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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 19. November 2009

Mit einem Riesenzelt gastiert der Circus Big der Familie Weisheit vorerst bis zum kommenden Dienstag in der Lorcher Straße

In der Politik bedeutet eine „große Elefantenrunde“ immer auch eine Menge Ärger und Zündstoff. Im „Circus Big“ der Familie Weisheit, der derzeit in Gmünd in der Lorcher Straße gastiert, verrichten die vier Elefanten ihre Arbeit als Lastenträger in aller Ruhe und ohne zu murren. Bundesweit touren nur noch drei Zirkusse mit Elefanten. Von Giovanni Deriu

SCHWÄBISCH GMÜND. Also ein bisschen orientalisch mutet das Ambiente dann doch an, rings um das große blaue Zirkuszelt, mit den gelben Streifen und roten Sternen – der sichelförmige Halbmond, und die Kuppel, wie ein Minarett. Das Kassenhäuschen mit einem „Zwiebeldach“ versehen, und nebenan gleich ein Gebrauchtwagenmarkt. Entschuldigung für den Matsch auf dem Boden, begrüßt uns der Zirkus-​Juniorchef „Radi“ Weisheit, aber dieses Grundstück könnten sie sich „gottseidank“ leisten, die Miete also, und, hier werde ja gerade gearbeitet – nebenan entsteht der neue Ableger einer Fastfood-​Kette. Radi Weisheit erklärt’s und beißt genussvoll in seinen Leberkäswecken – Frühstückszeit in Deutschland. Bevor es mit der Arbeit weiter geht.
Die Unterhaltung eines Zirkus’ ist schon ein „Drahtseilakt“
Bis zur Premiere am Freitagnachmittag um 15 Uhr, bedarf es noch vieler Handgriffe und solcher Tätigkeiten, für die Menschennatur einfach zu „schwach“ wäre. Andererseits, ein großer Lastenkran wäre wohl „einen Tick“ zu teuer. Auch die Weisheits müssen, wie viele andere Zirkusfamilien auch, hart kalkulieren. Aber irgendwie schafft es das Zirkus-​Traditionsunternehmen der Weisheits, bereits in siebter Generation bestehend, doch. In der ehemaligen „DDR“ gehörten die Weisheits dem Staatszirkus an, und ihrer war der „Größte“ drüben. Da rechnete es sich noch. Und heute? An die 500 Euro Futterkosten für 60 Tiere, und 2 500 Euro fester Kosten täglich (!) müsse der Zirkus für die 30-​Mann starke „Crew“ (Arbeiter, Fahrer, Artisten) aufbringen. Klar, besonders in der Winterzeit muss das große Zelt auch beheizt sein, Strom brauche der Zirkus auch, und auch sonst muss Radi Weisheit Rechnungen überweisen. Einen Zirkus zu planen und zu koordinieren, also ihn zu „unterhalten“ sei teilweise schon ein echter „Drahtseilakt“, um in der Sprache der Artisten und Akrobaten von „Circus Big“ zu bleiben. Der Juniorchef, ein Zirkus-​Enthusiast durch und durch, meint: „Auf die Mundpropaganda kommt es an“ – das Kleben der bunten Plakate (überall) in der Stadt bringe gar nicht viel. Und schon wieder denken wir dabei, an den Vorwahlkampf der Politik, Parallelen tun sich auf, doch wir schweifen nun ab…
Zurück zur Frühstückszeit in Gmünd, es soll ja noch gearbeitet werden. Radi Weisheit streicht sich über den Bauch, der letze Bissen seines Weckens verschwindet im Mund, und er zeigt voller Stolz auf sein Kapital, vorbei an dampfenden Misthaufen und den zahlreichen Wohnwagen und Zugmaschinen folgen wir Radi Weisheit, dem Juniorchef, der selbst jeden Tag seiner Crew zur Hand geht. Sein „Lebenselixier“. Ja, und da stehen und wanken sie. Die Elefanten „berüsseln“ sich mit ihren Rüsseln untereinander, und begrüßen auf diese kuriose Art und Weise auch den Chef, und Zirkus-​Arbeiter und Tierpfleger „Helmut“ Rühling.
250 Liter Tee und je einen Zentner Gemüse und Heu für die Riesen
Der 70-​jährige Helmut und Radi Weisheit bereiten schnell das „zweite Frühstück“ für die Elefanten vor. Tonga, Gandhi, Moja und Ghitana! Auf zu Tisch, naja nicht ganz. Es würde eng werden. Helmut und Radi rücken die schweren Kübel mit warmem Wasser zurecht – quasi rüsselgerecht, und schon spielen und balgen sich die Elefanten-​Kühe („sie sind zuverlässiger und fleißiger“) um die Kübel. Schnell tauchen die Rüssel ein, und flugs sind zweimal 50 Liter Wasser im Innern der fünf bis sieben Tonnen schweren Riesen. Die „sanften Riesen“, wie sie Weisheit beschreibt, hatten ihr ausgiebiges Frühstück bereits vor anderthalb Stunden, und zwar 250 Liter Tee für jeden Elefanten, und außerdem gab es pro Kuh je einen Zentner Gemüse und Heu. Lange kann so eine Fütterung dauern. Genauso die „Tränkung“, bis zu zwei Stunden, sind die ersten satt, haben die anderen schon wieder Durst. Aber Arbeit macht ja auch hungrig und durstig. Das Zirkuszelt haben Moja, Tonga, Gandhi und Ghintana mitaufgebaut, unter Leitung und Führung von Weisheit (43). Über Flaschenzüge zogen die Elefanten die Plane hoch. Der Familienvater schwärmt von seinen Elefantenkühen – ohne deren „Hilfe“ bräuchte er wohl schweres und teures „Gerät“. Auch Metallstangen tragen sie, und schlagen den einen oder anderen Pflock in den Boden – den Hammer im Rüssel eingeklemmt.
Es scheint so, als verstehen sich die vier Damen (die jüngste ist 15, die älteste 40) mit Radi Weisheit und Helmut Rühling blind. Das Zelt steht, sage und schreibe 1000 „Personen“ finden darin Platz, wenn denn die Veranstaltungen auch ausverkauft sind, hofft Weisheit. Doch der Berliner bleibt Realist, die Zeiten sind hart, „mit 250 Zuschauer“ wäre er schon zufrieden. Radi brennt vor Ehrgeiz, den Gmündern seinen Zirkus und die Elefanten zu präsentieren. Weisheit hat nun wieder Hunger, die frische Luft. Sollte es wieder kälter werden, bekommen die Elefantendamen auch einen Schuss Rum in den Tee, irgendwie menschlich…
 

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