Mitgliederversammlung des Volkshochschulverbandes
Nirgends ist für VHS–Angebote so viel zu zahlen wie in Baden-Württemberg. Gerade diejenigen, die am meisten auf Bildungsangebote angewiesen sind, werden deshalb immer seltener erreicht: Der Volkshochschulverband Baden-Württemberg, der gestern in Gmünd tagte, forderte nachdrücklich einen Ausbau der Landesförderung.
SCHWÄBISCH GMÜND
(bt). Die Leiterinnen und Leiter der
174 Volkshochschulen im Land diskutierten gestern mit Kulturstaatssekretär Georg Wacker, mehreren Abgeordneten und
Dr. Joachim Bläse als Vertreter der Stadt über die Zukunft der Volkshochschulen. Die in diesem Rahmen verabschiedete Resolution – die „Schwäbisch Gmünder Erklärung“ – zeugt vom Selbstverständnis der Volkshochschulen: „Weiterbildung schafft das Bewusstsein, etwas Sinnvolles zu tun und vermittelt die Erfahrung, nicht am Rand der Gesellschaft zu stehen. Weiterbildung unterstützt die Integration“. So findet die Hälfte aller Integrationskurse in Volkshochschulen statt, die auch die einzigen Institutionen im Land sind, die Einbürgerungstests anbieten. Menschen aller Altersstufen und Einkommensgruppen sollten über die Wirtschaftskrise hinaus vom umfassenen Bildungsangebot der Volkshochschulen profitieren, heißt es da weiter. Alle Menschen seien darauf angewiesen, ihr Wissen zu erneuern oder zu vertiefen, und es seien die „Volkshochschulen, die die Zukunft durch Weiterbildung für alle sichern“, vom nachgeholten Schulabschluss bis zur Möglichkeit eines Studiums mit
VHS–Zertifikaten.
Gerade mal
5,
8 Prozent trägt das Land zur Finanzierung der Gmünder
VHS bei, der Bundesdurchschnitt ist mit
13,
6 Prozent mehr als doppelt so hoch.
70 Prozent werden von
VHS–Chef
Dr. Reinhard Nowak und seinen Mitstreitern selbst erwirtschaftet, das sind
5 Prozent mehr als der Landesdurchschnitt,
30 Prozent mehr als die Eigenfinanzierung der Volkshochschulen in anderen Bundesländern. Am Beispiel Gmünd zeigt sich, wie sich die Bilanz über Bundes– oder
EU–Aufträge bzw. über Projekte mit der Agentur für Arbeit etwas verbessern lässt. Frieder Birzele, Innenminister a.D. und Vorsitzender des Volkshochschulverbandes, machte gestern aber auch deutlich, dass grundsätzlich „in Baden-Württemberg der Anteil der Teilnahmeentgelte an der Gesamtfinanzierung sehr hoch ist“ – mit
57 Prozent fast
17 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Sie sei nicht nur bundesweit einmalig, sie sei für die Einrichtungen auf Dauer gefährlich und vor allem sei sie unsozial. Gerade in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten bedürfe es nämlich einer Entlastung der Bevölkerung: „Andernfalls werden Geringverdienende von der Weiterbildung ausgegrenzt“. Die immer wieder schmerzlich vermisste Chancengleichheit im Bildungssystem werde auch im Bereich der Weiterbildung nicht erreicht und das Problem werde immer größer. Auch Nowak machte deutlich, wie wichtig eine stärkere Beteiligung des Landes wäre: „Eine Verdoppelung brächte uns, dahin wo wir bereits vor
15 Jahren waren, ohne Inflation wohlgemerkt, und wir hätten ein bisschen mehr Spielraum, insbesondere um Kontakte zu bildungsschwachen Schichten aufzubauen oder für Firmen ganz spezielle Weiterbildungsangebote für die Mitarbeiter zu erarbeiten“
Gmünd ist eine von
35 Beratungsstellen für die Bildungsprämie: Wer ein zu versteuerndes Einkommen bis
20 000 Euro hat, erhält pro Jahr einen Gutschein über
154 Euro für die berufliche Weiterbildung; mindestens
154 Euro muss der– oder diejenige selbst beisteuern. Die
VHS nennt dieses Angebot einen wichtigen ersten Schritt und einen guten Anfang – aber mit dieser Summe ließen sich nur wenige Qualifizierungsangebote finanzieren. Die Bildungsberatung selbst kostet die
VHS mehr als sie einbringt, aber im Wissen um die Bedeutung der Weiterbildung werde sie selbstverständlich angeboten. Wer in einer solchen Krise, in der der Abbau tausender Arbeitsplätze drohe, für den Arbeitsmarkt attraktiv bleiben wolle, müsse sich weiterbilden.
