Kurt Scholze sprach im Münster vor den Schülern aus Prag, die am HBG zu Gast waren
Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern vom Gymnazium Nad Praácce in Prag folgte einer Einladung des Hans-Baldung-Gymnasiums und besuchte dieser Tage Schwäbisch Gmünd.
SCHWÄBISCH GMÜND (ksc). Vor einem Jahr wurde die Idee einer Schulpartnerschaft mit einem tschechischen Gymnasium geboren. Der Parlerring gewann den Schulleiter des
HBG, Manfred Reichert für die Idee und in einem Gespräch, zusammen mit
Dr. Kurt Scholze, Marianne Döbbelin sowie Irena Nováková, stellte sich heraus, dass man gerade offene Türen einrannte. Irena Nováková, Reiseleiterin in Prag, einer Reihe Gmündern bekannt von einer Reise in die tschechische Hauptstadt, manchen bekannt von ihrem Lichtbildervortrag über Prag im Franziskaner im letzten Jahr, vermittelte den ersten Kontakt zu dem Prager Gymnasium, das die deutsche Sprache pflegt.
Die Lehrerinnen Margarete Pfeiffer und Nicole Großhalde diesseits der Grenze und Sarka Pugnerová und Jana Marková jenseits der Grenze nahmen sich der Sache an und machten einen Schuh daraus. Das Oberschulamt ermutigte. Die jungen Leute wurden problemlos und freundlich in Gastfamilien für eine Woche aufgenommen, man freut sich schon heute auf den Gegenbesuch in Prag im September.
Der Parlerring wird dieses Jahr
10 Jahre alt. Er hat sich vorgenommen, eine Brücke zu bauen zwischen Prag und Schwäbisch Gmünd. Gmünd überstand den Krieg unzerstört und musste deshalb überdurchschnittlich viele Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen. Allein im Jahr
1946 waren es über
15 000 Menschen. Aus heutiger Sicht war die Integration so vieler Menschen ein gewaltiger Entwicklungsschub für die Stadt.
Daraus leitet der Parlerring ab, dass es eine große Aufgabe wäre, den Versuch zu machen, einen Beitrag für eine friedlichere Welt zu leisten und eine Brücke zu bauen zwischen der Parlerstadt und dem Osten. Und das gute Miteinander der beiden Gruppen ist der Beweis dafür, dass solche Begegnungen junger Leute ein Schritt in die richtige Richtung ist. Am Mittwoch war ein Besuch im Heilig-Kreuz-Münster geplant.
Dr. Kurt Scholze verzichtete auf die vielen Details, die man Touristen über das Kleinod unserer Stadt berichten könnte, es kam ihm darauf an, Wesentliches den tschechischen Besuchern, und nicht nur diesen, mitzugeben. Wesentlich waren auch die Hinweise auf den Beginn des Kirchenbaus um
1315, keiner weiß das Jahr genau; auf den Baumeister Heinrich Parler, auf Peter Parler, den Sohn Heinrichs und die Spekulationen, welchen Anteil dem Jungen an den Plänen des Chors zugeschrieben werden darf. Dass Peter de Gamundia in Gmünd geboren wurde, wird inzwischen nicht nur von den Gmünder Protagonisten, sondern auch von dem Kunsthistoriker Marc Carl Schurr oder dem Prager Bauingenieur vom Hradschin, Petr Chotebor und vielen anderen, vertreten. Der letztere wird übrigens am
16. September im Franziskaner Festsaal einen Vortrag über Parlerbauten in Böhmen halten. Die Berufung zum Dombaumeister der Parler-Bauhütte durch den Kaiser im Jahre
1356 war ein wichtiger Meilenstein für Peter und für fast ein Jahrhundert Architekturgeschichte.
Und damit war die Brücke nach Prag geschlagen und der Bezug zum Meisterwerk Peter Parlers — dem Veitsdom am Hradschin — hergestellt. Was der heutige Tourist an Prag bewundert, den Veitsdom, die Karlsbrücke, der Altstädter Brückenturm war eine Inspiration Kaiser Karls IV. und trägt die Handschrift des Peters von Gmünd. Jedes Kind in Prag kenne den Petr Palér, hatte einst Jirí Grusa, ein Freund Václav Havels in seinem Referat über Deutsche und Tschechen
1999 im Prediger verkündet.
Zum Abschluss seiner Führung berichtete Scholze als Zeitzeuge Erlebnisse aus seiner frühen Kindheit in Gablonz, heute Jablonec, aus der Zeit der Vertreibung, von der Verschleppung seiner Familie nach Cáslov, Tschaslau. Der Aufenthalt dort bedeutete für das Kind mit
11 Jahren eher Abenteuerurlaub, für die Eltern aber harte Ackerarbeit und große Unsicherheit.
Die Initiative Parlerring will verhindern helfen, dass sich für die heutige Jugend solche Ereignisse wiederholen. Aus Frankreich wurde der Freund im Westen, kein Mensch würde heute mehr von einem Erbfeind sprechen. „Ein von innen getragenes, gutes Verhältnis wünschen wir uns auch zu Tschechien, über die politischen Verträge hinaus, die immer wieder Anlass zu Streit unter den Politikern geben“, so Kurt Scholze.
Das Heilig-Kreuz-Münster war der richtige Ort, um auch über die Schattenseiten der Vergangenheit zu sprechen. Um die Bedeutung der Begegnung zu ermessen, müsse man mit den Augen des mittelalterlichen Menschen diesen Sakralbau betrachten; für ihn, der keine Großturnhallen, keine Festhallen, keine Bahnhofshallen kannte, sondern nur seine kleine Behausung, war der große Münsterraum die Vorstufe zum Paradies. Ergriffen betete man gemeinsam das Otce nás, das Vaterunser.
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