Die türkischen Mitbürger gedenken heute der Zehntausenden Erdbebenopfer vom 17. August 1999
Manchmal war es ja nur ein gespendeter Kaugummi aus Schwäbisch Gmünd, der wieder ein kleines Kinderlächeln in dieses riesengroße Chaos aus Tod, Leid und Trümmern brachte. Genau heute vor zehn Jahren verwüstete ein Jahrhunderterdbeben den Nordwesten der Türkei. Die Rems– Zeitung und ihre Leser sorgten für eine bis heute unvergessene Spenden– und Hilfsaktion.
SCHWÄBISCH GMÜND. Vielerorts in der Türkei finden am heutigen Montag Gedenkveranstaltungen statt. Nachdenklichkeit und Betroffenheit auch bei den vielen türkischen Mitbürgern in Schwäbisch Gmünd: Es gab kaum eine Familie, die nicht den Tod eines oder mehrerer Verwandten oder Bekannten zu betrauern hatte.
36 furchtbare Sekunden am frühen Morgen des
17. August brachten Tod und Verwüstung in eine rund
150 Kilometer lange und
50 Kilometer breite Zone in der dichtbesiedelten und Europa nahestehenden Marmararegion. Auch die östlichen Vororte von Istanbul waren betroffen. Mehrere Großstädte und hunderte Dörfer wurden sozusagen zum „Ground Zero“. Die meisten Menschen wurden im Schlaf überrascht. Das Beben forderte etwa
30 000 Todesopfer. Hunderttausende Verletzte warteten auf Hilfe. Rund zwei Millionen Menschen hatten kein festes Dach mehr überm Kopf. Das war die zunächst kaum überschaubare und grauenhafte Ausgangssituation, als sich RZ-Verleger Meinrad Sigg und der damalige Gmünder Ausländerbeirat und heutige Stadtrat Bilal Dincel zu einem spontanen Gespräch trafen. Aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen aus Hilfsmissionen beim Erdbeben und bei der Schlammkatastrophe in Süditalien oder sogar im fernen Kambodscha wusste und fühlte Meinrad Sigg sofort, was zu tun war: Aufruf zu einer Spendenaktion und ganz schnell und unbürokratisch mit vertrauensvollen Kontakten vor Ort eingreifen, um die schlimmste Not zu lindern. Das Helferteam um Bilal Dincel, RZ-Redakteur Heino Schütte und Rettungssanitäter Andreas Brucks machte sich sofort mit ersten Hilfsgütern, vor allem Verbandsmaterial und Medikamente, auf den Weg. Damit war der Impuls gesetzt für eine der erfolgreichsten und schnellsten Hilfsaktionen, die in Schwäbisch Gmünd angekurbelt wurden. Denn vor Ort kamen immer mehr helfende Hände hinzu. Man muss wissen: Strukturen der deutschen und türkischen Rettungs– und Hilfsorganisationen sind nicht vergleichbar, dafür ist in der Türkei umso stärker die spontane und auch sehr religiös geprägte Hilfsbereitschaft der Menschen präsent. Beispiel: Als Dincel und Schütte in Istanbul Lebensmittelpakete einkauften, stellten die Kaufleute sofort Personal und Transporter bereit. Die Aktion sprach sich weiter herum. Und im Nu stapelten sich in den Läden, wie von Geisterhand dirigiert, Berge von Sachspenden aus dem ganzen Stadtviertel. Plötzlich war da auch ein halbwegs fahrbereiter Lkw aus alten Armeebeständen für uns unterwegs. Aus Schwäbisch Gmünd trafen am Flughafen von Istanbul Paletten und Pakete mit weiteren Hilfslieferungen ein. Vieles wurde via Handy gezielt angefordert. Rund
50 deutsche und türkische Helfer daheim in Gmünd stellten damit auch die alte Abfertigungshalle am Stuttgarter Flughafen auf eine Belastungsprobe. Türkische Fluggesellschaften hatten sich bereit erklärt, die Hilfsgüter aus Schwäbisch Gmünd in ihren Linienjets kostenlos zu transportieren. Sie hatten jedoch nicht mit diesem Umfang der Hilfsbereitschaft gerechnet. Der deutsche Sicherheitsdienst schritt ein, weil die Gmünder Helfer sogar dazu übergegangen waren, die vielen Kartons einfach die Treppe hinabrutschen zu lassen, damit’s schneller geht. Die Helfer vor Ort sahen sich währenddessen mit Szenen konfrontiert, die oft die schlimmste Vorstellungkraft überstiegen. Sie waren Sanitäter, Aufbauhelfer und Seelsorger zugleich. Geschlafen wurde nur wenige Stunden, nicht etwa in Hotelbetten, sondern im Schlafsack auf der Ladefläche oder im Helfercamp in Zelten der Journalistenkollegen von TRT, der staatlichen TV– und Radioanstalt, die wiederholt und mit Hochachtung Reportagen über die Nothilfe aus Deutschland sendete. Nachts herrschte aus Sicherheitsgründen und Angst vor Plünderungen „Ausgangssperre“, worüber das Militär wachte. Unsere Direkthilfe bestand zunächst aus Lebensmittellieferungen, Decken, Kleidung und Hygieneartikel. Zudem bekamen besonders hart betroffene Familien Bargeld, um sich das Lebensnotwendigste zu beschaffen. Im November kam es zu einem heftigen Nachbeben. Erneut griffen die RZ-Helfer ein. Der Winter stand vor der Tür. In einer Blitzaktion wurden über
12 000 Winterjacken,
1000 Paar Winterstiefel und Wollmützen für Kinder beschafft und verteilt.
157 077,
70 Euro und Sachspenden für Nothilfe und Wiederaufbau
Täglich wurde daheim in der Rems-Zeitung über die Arbeit vor Ort, vor allem über die konkrete Verteilung der Geld– und Sachspenden berichtet. Vertrauensvoll schlossen sich deshalb zahlreiche Firmen aus dem ganzen Remstal der Hilfsaktion an. Vor allem unsere Leser trugen zu dieser grenzenlosen Mission in Sachen Menschlichkeit an. Exakt war es die stolze Summe von
157 077 Euro und
70 Cent, die gespendet wurde. Dazu mindestens im gleichen Umfang Sachwerte. Meisterstück mit dieser tollen Unterstützung war schließlich der Wiederaufbau einer Grundschule für
800 Kinder binnen weniger Wochen. Dazu kamen auch
50 winterfeste Holzhäuschen für obdachlose Familien. In enger Kooperation erfolgte das Engagement der Rems-Zeitung mit Hilfsaktionen der Stadt Aalen und des Landkreises, die in Adapazari eine Poliklinik bauten. In Adapazari, wo allein
3891 Todesopfer zu beklagen waren, ist der Beistand aus Schwäbisch Gmünd und Umgebung bis heute unvergessen.
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