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» Schwäbisch Gmünd | Dienstag, 23. Juni 2009

Natürlich total verliebt ins Remstal

Zahlreiche Projekte für Hochwasserschutz, Naturpflege und Touristik im 80 Kilometer langen Remstal vor den Toren Stuttgarts erweisen sich immer deutlicher als ein ganzes Bündel von zukunftsträchtigen Glücksgriffen. Mensch und Tier freuen sich gleichermaßen über die Rückkehr zu den natürlichen Stärken dieser Raumschaft. Von Heino Schütte

SCHWÄBISCH GMÜND. Im Bewusstseinswandel entlang der Rems mit Zusammenspiel von 17 Städten und Gemeinden in drei Landkreisen und zwei politischen Regionen vollzieht sich gegenwärtig viel Bemerkenswertes. Im konkreten Einzelfall weiß dies beispielsweise Andreas Schaffer, Bürgermeister von Plüderhausen und einer der dienstältesten Rathauschefs im Remstal, zu schätzen. Er erinnert sich an seinen ersten Amtsantritt vor nunmehr gut einem Vierteljahrhundert: Damals hätten die Menschen hier die Rems als trennendes und ungeliebtes Gewässer wahrgenommen. Eine Kloake, welche ganze Ortschaften und Städte durchschnitt, dann und wann sogar zur furchtbaren Gefahr anschwoll und Millionenschäden hinterließ. Heute wirkt Plüderhausen wie ein Leuchtturm für die neue Rems-​Politik. „Das habe ich mir gewünscht, seit ich hier Bürgermeister wurde“, berichtet Schaffer. Bürger wie Besucher, darunter das wachsende Heer der Pedalritter, genießen die Beschaulichkeit des attraktiv gestalteten Flussufers am Schlossweg und am restaurierten Alten Rathaus. Kinder planschen am neuen Wasserspielplatz. Senioren sitzen auf Bänken und beobachten die lustigen Entenfamilien. An der Rems-​Promenade hat sich zudem eine Freiluftgastronomie entwickelt. Kurzum: Die Menschen fühlen sich angezogen von der Rems.
Ähnliches passiert auch in anderen Gemeinden und Städten. Zwischen Beutelsbach und Enderbach ist an der Rems ein Bürgerpark geplant. Oft sind’s gar keine riesigen Investitionen, sondern nur praktische Kleinigkeiten, wie etwa ein Bootssteg für Wassersportler bei Weinstadt. Die ehrgeizigste Maßnahme vollzieht sich freilich jetzt bei uns in Schwäbisch Gmünd, mit 60 000 Einwohnern größter Rems-​Anlieger. Für die Landesgartenschau 2014 wird, wie bekannt, der komplette Mündungsbereich von Rems und Seitenarm Josefsbach zu einem Paradies mit völlig neuer Aufenthaltsqualität aufgewertet. Und von Remseck am Neckar bis hinauf zum Remsursprung bei Essingen bemühen sich die Gemeinden und Städte um den weiteren Ausbau des beliebten Rems-​Radwanderweges möglichst direkt am Flussufer. Dazu entsteht gegenwärtig auch ein Remstal-​Höhenweg. Dieses interkommunale Miteinander im Remstal ist so alt und erfolgreich nicht. Das erste Zusammenrücken über Kreis– und Regionalgrenzen hinweg vollzog sich erst vor knapp 20 Jahren, sozusagen im Rahmen einer Schicksalsgemeinschaft. Im Februar 1990 wurden die Städte und Gemeinden von einem Jahrhunderthochwasser heimgesucht. Dauerregen und Schneeschmelze waren so unglücklich aufeinander getroffen, dass eine Flutwelle Wohn– und Industriegebiete überschwemmte. Das Hochwasser forderte seinerzeit ein Todesopfer und Sachschäden im dreistelligen Millionenbereich. Die Feuerwehr musste mancherorts mit Schlauchbooten zahlreiche eingeschlossene Menschen in Sicherheit bringen. Besonders hart betroffen waren Lorch und Waldhausen sowie Hussenhofen und die Gmünder Oststadt. In erschreckend rascher Folge kam es zu weiteren Überschwemmungen. Am 21. März 2002 erreichte die Rems im Bereich Plüderhausen und Schorndorf mit fast fünfeinhalb Metern über Normal ihre bisherige Rekordmarke. Klimaveränderungen alleine waren es nicht. Naturschutzverbände hatten schon seit langem darauf aufmerksam gemacht, dass durch unkoordinierte Siedlungspolitik, Landschaftsversiegelungen und Flussbegradigungen im Remstal ein gefährlicher Raubbau an der Natur betrieben wurde. Nach dieser Zeit der Bausünden musste ganz schnell aus dieser Not eine Tugend gemacht werden. Kommunen, Landkreise und das Regierungspräsidium gründeten 1998 unter dem Eindruck der dramatischen Entwicklung den Wasserzweckverband Rems. Hauptziel: Bau von acht Sperrwerken mit Poldern. Der Grundgedanke: Der Rems sollte wieder ein natürlicher Ausbreitungsraum zurückgegeben werden. Viele Naturschützer hatten jedoch Bedenken, befürchteten einen neuen Eingriff gegen den Naturraum Remstal, sahen nur einen immens kostspieligen Kampf gegen die Symptome, nicht jedoch eine vollwertige Therapie fürs kranke Remstal. Mindestens zehn Millionen Euro kostet im Einzelfall Bau von Sperrwerk und Deichlinien für ein solches Hochwasserrückhaltebecken. Zwischenzeitlich sind drei dieser Anlagen realisiert. Sie befinden sich zwischen Schwäbisch Gmünd und Lorch, bei Waldhausen sowie bei Schorndorf. Mit der Planfeststellung für ein viertes Becken nahe Plüderhausen wird jetzt im Herbst gerechnet. Dipl.-Ing. Hans-​Georg Walter, Technischer Verbandsgeschäftsführer aus Gmünd, erklärt, dass mit diesem vierten Hochwasserrückhaltebecken das Bauprogramm vorläufig abgeschlossen werde. Vor Verwirklichung der vier weiteren Anlagen wolle man seitens des Verbands und auch des Landes (Hauptgeldgeber) zunächst mal abwarten, wie sich die Überschwemmungsflächen bewähren und verhalten. Ein Nachweis ist für Hans-​Georg Walter jedoch erbracht: „Die Hochwasserrückhaltebecken fügen sich tadellos in Natur und Landschaftsbild des Remstals ein.“ Nicht nur das: Die Sperrwerke und ihre naturnah gestalteten Flutmulden haben sich bei den Radtouristen und Wanderern zu echten Attraktionen entwickelt. Nicht nur die Technik, die Urlauber und Ausflügler überwiegend bislang nur von der Nordsee kannten, fasziniert, sondern der Naturraum innerhalb der riesigen Becken haben sich zu Besonderheiten entwickelt. Geflutet werden sie ja nur bei extremen Hochwasserereignissen. Entwässerungsmulden darin sind allerdings als Feuchtgebiete mit Teichen und kleinen Bachläufen ausgebildet. Vor einem Jahr wurde beispielsweise das Hochwasserrückhaltebecken zwischen Lorch und Waldhausen eingeweiht. Was beim Bau noch wie eine triste Erddeponie aussah, ist schon jetzt eine Erlebnislandschaft für Naturbeobachter. Störche und andere seltene Vögel sind beim Froschkonzert zu Gast. Rehe bewegen sich ungestört im hohen Gras und zwischen Wäldchen. Dazu haben Spaziergänger und Radfahrer auf Wegen, die auf den Deichkronen angelegt sind, ideale Gelegenheit, bequem vorwärts zu kommen. Zumindest bei Lorch, Waldhausen und Schorndorf ist der Schmerz des Eingriffes in Baumbestand und Ackerland längst vergessen. Vielmehr werden die umfangreichen Ausgleichsmaßnahmen für die Natur in Verbindung mit neuen Wegenetzen als weitere Bereicherung für die Natur– und Kulturregion Remstal wahrgenommen.
Noch nie zuvor zeigten sich die Remstäler und Gäste so „natürlich total“ verliebt in ihren einst so ungeliebten Fluss, was nicht zuletzt im Event „RemsTotal – Genuss am Fluss“ zum Ausdruck kommt, das im nächsten Jahr wieder über die 80 Kilometer lange Bühne gehen wird. Die Regie führt diesmal die Stadt Schwäbisch Gmünd mit der dafür eigens engagierten Eventmanagerin Ulrike Schwebel.


