Rems-Zeitung - Täglich eine gute Zeitung

Anzeige

Lokalnachrichten

» Schwäbisch Gmünd | Dienstag, 23. Juni 2009

Aufnahme eines kleinen Jungen im „Haus der Hoffnung“ in Nepal

Ellen Dietrich, Agnes-​von-​Hohenstaufen-​Schülern bestens bekannt, ist nach ihrer Pensionierung in Schwäbisch Gmünd geblieben und hat hier den Verein „Haus der Hoffnung – Hilfe für Nepal“ auf den Weg gebracht. Der Rems-​Zeitung erzählte sie von ihrer Arbeit im von ihr gegründeten Kinderhaus. Von Ellen Dietrich

SCHWÄBISCH GMÜND. 8 Uhr morgens. Als ich auf das Klingeln hin das Tor öffne, schieben ein jüngerer Mann und eine Frau einen kleinen Jungen vor sich durch die Tür. Ich verstehe sofort, dass es sich um den angekündigten Jungen aus Gorka in Westnepal handelt.
Und schon sind die beiden Erwachsenen wieder verschwunden. Einen Abschied gab es nicht, denke ich verwundert, während die Tür quietschend ins Schloss fällt. „Ein Kind wurde einfach abgegeben, wie ein Paket“ denke ich. Hatte ich da nicht sogar noch einen Seufzer der Erleichterung vernommen oder war das nur meine Einbildung?
Später erfahre ich, dass der jüngere Mann ein Onkel des Jungen ist, der die stundenlange Busfahrt auf sich genommen hat, um ihn zu uns zu bringen. Jetzt muss der Onkel so schnell wie möglich wieder in sein Dorf zurück, wo die Feldarbeit auf ihn wartet.
Der Vater des Jungen starb an Gelbsucht, die Mutter hatte wieder geheiratet und das Kind bei Nachbarn zurückgelassen, die selbst sehr arm sind. Sie kann in dieser streng patriarchalischen Gesellschaft nicht allein leben. Eine Frau hat nur einen Wert als Ehefrau und vor allem als Mutter. Deshalb werden – vor allem auf dem Land – 15-​jährige Mädchen mit 16-​jährigen Jungen verheiratet und haben ein Jahr später ihr erstes Kind.
Mann und Kinder sichern über die Generationen hinweg das Auskommen sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft. Nicht umsonst gibt es im Hinduismus Fasttage, an denen die Frauen für die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Männer fasten. Deshalb musste diese Frau auch wieder heiraten. Ein Kind aus einer früheren Ehe mitzuversorgen liegt nicht drin, denn das Leben in Nepal ist hart und kärglich. Schließlich gilt das Land mit den höchsten Bergen der Welt als das drittärmste Land der Welt mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwas über 40 Jahren.
Bekleidet mit einem sauberen, ordentlich aussehenden T-​Shirt, einer langen Hose und Plastiksandalen steht der Junge ganz verloren in unserem Hof. In der Hand hält er eine Plastiktüte mit einem T-​Shirt zum Wechseln. Mehr hat er nicht mitgebracht. Die Nachbarn und Verwandten hatten wahrscheinlich die besten Kleidungsstücke, die sie für Kinder besaßen, zusammengesucht und dem Jungen angezogen bzw. mitgegeben. Schließlich wollten sie sich nicht lumpen lassen. Auch Arme haben ihren Stolz. Von der Zahnbürste übers Handtuch, die Unter– und Bettwäsche, einer Hose zum Wechseln werden wir neben der Schuluniform, den Büchern und Heften alles besorgen müssen.
Der Junge zeigt keine Regung. Er wirkt nur etwas schüchtern. Ich rufe schnell eines der größeren Kinder. Die beiden können sich sprachlich verständigen und außerdem fühlen sich Kinder schneller zu anderen Kindern als zu Erwachsenen hingezogen. Willenlos lässt sich der Junge von einem der größeren Mädchen ins Haus führen. Stumm und staunend sitzt er zunächst da. Ab jetzt soll er in einem großen gemauerten Haus anstatt in einer engen, dunklen Hütte mit Feuerstelle leben? Unfassbar für den Augenblick.
Innerhalb weniger Tage taut der Junge auf. Schließlich hat er jetzt zum ersten Mal ein richtiges Bett und bekommt täglich zwei warme Mahlzeiten mit einer riesigen Portion Reis. Und nachgeschöpft darf auch werden. So satt war er noch nie. An das regelmäßige Waschen und Zähneputzen muss er sich noch gewöhnen, aber da dürfte er sich kaum von Kindern in Deutschland oder einem andern Industriestaat unterscheiden, die dazu ebenso wie er aufgefordert werden müssen.
 

Noch keine Kommentare vorhanden.

Neuen Kommentar hinzufügen