Weltbekannte Poesie-Künstlerin und Ordensfrau hat ihre kreativen Wurzeln auch in Gmünd
Schwester Maria Innocentia Hummel – ein Name, der durch herzige Poesie– und Kinderbilder und ab 1935 durch Porzellankinder, sogenannte „Hummel-Figuren“, in die ganze Welt getragen wurde. Auch Gmünd und der Hohenrechberg spielten im Leben der weltbekannten Ordensfrau eine Rolle. Von Pfarrer Klaus Stegmaier
GMÜND-RECHBERG. Fast jeder Erwachsene kennt die Hummel-Figuren, die mit ihrer liebreizenden Ausstrahlung voll naiver Unschuld in den harten
30er-Jahren des
20. Jh. ein nostalgisches Fleckchen heile Welt darstellten. Die berühmten Kinderpastelle avancierten auch über den
2. Weltkrieg hinaus zu einem optischen Gemeingut, mit dem Generationen aufwuchsen. Noch heute kann man sie in Poesie-Alben antreffen.
Die Schöpferin, Berta Hummel, später Schwester Maria Innocentia Hummel (
1909 –
1946) war eine leidenschaftliche studierte Künstlerin und ab dem Jahr
1933 Ordensfrau im Franziskanerinnenkloster Sießen bei Bad Saulgau.
Geboren am
21. Mai
1909 im niederbayrischen Massing a.d. Rott, absolvierte sie von April
1927 bis März
1931 ein Studium an der Staatsschule für Angewandte Kunst in München. Am
22. April
1931 trat sie als Kandidatin in das oberschwäbische Kloster Sießen ein. In der Zeit danach kam sie auch nach Schwäbisch Gmünd, wo sie in St. Ludwig wohl ein Unterrichtspraktikum bei Schwester M. Heriburga Handschuh, einer der besten damaligen Zeichenlehrerinnen, absolvierte. Sie schreibt in dieser Zeit eine Postkarte mit dem Motiv des Heilig-Kreuz-Münsters an ihren Bruder Ady: „Es ist hier wunderbar und gibt viel zu sehen und viel zu profitieren …“ In dieser Zeit kam sie mit Sicherheit auch auf den Hohenrechberg und besuchte die Wallfahrtskirche.
Die Gegend rund um den Hohenrechberg war den Schwestern von Sießen ohnehin wohl vertraut, da eine der bedeutendsten Frauen dieses Klosters, die dritte Generaloberin Mutter M. Franziska Nagel (
1868 –
1924) vom Kratzerhöfle, ca.
3 km südlich vom Hohenrechberg gelegen, stammte.
Pfarrer Eugen Bolter, seit
1937 Pfarrer auf dem Hohenrechberg, trat in den Kriegsjahren mit dem Wunsch an Schwester M. Innocentia Hummel heran, sie möge das Wallfahrtsbild der Schönen Maria zeichnen. Diesem Wunsch kam die Künstlerschwester in den ersten Monaten des Jahres
1944 nach. Sie schuf zwei Pastellzeichnungen, die dem überglücklichen Rechbergpfarrer durch Mutter Oberin in Gegenwart von Schwester Hummel als Geschenk übergeben wurden. Alsbald wurde es als Andachtsbildchen gedruckt und von Pfarrer Bolter v.a. nach der Beichte verteilt und weit verbreitet. Unzählige Gläubige rund um den Rechberg haben ein solches Bildchen wohl heute noch in ihrem Gesangbuch.
Die Pastellzeichnungen entstanden in dramatischer Zeit: Am
4. November
1940 hatten die Nationalsozialisten das Kloster Sießen räumen lassen.
Im Juli
1944 erkrankte Sr. M. Innocentia Hummel schwer – erste Anzeichen ihrer schweren Lungenkrankheit (Lungentuberkulose).
Am
9. August
1944 schrieb Pfarrer Bolter einen Dankesbrief an die Hummel-Schwester, in dem er nochmals betont, wie gelungen und würdig das gemalte Wallfahrtsbild sei und wie freudig es von den Gläubigen aufgenommen werde. Außerdem äußerte er höflich und zurückhaltend die Bitte, ob sie nicht auch das Gnadenbild des heiligen Bernhard zeichnen könne. Doch daraus wurde nichts mehr: Bereits am
6. November
1946 verstarb Sr. M. Innocentia Hummel erst
37-jährig im Kloster Sießen.
Hummel-Bilder wurden in Rechberg wiederentdeckt und das Gnadenbild jetzt nach Sießen gebracht
Pfarrer Bolter hütete die originalen Hummelbilder wie seinen Augenstern. Nach seinem Tod im Jahr
1973 wurde sein Pfarrarchiv unter dem Dach des Pfarrhauses auf dem Berg nicht gerade sensibel ausgeräumt. Die Hummel-Bilder wären um ein Haar beide auf dem Schutthaufen gelandet und damit für immer verloren gewesen, hätte nicht eine Frau aus Rechberg, Heidl Sonnentag, eines gerettet und mit nach Hause genommen.
Die Jahre zogen ins Land. Im Jahr
2004 ging ein Schreiben des Klosters Sießen an Pfarrer Stegmaier, in dem angefragt wurde, ob über den Verbleib eines oder beider Hummel-Bilder etwas bekannt sei. Pfarrer Stegmaier verneinte zunächst, weil ihm bis dahin nichts dergleichen zu Augen oder zu Ohren gekommen war.
Einige Zeit danach brachte Heidl Sonnentag eines der beiden gesuchten, als vermisst geltenden Gemälde ins Rechberger Pfarrhaus. Die Freude war groß. Pfarrer Stegmaier bewahrte es sorgsam auf, bis mit dem
100. Geburtstag der bekannten Künstlerschwester für ihn der „Kairos“, d.h. der rechte Zeitpunkt gekommen schien, das wertvolle Bild nach Sießen zurückzubringen. Dort, wo es auch einen Hummelsaal mit einer Dauerausstellung mit Werken von Schwester Hummel gibt, ist das Kunstwerk am besten aufgehoben. Die Sießener Schwestern waren voller Freude, als am zurückliegenden
5. Dezember eine Rechberger Abordnung mit zwei Autos in Sießen vorfuhr und die Pastellzeichnung übergab.
Die Gäste vom Hohenrechberg durften die herzliche Gastfreundschaft der Ordensfrauen genießen, u.a. durch eine Führung durch das Kloster, den barocken Festsaal und die Klosterkirche. Nach dem gemeinsamen Mittagessen, dem Besuch des Hummelsaales und abschließendem Kaffee und Kuchen traten die Rechberger mit ihrem Pfarrer Stegmaier innerlich beglückt und bereichert den Heimweg an. Der Ausflug nach Sießen glich einem hochinteressanten Eintauchen in ein Stück Kunstgeschichte und schenkte Begegnung mit einer schicksalhaften Frauenkarriere.
„Ich will nur Freude machen“, schrieb einst Schwester Maria Innocentia Hummel. In diesem Sinn wirkt die Ordensfrau und Künstlerin bis heute. Das Kloster Sießen ist in jedem Fall mehr als nur einen Besuch wert.
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