Nicole Mtawa hat über ihr Leben in Afrika ein Buch geschrieben: Sternendiebe
Vor genau zwei Jahren hat die RZ eine junge Frau vorgestellt, die nach ihrer Kindheit und Jugend in Gmünd in Afrika ihr Lebensglück fand – unter sehr ungewöhnlichen Bedingungen. Jetzt ist im Knaur-Verlag ein Buch erschienen, das diese Geschichte erzählt: „Sternendiebe – mein Leben in Afrika“.
SCHWÄBISCH GMÜND
(bt). Als Nicole Mtawa der Rems-Zeitung
2007 von ihrem Buchprojekt erzählte, sollte es noch „Maisha – die Liebe zu einem Straßenjungen heißen“. Ob sich dafür wirklich ein Verlag finden würde, stand in den Sternen. Jetzt ist es da, in einem renommierten Verlag erschienen; ihre Lieblingsfotos sind darin abgedruckt und es ist richtig gut gemacht. „Sternendiebe“ heißt es; das Cover zeigt Afrika, ihre Familie, ihr Glück, das sie sich so hart erkämpft hat.
Nicole ist heute
30 Jahre alt, ihr Ehemann vermutlich vier Jahre jünger – Geburtsurkunde gibt es keine. Als sie ihn kennenlernte, war er ein Straßenjunge mit wenig oder gar keiner Aussicht, viel älter zu werden. Er war drogenabhängig und nach
16 auf sich selbst gestellten Jahren schwer krank. Tuberkulose im fortgeschrittenen Stadium. „Sternendiebe“ erzählt vor allem, wie die zwei sich kennenlernen und zueinanderfinden, wie Juma überlebt und erstmals an eine Zukunft glaubt. Dies ist ihre Geschichte, die vor allem in Afrika spielt, aber auch in Albstadt und in Schwäbisch Gmünd, wo die junge Frau geboren und aufgewachsen ist. Nicole Mtawa geborene Gyurkovitis ist einen weiten Weg gegangen, seit sie – immerhin zehn Jahre lang – bei der Stadtjugendkapelle Querflöte gespielt hat, seit ihrem Abitur
1998 am Scheffold-Gymnasium und seit ihrem Aufbruch aus der Stadt, der sie in jeder Beziehung an ihre Grenzen gebracht hat.
Nicole ist keine große Literatin, aber eine tief empfindende junge Frau, die ihr Tagebuch mit gutem Grund öffentlich macht – stellt es doch eine ganz und gar fremde Welt vor. Neben dem Wunschtraum eines Bucherfolges vom Kaliber einer „weißen Massai“ gab es mehrere Gründe, diese Geschichte festzuhalten: Das Straßenleben in einer afrikanischen Großstadt sei für Europäer noch nicht erzählt worden, so Nicole, die sich zum Sprachrohr „für die Straßenkinder der Welt“ machen will. Immerhin erzählt sie von der Witwe, die ihre Kinder kaum ernähren kann, von der
20-Jährigen, die ein fünf Jahre altes Kind hat und sich vor dem gewalttätigen Ex-Freund fürchtet, von den drogensüchtigen, kranken jungen Leuten auf der Straße, die keine Aussicht haben auf ein bisschen Glück. Aber auch von Großzügigkeit, von herzwärmender Gastfreundschaft und von selbstloser Hilfe für die Gestrandeten wird erzählt. Von Menschen, die sich mit eisernem Willen und Geduld eine Existenz aufbauen. Von Lebensfreude und von starken Familien. Es geht Nicole Mtawa nämlich auch darum, „all den unzufriedenen Leuten in einer Konsumgesellschaft eine andere Welt aufzuzeigen“.
„Zarte Liebesgeschichte“ und ganz viel nüchterne Realität
„Mit nichts als der Freiheit im Gepäck erfüllt sich Nicole einen Lebenstraum: Afrika“, so heißt es im Klappentext von „Sternendiebe“; von einer „zarten Liebesgeschichte“ ist die Rede, und von Hoffnung und Verzweiflung, die „unter dem Sternenhimmel Afrikas eng beieinanderliegen“. Mit Poesie hat Jumas Lebensgeschichte freilich wenig zu tun. Er ist kein Massai-Krieger, hat vieles getan, auf das er nicht sonderlich stolz ist. Er war ein bis ins Mark verletztes Kind, das sich seit seinem siebten Lebensjahr auf der Straße durchschlug. Unter diesen Umständen zu überleben, erlaubt wenig bis keine moralischen Grundsätze.
Nicole erzählt aus diesem Straßenkinderleben, so wie Juma sie einst ins Vertrauen gezogen hat, damals,
2005, als sich die beiden in der tansanischen Großstadt Dar es Salaam kennengelernt haben — Nicole wollte ihre Diplomarbeit über die örtliche Textilindustrie schreiben. Juma und Nicole wurden in diesem Sommer Freunde, erzählten sich ihre Lebensgeschichten an und begannen, füreinander da zu sein. Bald wurde mehr daraus. Doch der junge Afrikaner hatte nie gelernt, ans Glück zu glauben, und auch die Deutsche wehrte sich zunächst gegen dieses scheinbar unmögliche Liebe. Zu sagen, dass Welten die beiden trennten, ist sicher nicht übertrieben. Es gab Missverständnisse, Fehlinterpretationen und immer wieder schmerzliche Enttäuschungen — weil Juma, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, ganz wesentliche Dinge des Zusammenlebens erst noch lernen musste: Man gibt nicht das Geld der Freundin für Drogen aus, und man sagt nicht drei Tage vor der Hochzeit einer wildfremden Blondine, dass man sie liebt. Das Leben auf der Straße wiederum hat seine ganz eigenen Gesetze. Wie sehr Nicole dieser fremden Welt mittlerweile verhaftet ist, zeigen Teile ihrer Erzählung, in denen ein ehemaliger Freund Jumas verdächtigt wird, schwarze Magie anzuwenden. Oder eben die Sache mit dem Fluch, dem Juma all sein Unglück zuschrieb und der zunächst gebrochen werden musste. Auf der anderen Seite ist Juma verrückt nach den Gmünder Kässpätzle, und das Schwäbisch Gmünder Kapitel zeigt Vertrautes aus einem gänzlich unvertrauten Blickwinkel. Hier wird geschildert, wie der junge Mann aus Afrika Nicoles Eltern und Großeltern kennenlernt, außerdem Tammy, den Golden Retriever der Familie („mittlerweile wundert es mich nicht mehr, dass man in Afrika sagt, es sei besser als Hund in Europa geboren zu werden, denn als Mensch in Afrika“). Bewundernswert übrigens, wie freundlich das Willkommen in Gmünd war, immerhin hatte die Hochzeitsankündigung die Familie überrumpelt: „Natürlich war es der größte Schock ihres Lebens, dass ich einen eben noch drogenabhängigen und tuberkulosekranken Verbrecher mit nach Hause bringen wollte“.
Das alles ist Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrem Ehemann unterstützt Nicole heute in ihrer neuen Heimat Tansania notleidende Kinder – wie Juma einst eines war. Das Geld für ihre Hilfsprojekte verdienen die beiden durch verschiedene Jobs, die mehr abwerfen, als sie zum Leben brauchen. Die beiden sagen, sie seien sehr glücklich miteinander.
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