Warum eine Praxisübergabe im ländlichen Raum heute nicht mehr selbstverständlich ist
Zwei Jahre lang hat Dr. Dieter Schneikert einen Nachfolger gesucht. Bemerkenswert daran ist allenfalls, dass er einen gefunden hat. Mit der RZ sprach der Mediziner, den die Untergröninger seit mehr als 30 Jahren schätzen, über seinen Berufsstand und dessen Nöte.
ABTSGMÜND-UNTERGRÖNINGEN
(bt). Der künftige Ruheständler ist nicht der erste
Dr. Schneikert, der sich ums Kochertal verdient gemacht hat. Im Untergröninger Heimatmuseum ist ein Foto des Seniors zu sehen, der ebenfalls fast
30 Jahre lang Landarzt mit Leib und Seele war. Otto Schneikerts Geschichte ist bekannt im Ort: Als ganz junger Arzt wurde er eingezogen, war dann Truppenarzt und litt in Gefangenschaft, wie viele tausend mit ihm. Zum Glück für den Ort schätzte er Major Erich Wacker, Schulleiter in Untergröningen, mit dem er vieles er– und überlebt hatte. Und als ihm der Freund
1947 erzählte, dass sein Heimatort dringend einen Arzt benötigte, war die Entscheidung schnell getroffen. Ein Jahr lang lebte und praktizierte er in der Kolonie, dann, von
1948 bis
1968 im Schloss, bevor in der Lindenstraße der Neubau entstand. Der erste
Dr. Schneikert war ein Landarzt wie er im Buche steht, bei Wind und Wetter unterwegs, im Sommer und im Winter. Wie oft, erinnert sich sein Sohn, war der Vater in dunkler Nacht auf dem Motorrad unterwegs, weil irgendwo ein Kind erwartet wurde oder ein Schwerkranker keine andere Hoffnung hatte, als das Knattern der Ardie zu hören. Im Winter, wenn mit dem Rädle kein Durchkommen war, schnallte er sich die Skier an und erreichte so die entlegensten Gehöfte – einmal bot eine Tour im nächtlichen Schneetreiben nach Rötenberg wohl Stoff für mehr als einen Albtraum, und auch überfallen wurde der Herr Doktor eines unschönen Tages. Selbst wenn keine Notfälle anstanden: In einer Zeit in der die Menschen nicht mobil waren, musste es der Arzt sein. Mehrmals in der Woche schnallte der Senior seinen Arztkoffer auf sein Motorrad und besuchte als eine Art „Praxis auf Rädern“ Orte wie Wegstetten, Algishofen, Fach und Obergröningen, später auch Sulzbach und Umgebung. In Laufen stand ihm zweimal wöchentlich im Hinterszimmer des Gasthauses ein Tisch zur Verfügung. Immer im Einsatz, immer in der Verantwortung — fand Sohn Dieter das nicht abschreckend? Er lächelt. Kann sich nicht erinnern jemals etwas anderes werden zu wollen. An seinem Vater sah er, wie wichtig, richtig und befriedigend es ist, in seinem Beruf aufzugehen. So studierte er in Erlangen, Bonn, Wien und Freiburg, wollte zunächst ganz viel sehen, ganz viel erleben. Und ein richtig guter Arzt werden. Bereits
1975 aber erkrankte der Vater schwer. Dieter Schneikert half kurzfristig aus, organisierte Helfer und Vertreter und anderes mehr, aber bereits
1977, viel früher als geplant, wurde er endgültig Untergröningens neuer
Dr. Schneikert. Das war er jetzt
32 Jahre lang. Wie gut, dass seine Frau, eine Schweizerin, die er in Freiburg kennen– und lieben gelernt hat, die ganze Zeit über an seiner Seite war.
Am Wochenende und an Feiertagen war Dieter Schneikert weniger belastet als sein Vater – zunächst in einer Gemeinschaft mit den Kollegen in Eschach und Schechingen, später mit drei weiteren Ärzten aus der Umgebung und seit kurzem in einer „großen Lösung“ des Gmünder Raumes fand er ein wenig Entlastung – auch wenn er einräumt, dass sich nicht wenige Patienten nicht um die Vertretungslösung scherten, sondern in ihrer Not direkt zu ihm kamen. Ja, auch er war – in schöner Familientradition – Tag und Nacht da für diejenigen, die sich an ihn wandten. Wer jetzt die nicht selten tränenreichen Abschiedsszenen verfolgte, weiß, welche Bedeutung ein „Hausarzt“ für die Menschen hat; manchmal konnte sich Dieter Schneikert gar nicht mehr erinnern an den schweren Unfall oder die nach jahrelangen Schmerzen geheilte Krankheit, den Beistand an Sterbebetten, den rechtzeitig entdeckten Tumor und anderes mehr, das seine Patienten durch die dunkelsten Stunden begleitet hat.
Leicht war das Arztsein noch nie, das wird aus seinen Erzählungen deutlich. Derzeit aber wird insbesondere den Allgemeinmedizinern wohl die Freude am Beruf genommen. Im Raum Ellwangen konnte bereits für einige Praxen kein Nachfolger gefunden werden; nachdem nun auch im Gmünder Raum mehrere Allgemeinmediziner vom baldigen Ruhestand sprechen – die Kreisärzteschaft spricht von
120 Praxisinhabern im Ostalbkreis, die in den kommenden zehn Jahren altershalber aufhören wollen – stellt sich auch die Frage, ob und wie es weitergehen soll. Während über die Hälfte der jungen Ärztinnen und Ärzte ins Ausland gehen, wo sie viel besser bezahlt werden, oder eben in Berufe, in denen sie nichts mit Kranken und Verletzten zu tun haben, droht hierzulande eine Ausdünnung der flächendeckenden Versorgung.
Für Dieter Schneikert, der in Untergröningen längst seinen Heimatort sieht und hier auch seinen Lebensabend verbringen will, stand fest, dass er seine Praxis nicht schließen wollte: „Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, den Leuten das anzutun“. Dass es freilich so schwer sein würde, einen Nachfolger zu finden, hätte er nicht gedacht.
Dr. Wolfgang Klein,
59 Jahre alt, „bislang Leiter einer psychosomatischen Klinik in Ulm und als niedergelassener Arzt durchaus erfahren“, sei „ein Glücksfall“. Seit heute hat der Ort also einen neuen „Hausarzt“. Andere Gemeinden werden wohl nicht so viel Glück haben — davon sind mehr und mehr Ärzte im Gmünder Raum überzeugt.
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