Insgesamt zogen die
174 Volkshochschulen mit ihren
734 Außenstellen gestern eine positive Bilanz für
2008: Die Zahl der geleisteten Unterrichtsstunden sei enorm gestiegen,
88 914 Stunden mehr als
2007, die meisten im Bereich Sprachen.
2,
071 Millionen Menschen haben
VHS–Veranstaltungen besucht, das ist die höchste Teilnehmerzahl seit
2005. Die Nachfrage war im Bereich Gesundheit am höchsten.
Blick auf die Menschen in Gmünd und in der Gmünder
VHS
Die zweitägige Tagung beinhaltete eine Führung mit
Prof. Dieter Rodi durchs Taubental – auf dem Erlebnis-Waldpfad ging’s zu den Weleda-Gärten –;
Dr. Klaus-Dieter Herrman führte durchs Stadtarchiv,
Dr. Gabriele Holthuis durchs Museum, Annemarie Wiener durch die Ott-Pausersche Fabrik. Es gab einen italienischen Abend mit Musik von Elan Vital und Ausführungen von Klaus Dieter Schira zum italienischen Wein.
Gestern dann, bei der öffentlichen Jahresversammlung, spielte Cellist Frank Grossmann für die Gäste. In einer abschließenden Gesprächsrunde zum Thema „Volkshochschule sichert Zukunft durch Weiterbildung für alle“, die Reinhard Nowak moderierte, wurden die unterschiedlichsten Bereiche und Aspekte Gmünder
VHS–Arbeit beleuchtet. Melahat Ayyildiz Akbas etwa kam
1972 im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Seit neun Jahren schafft sie es als alleinerziehende Mutter von drei Kindern, im Schichtbetrieb zu arbeiten. Mehr noch: Nach dem
VHS–HASA-Lehrgang und der Abendhauptschule, die sie
2007 als Beste abschloss, besucht sie jetzt das Abendgymnasium, um sich irgendwann den Berufswunsch Hebamme erfüllen zu können. Hans-Joachim Dellit ist seit
1999 Rentner und besucht seit
1952 VHS–Kurse und Vorträge, verstärkt natürlich seit
2000 – er interessiert sich unter anderem für Film und Fotobearbeitung ebenso wie für Astronomie, Religion, Kunst, Geschichte, und Philosophie, für alles, was sein Verständnis für die Welt vertieft. Kunstpädagoge Uwe Feuersänger ist freischaffender Künstler und
VHS–Dozent „Kreatives Gestalten“. Vesna Groznica kam
14-jährig als Bürgerkriegsflüchtling aus Kroatien. Sie lernte an der
VHS Deutsch und schloss den
VHS–Hauptschullehrgang mit Bestnoten ab. Heute arbeitet sie beim Landeskriminalamt als Sachbearbeiterin Buchführung und unterrichtet an „ihrer“
VHS Finanzbuchführung. Karl Hieber schließlich, Prokurist bei Umicore, qualifiziert Mitarbeiter, die sich mit seiner Hilfe das Cambridge-Certificate erarbeiten. Sie alle stehen für die Zukunftssicherung.
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