er sei damals noch jung gewesen, natürlich viel „unbeschwerter“ – da dachte man nur: „Ich will spielen.“ Nie habe jemand über depressive Gefühle gesprochen. Saß er auf der Bank, musste er es „akzeptieren“. Der Trainer ist der „Chef“. Dazu Rainer Scharinger: „Jeder empfindet Druck anders.“ Seinen Spielern versucht er diesen zu nehmen. Es gäbe wohl viel mehr Menschen mit „Depressionen“, als wir annehmen, ist sich Frank Kinkel sicher, und verweist auch auf Sebastian Deisler, einst als Jahrhunderttalent hochgelobt, bis er am Druck beinah zerbrach. Deisler ging mit seiner Erkrankung „offensiv“ um. Der Vermutung Frank Kinkels pflichten auch
Prof. Dr. Elbing, psychologischer Psychotherapeut aus Kleindeinbach, sowie Diplom-Psychologin Bettina Alles (
27) aus Straßdorf bei. Psychische Probleme und Persönlichkeitsstörungen, also auch „Depressionen“ hätten im Rahmen der Wirtschaftskrise zugenommen, so
Prof. Ulrich Elbing. Ein Faktor sei natürlich die Unsicherheit, aber auch der „Stress“ bei der Arbeit.
Depressionen sind in der Gesellschaft immer noch ein Tabu
Tückisch sei der Verlauf zu einer „ausgewachsenen“ Depression – nicht immer leicht zu diagnostizieren, wie Bettina Alles unterstreicht. Oftmals sei die Erkrankung „schleichend“. Bettina Alles, zudem angehende Psychotherapeutin, hebt hervor, das „gängige Klischee“, der Depressive läge faul auf der Couch, sei falsch. Die Diplom-Psychologin betreut an einer Geislinger Tagesklinik (Christophsbad Göppingen) depressive Patienten, die teils „einer Beschäftigung nachgehen“, und Hobbys pflegen. Anfangssymptome wie die Abgeschlagenheit oder körperliche „Stresserscheinungen“ gelte es zu beobachten. Wer kennt diese Symptome besonders zur Winterzeit nicht? Präventiv müsse man entgegen wirken, sind sich Alles wie Elbing einig, bevor es pathologisch „krankhaft“ werde. Nun, in Behandlung war auch Enke, und durch den Fußball war er auch „abgelenkt“ – nur, er verschwieg die Schwere seiner Depression aus Angst, seiner Verantwortung und seinem Job nicht mehr nachkommen zu können. Depressionen sind in der Gesellschaft immer noch ein großes „Tabu“, besonders im Fußball, der Männerdomäne.
Psychotherapeut
Prof. Elbing erzählt, wie sich seine Patienten wundern, wenn sie denn „ihr Herz“ geöffnet haben, und erfahren, wie viele Menschen das Gleiche durchmachen. Auch Bettina Alles meint, ein guter Weg „raus“ aus der Isolation sei Kontakte zu pflegen, hinaus zu gehen, aber immer aus freien Stücken. Jeder Mensch sei eben anders. Wenn denn die Tragödie Enkes einen „guten“ Aspekt haben könnte, dann den, schließt Ex-Profi Rainer Scharinger, dass sich das „Männerbild endlich ändert“, und man auch lernt, zu eigenen Schwächen zu stehen.
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