Ganz Deutschland spricht über die Schweinegrippe, doch wie man sich schützen kann, ist nicht allen in der Bevölkerung klar
Dass sich (nicht nur) Grippeviren in Zeiten der Globalisierung rasant vermehren und mit den Passagieren aus dem Flieger steigen, ist bekannt. Noch schneller springen sie dort umeinander, wo viele Menschen tagein, tagaus einkaufen. Im Einzelhandel, bei den Bäckereien und Metzgereien. Obwohl die Schweinegrippe bereits im Raum Gmünd angekommen ist, bleiben viele Gmünder gelassen. Zurecht? Von Giovanni Deriu
SCHWÄBISCH GMÜND. Eines vorweg, auf Panikmache sind wir nicht aus. Die würde auch keinem weiter helfen. Nichtsdestotrotz wollten wir es genauer wissen und schauten uns in Gmünds Innenstadt ein bisschen um, bei den Bäckereien und in Metzgergeschäften – dem Kundendrehkreuz in der Innenstadt. Fast zu jeder Uhrzeit gehen Menschen ein und aus, um ihren Hunger wie Durst zu stillen. Essen und Trinken brummt immer, die Verweildauer der Kundschaft an der Theke beträgt oft nicht mal eine Minute – ein Fingerzeig, zahlen, und tschüss – andere setzen sich in die Bäckerei-Bistros. Noch länger und hartnäckiger machen sich die Bakterien und Viren breit. Auch sie warten auf ihre „Wirtszelle“, um sich zu vermehren. Überall bleiben die Viren kleben, besonders am Geld. Münzen werden von Mensch zu Mensch weitergereicht, Grippeviren verändern sich rasch – mit der Geldzirkulation verbreiten sich auch die Krankheitskeime. Erst Mexiko, dann Südamerika, ein paar Schweinegrippe-Fälle in Asien, dann blieb auch Europa nicht verschont, vor kurzem kam der Schweinegrippe-Wirt auch in Gmünd an, vor etwa acht Wochen, doch weiß man das so genau? Wir mischten uns unter die Leute, gingen einkaufen, und „outeten“ uns gleich nach dem Testeinkauf – der Grund? Schützen sich die Fachverkäufer an der Theke beim täglichen Geld– , Körper– und Nahrungsmittelkontakt? Und damit auch uns, den (noch) gesunden Kunden? Werden vielleicht korrekt Plastikhandschuhe und „Greifzange“ verwendet oder wandert die schaffende Hand überallhin? Die erste Bäckerei auf dem Marktplatz, mit angegliedertem Schnell-Café. Was nehmen wir? Reporter und Fotograf (inkognito) gucken – eine Brezel, bitte. Die Fachverkäuferin greift mit der Hand in den vollen Brezelkorb, packt sie ein, reicht sie uns, greift mit der selben Hand unsere Münzen, hinein in die Kasse. Beim nächsten Kunden genauso. So, und da haben die medizinischen Wissenschaftler herausgefunden, finden die Viren ihre Opfer immer schneller. Wir fragen bei der „erfahrenen“ Verkäuferin nach. Ach nein, keine Angst vor der Schweinegrippe habe sie, und sich auch nicht impfen lassen. Keck fragt sie „wieso“ auch?“ Zögernd setzten wir nach – und die Kunden? „Ach, wird schon keiner die Schweinegrippe haben …“. Das hoffen wir auch für diese „Bäckereifachkraft“. Danach vis-à-vis im Bäckerei-Bistro „Bühr’s“. Wir müssen husten. Chefin Brigitte Bühr bedient uns höflich, mit der „Zange“ greift sie nach der Brezel, die in der Tüte verschwindet. Gleich viel besser. Aber selbst wenn mal mit der bloßen Hand ausgegeben würde, so Bühr, stehe das regelmäßige Händewaschen und Desinfizieren immer an. Ob sie nun sensibilisiert sei? Bühr meint „Jain“. So „locker-leicht“ nähme man die Schweinegrippe doch nicht. Auch weiter unten am Marktplatz sind wir erst baff – zwar wird wie beim ersten Bäckereibesuch mit den Händen gereicht und kassiert, aber die Leiterin beruhigt: „Wir halten hinter der Theke Abstand zu den Kunden“, und das Desinfektionsmittel sei immer griffbereit, und zeigt uns die Flasche. Die Kundschaft, darunter die Senioren Antonie Mühlehner und Hans Steiner, meinen trocken: „Ach, alles Übertreibung.“ Die anderen Kunden stimmen ihnen zu. „Toni“ Mühlehner zählt einen ganzen Zoo an Grippenamen auf: „Nächstes Jahr haben wir dann die Hundegrippe, danach die Hennen– und Regenwurmgrippe.“ Der Humorvirus bricht aus. Alles richtig läuft beim Selbstbedienungsbäcker „Sparschwein“. Nomen est omen? Die Schweinegrippe hat hier kaum eine Chance. Der Laden ist gut besucht, und die Käufer schätzen den Preis und die Sauberkeit, wie Ludmilla Hajster und Solveig Rofka bestätigen. Alles wird mit der „Greifzange“ berührt. Bäckereifachverkäuferin Daniela Buchmann und ihre Chefin halten fest, die Kunden werden zurechtgewiesen, wenn sie mit der Hand „reinlangen“. Genauso bei der Metzgerei Feifel, alle Mitarbeiter achten auf Sauberkeit und hantieren nur mit dem großen Messer und der Gabel. Vor der großen Panik warnt auch
Dr. Wolfgang Hahn, der Allgemeinmediziner aus Bettringen. Hahn (
60), seit
1978 praktizierend, hat schon sämtliche Grippewellen („auch die Hong– Kong-Grippe“) mitgemacht.
Alle bisherigen Todesfälle seien bereits vorbelastet gewesen
Derzeit habe er von „zehn bis
15“ Patienten positive „Abstriche“ genommen. An die
60 Patienten schauen täglich in seiner Praxis vorbei. Das schwierige an der „Schweinegrippe“ seien die verschiedenen Symptome – Gliederschmerzen, die Heiserkeit, Durchfall – wenn die Körpertemperatur plötzlich ansteige, wäre es fast eindeutig. Wobei, der H
1N
1-Virus sei eben auch nur „eine Grippe“ – bisher riet er chronisch Kranken (auch Kleinkindern) und Schwangeren zur Impfung. Bedauerlich sei, meint
Dr. Hahn, dass die Kasse nur für die Impfung bei chronisch Kranken aufkomme. Routine-Abstriche müsste jeder Versicherte selbst zahlen – immerhin an die
30 Euro. Für die „Impfmaßnahme“ müssen zudem zehn Patienten innerhalb
24 Stunden in der Praxis erscheinen. Alle bisher vorgekommenen Todesfälle seien schon „vorbelastete“ Menschen gewesen, so
Dr. Hahn. Mehr Unterstützung wünsche sich der Mediziner vom Gesundheitsamt beim Impfen überhaupt. In „NRW“ beispielsweise würden ganze Hallen belegt und die Impfung koordiniert. So denken viele. Für den Einzelhandel hat der Landratsamts-Geschäftsbereich „Gesundheit“ keine gesonderten Tipps herausgegeben. Es gelten die Vorschriften des Infektionsgesetzes. Bei Fieber, Erbrechen und Durchfall müsse das Personal zu Hause bleiben.
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