DRK, THW und Feuerwehr verwandelten in Rekordzeit Turnhallen in Unterkünfte für Flüchtlinge und Umsiedler aus der DDR
Während am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, wurden auf der Grundlage von Katastrophenschutzplänen auch in Schwäbisch Gmünd in Windeseile Vorkehrungen getroffen, um den Strom an Flüchtlingen und Umsiedlern aus der kollabierenden DDR aufzunehmen. Besonders der Gmünder DRK –Kreisverband stand vor dem größten Einsatz seiner Geschichte.
Von Heino Schütte
SCHWÄBISCH GMÜND. Schon die Wochen zuvor schaffte es die Bundesrepublik kaum noch, den Flüchtlingskolonnen aus der DDR, die teils auch über Ungarn und die CSSR eingereist waren, ordentliche Unterkünfte anzubieten. Als dann am historischen Tag des
9. November
1989 die Berliner Mauer fiel und sich vielerorts an der innerdeutschen Grenze die Schlagbäume öffneten und Zäune niedergerissen wurden, gab es für Tausende Ausreisewillige in der zusammenbrechenden DDR kein Halten mehr. Ein riesiger Flüchtlings– und Umsiedlerstrom setzte in Richtung Westen ein. Getrieben wurden die Menschen aus dem Osten Deutschlands auch von der Angst, dass die Grenze vielleicht wieder dichtgemacht werden könnte. „Nichts wie raus“, lautete in vielen Familien das Motto.
Die Bundesregierung richtete Hilferufe an alle Länder, weil die Auffanglager direkt an der Grenze hoffnungslos überfüllt waren. Mehr oder weniger über Nacht wurden auch im Ostalbkreis Vorbereitungen getroffen. Zum Glück lagen Katastrophenschutz– und Einsatzpläne für die Hilfsorganisationen griffbereit in den Schubladen. Pläne, die ursprünglich eigentlich ausgetüftelt worden waren, um Evakuierungsmaßnahmen für den Fall beispielsweise eines Atomreaktorunglücks durchzuführen. Überall im Kreis wurden durch
DRK, Feuerwehr,
THW und auch Bundeswehr geeignete Turn– und Gemeindehallen in Sammelunterkünfte verwandelt. Auch Gmünd stellte Hallen zur Verfügung. Als größtes Lager diente über Monate hinweg die Mehrzweckhalle an der Friedensschule auf dem Rehnenhof. Das Technische Hilfswerk schaffte Betten heran und richtete das große Lager in Rekordzeit her. Viele Bürger packten spontan mit an. Der
DRK–Kreisverband übernahm Registrierung und Versorgung der Ankömmlinge. Daraus entwickelte sich der größte und längste Einsatz, den die freiwilligen Rot-Kreuz-Helfer je zu leisten hatten. Ein wochenlanger Schichtplan wurde erstellt und die gesamte Logistik für ein Flüchtlingsdorf mit zeitweise bis zu
300 Bewohnern aufgebaut. Die Enge der Unterbringung in diesem Hallenkomplex verursachte auch Reibereien. In den kleineren Gymnastiksälen der Friedensturnhalle wurden Familien mit Kleinkindern untergebracht. Paare und Alleinreisende schliefen in der großen Halle. Unvergessen auch die Szenerie in der Umgebung: Der Kirchplatz auf dem Rehnenhof war vollgeparkt mit Trabbis. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung war gigantisch, so dass sich die Lagerleitung des
DRK zur Bitte veranlasst sah, vorerst keine Kleidungs-, Spielzeug– und Lebensmittelspenden mehr auf den Rehnenhof zu bringen. Besonders das Übermaß an gespendeten Südfrüchten (Mangelware in der DDR) zeigte Wirkung: Viele Kinder und auch Erwachsene litten plötzlich an Durchfallerkrankungen. Die ersten Familien kamen mit Omnibussen und wurden von Oberbürgermeister
Dr. Wolfgang Schuster mit Handschlag begrüßt. Der wild einsetzende Umsiedlerstrom bereitete ein weiteres Problem: Vielerorts blieben an den Straßenrändern pannenträchtige Trabbis liegen. Gmünder Autowerkstätten halfen kostenlos. Eine der größten Herausforderungen folgte in den nächsten Monaten, um den Menschen Arbeit und Wohnungen zu vermitteln. Nicht jeder fand das erhoffte Glück im Westen. Der völlig andersartige Konsum– und Arbeitsalltag musste erst einmal erlernt werden. Viele reisten enttäuscht auch wieder zurück in den Ostteil des alsbald wiedervereinigten Deutschlands. Die unglaublich warme Euphorie der ersten Tage nach dem Mauerfall, die auch in der überfüllten Friedensturnhalle zu spüren war, wich der kühlen Realität.
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