Vom Frühbarock bis ins 20. Jahrhundert : Advents-Benefizkonzert im Münster mit Stephan Beck
Es ist kein Zufall, dass die Advents– Benefizkonzerte für den Münsterbauverein an der Schwelle zum zweiten Jahrzehnt stehen. Dass die Tradition nicht erlahmt, sondern immer neue Besucherbegeisterung hervorruft, ist dem unermüdlichen Engagement des Organisten Stephan Beck zu verdanken. Von Peter Skobowsky
KONZERT. Mit dem ihm eigenen Charme stellt er sich selbstlos in den Dienst der guten Sache. Münsterpfarrer Kloker weiß dies zu schätzen und dankte in seiner Begrüßung dafür. Und dann erwartete die große Hörergemeinde wieder ein gut einstündiges Programm vom Feinsten, das einlud, sich von der Unruhe des Alltags zu lösen und sich auf den Advent einzulassen. Es gab also wieder freie und choralgebundene Orgelwerke seit dem Frühbarock bis zum
20. Jahrhundert
Johann Steffens (
1559, nicht
1599 geboren — sonst wäre er nur
17 Jahre alt geworden) eröffnete den Adventsreigen mit einer Partita über „Veni redemptor gentium“ („Nun komm der Heiden Heiland“ bzw. „Komm, du Heiland aller Welt“). Bereits in diesem überaus farbigen Introitus deutete sich der rote Faden des Abends an: In vielen sehr feinen Registrierungen verlockte der Künstler, aufmerksam zu hören, der „leisen Töne“ inne zu werden. Dies steckte derart an, dass das Publikum andächtig lauschte. Und so konnte sich der facettenreich kolorierte Cantus in den gotischen Raum hinein entfalten.
Sodann folgte Bachs triolisches Präludium samt Fuge C-Dur BWV
547, die andere große Schwester gleicher Tonart. Maßstäbe setzend, spielte Stephan Beck gemessenen Tempos die Triolen ruhig, aber pointierend aus — ein einziger Strom Bachschen Ideenreichtums, der Münsterakustik wirkungsvoll korrespondierend. Die Fuge bildete dazu den „doppelten“ Kontrapunkt.
Die barocken Meister scheuten sich nicht, das Übernatürliche des Glaubens zu verbinden mit der Natur (des Menschen und der übrigen Schöpfung). Gerade die volkstümliche Frömmigkeit vertrug so selbstverständlich das Lob aus der Schöpfung: vornehmlich der Kuckuck animierte allerlei Varianten von solcher Anmut, dass der Choral „Es ist ein Ros’ entsprungen“ eine nuancenreiche Predigt erfuhr: allerliebst, einfach zauberhaft!
Mit Nicolaus Bruhns kam ein zweiter Norddeutscher zu Ehren. Der Lieblingsschüler Buxtehudes, in Lübeck, Kopenhagen und schließlich nach der Rückkehr in die schlewigsche Heimat in Husum wirkend, bescherte in seinem Präludium in e wirklich „das Große“, das seinem Werk namentlich eignet. Die kontrapunktische Vielfalt allein schon war ein Genuss ganz eigener Art, in der angemessen farbigen Registerwahl durch den Münsterorganisten vollends zu pulsierendem Leben erweckt.
Zweimal gab es Max Reger: aus op.
135a, den
30 „kleinen“ Choralvorspielen, die Bearbeitungen über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Ein breiter Strom typisch spätromantischer Harmonisierung, majestätisch die Melodie umspinnend, ergoss sich in typischem Pleno, in der Kürze gegenüber den titelgleichen großen Fantasien dennoch in kompakter Raffung ideensprühend, kraftvoll. Dazwischen das singende Intermezzo Josef Gabriel Rheinbergers, eine wunderbare Meditation in anmutigem Andantino.
Von Léon Boëllmann gab es die zweite weihnachtliche Vorahnung: „Offertoire sur des Noëls“ und zum Schluss die berühmte G-Dur-Toccata von Théodore Dubois. Auch hier wurde die souveräne Kompetenz des künstlerischen Spiels von Stephan Beck hörbar. Wie oft haut die Konkurrenz das tolle Stück einfach rasant runter, Virtuosität demonstrierend zu Lasten musikantischer Aneignung. Stephan Beck lässt sich nicht eitel verfangen. Dafür perlte die Toccata umso eleganter, ließ Agogik und Betonung prächtig zu.
Wie schön, dass die Münsterorgel über viele unterschiedliche Labiale (volltönende Offenflöten oder zarte Gedeckte), singende Streicher (Gamba, Salicional…) und charakteristische Zungenstimmen (Trompeten, Krummhorn, Posaune, Bombarde…) verfügt, dazu der wirkungsvolle Einsatz des Schwellers bis fast ins Nichts abnehmend und die Tremulanten verschiedenen Tempos. Diese gezielte Nutzung bis zur Sesquialter-Melodie der Zugabe, ebenfalls mit Tremulant, machte das Zuhören zu einem unvergesslichen Gewinn. Der einzige Wermutstropfen: die „Konkurrenz“ der Hymnus-Chorknaben in Augustinus — hoffentlich ein einmalig terminlicher Ausrutscher. Der Münsterbauverein kann sich ebenso wie die Münstergemeinde „von“ schreiben, in Stephan Beck einen so rührigen und opferbereiten Künstler zu haben, dem es jedesmal aufs Neue gelingt, die Menschen reich zu machen an seelischem und religiösen Gewinn mit den sensiblen Mitteln seiner sensiblen Kunst.
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