Der Viehfeiertag in Göggingen wird heute noch gefeiert in Erinnerung an eine schwere Seuche, die einst das Dorf heimsuchte
Es ist trüb an diesem Donnerstag in Göggingen. Leichter Nebel steigt vom Leintal herauf und ein Regenschleier hängt über dem Dorf. Man kann die Tristesse nur erahnen, die vor über dreihundert Jahren in dem kleinen Bauerndorf geherrscht haben mag, als alle Tiere verendeten und die Bauern in größter Not lebten. Von Dorothee Wörner
GÖGGINGEN. Heute gibt es nur noch wenige Landwirte in der Gemeinde, auf deren Straßen an diesem Dezembertag die Autos geschäftig hin und her fahren. An manchen Häusern leuchtet die Weihnachtsdekoration und in der Gemeindehalle zünden Kinder Kerzen an. Sie singen „Wieder kommen wir zusammen“ und die Rektorin der Grundschule, Marlene Frank, begrüßt die anwesenden Kinder, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen, Eltern und Großeltern zu einer Feierstunde. Es ist Viehfeiertag. Der seltsam bezeichnete Tag ist ein ureigener Gögginger Feiertag und geht zurück auf ein Ereignis im Jahr
1682. Damals hatte sich das Dorf soeben mühsam von den schrecklichen Auswirkungen des
30-jährigen Krieges erholt, als eine verheerende Seuche ausbrach, die das ganze Vieh, die Lebensgrundlage der Bevölkerung, hinwegraffte und die Bewohner in eine neue, bittere Armut stieß. An einem Donnerstag in der Lucienwoche soll das Ende der Seuche festgestellt worden sein, aus diesem Grund erhoben die Gögginger und Mulfinger Bürger (der Teilort Horn blieb von der Seuche unberührt) diesen Tag zum allgemeinen Gedenktag. Es war ein „heiliger Tag“ für die Bevölkerung, wie sonst ließe sich erklären, dass zu früheren Zeiten die Arbeit ruhen musste, die Kinder schulfrei hatten und kein Fleisch verzehrt wurde.
Kerzenmeditation als
Ausdruck der Dankbarkeit, weil
es uns heute so gut geht
In der Gemeindehalle sitzen die Kinder auf niedrigen Turnbänken und Bürgermeister Walter Weber dreht für sie an der Zeituhr, dabei erzählt er wie sie sich das Leben von damals vorzustellen hätten. Er spricht von der Verzweiflung der Menschen, von den Existenzsorgen und davon, was wir heute aus dieser Geschichte lernen können; Dankbarkeit für unsere Lebensmittel und für den Luxus Süßigkeiten und vieles mehr genießen zu dürfen. Gemeinsam mit Pfarrer Bernhard Weiß und mit Unterstützung ihrer Lehrerin Angela Henning-Stängle hat eine Schülergruppe in einer Kerzenmeditation Bitten und Wünsche für die vom Schicksal benachteiligten Menschen vorgetragen. Nun warten sie auf die Theateraufführung der Projektgruppe unter Leitung von Sabine Schimo.
Als sich der Vorhang öffnet wird es weihnachtlich und hell, denn das Theaterspiel greift schon auf die Heilige Nacht vor, in der die Tierwelt zum Leben erweckt wird. Und so streben alle Tiere, die sich normalerweise untereinander bekämpfen friedlich und in Eintracht in Richtung des gleißenden Lichts. Dazu zitiert Pfarrerin Ulrike Förschler eine Bibelstelle aus dem Alten Testament „Das Volk, das im Dunklen lebt, sieht ein großes Licht“ und erinnert an den Mut, den Glauben und die Kraft, um auch dunkle Zeiten zu überstehen, so wie es die Gögginger und Mulfinger Bevölkerung vor Jahrhunderten getan hat.
Die Erwachsenen gehen ihrer Arbeit nach, aber am Abend finden nicht wenige den Weg in die evangelische Johanniskirche in der abwechslungsweise mit der katholischen Nikolauskirche in diesem Jahr ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert wird, so wie es seit Jahrhunderten Tradition ist in dieser Gemeinde mit dem ganz besonderen Feiertag.
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