Landschaftspark Rems:
Bereits angelaufener Masterplan unter der Regie des Regionalverbands Stuttgart für die kulturelle, wirtschaftliche und zugleich naturnahe interkommunale Entwicklung der Raumschaft entlang der Rems. Für Planer Johann Senner (Gestalter auch des Landesgartenschaukonzepts in Schwäbisch Gmünd) ein „Zauberwort“, um die „Perlenkette“ von 17 Städten und Gemeinden mit all ihren Sehenswürdigkeiten aufeinander abgestimmt und werbewirksam auch als Standortfaktor aufzureihen.

Landesgartenschau 2014 und 2018:
In Schwäbisch Gmünd findet 2014 die Landesgartenschau statt. Die Städte und Gemeinden im Remstal haben nun auch eine gemeinsame Bewerbung für 2018 formuliert.
Reizvoller Gedanke: Erstmals könnte fernab von Kirchturmspolitik sowie über Kreis– und Regionalgrenzen hinweg eine natürlich gewachsene Region mit all ihren Sehenswürdigkeiten und auch Wirtschaftskraft in den Blickpunkt rücken. Geplant sind weitere Renaturierungsmaßnahmen sowie z.B. „Kulturufer“ entlang von Industrieansiedlungen.

RemsTotal – Genuss am Fluss:
Riesiges Festival mit viel Musik, Unterhaltung, Geselligkeit, Führungen durch die Römer-​, Staufer– und Mittelalterepochen im gesamten Remstal. Nächste Auflage ist am 15./16. Mai 2010.

Tourismusverein RemstalRoute:
Bereits sehr erfolgreicher Zusammenschluss der Kommunen, um Ausflügler und Touristen auf die ungewöhnliche Vielfalt von Natur, Geschichte, Kultur und besonders auch der Gastronomie zwischen Weinbergen, Streuobstwiesen und den Ausläufern der Schwäbischen Alb vor den Toren Stuttgarts aufmerksam zu machen.

 

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