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» Schwäbisch Gmünd | Mittwoch, 19. August 2009

Die Rems-​Zeitung erkundete mit 48 Gästen die Rechberghausener Gartenschau

Rechberghausen? Gartenschau? Ja! Das ist die japanische Bonsai-​Anlage und der uralte Schrebergarten. Das ist die international beachtete Skulpturensammlung und eine Badewanneninstallation. Das ist ein Ort, der praktisch geschlossen alles gibt. Von Birgit Trinkle

SCHWÄBISCH GMÜND. Es ist ein Tag wie derzeit jeder andere in Rechberghausen. Das große Veranstaltungszelt ist randvoll: Zirkus Pimparello ist in der Stadt. Das klingt nicht von ungefähr vertraut. Der Kinderzirkus aus Gmünd bzw. Gschwend ist auch nicht plötzlich in die Profi-​Liga aufgestiegen. Aber wie die Ballett– und Tanzschule und die Kinderbuchautorin, die an diesem Tag ebenfalls das Programm bestreiten, sind die Pimparello-​Kinder gute Unterhaltung für den Nachwuchs – Moderator Sven Alb braucht eine halbe Stunde, bis er dem johlenden Jungvolk verraten hat, dass „der Joschi“ verliebt ist in seine .… Jonglierbälle. Aber auch der Matschspielplatz – unglaublich, wie viel nasser Sand auf ein Kind passt -, und natürlich die großen Holzkletteranlagen sorgen dafür, dass Rechberghausen derart viele Dauerkarten absetzt. Während nämlich im Zelt und auf den Spielplätzen Jubel, Trubel und vor allem Heiterkeit herrschen, sitzt so manche Mama mit Buch und Kaffeebecher im Liegestuhl an „Sommertraumsee“ und „Irisgarten“. Andere Eltern haben sich ein Bänkle oder einen Gartenstuhl in einem der kleinen Mustergärten gekrallt, oder sie liegen einfach auf der Wiese und spielen „Lippenpressen“ – wer zuerst spricht, hat verloren –, oder Nicht-​Bewegen. Zur Not tut’s auch Qigong auf der Aktionswiese oder die Ausstellung „Eislinger Meeresräuber vor 181 Millionen Jahren“. Für sie ist die eigentliche Gartenschau nicht länger von Interesse. Im Gegensatz zu 2200 Besuchern, die allein am Vormittag eine Eintrittskarte gelöst haben. Unter ihnen sind die Kriegers aus Waldstetten, die ihren überglücklichen Enkel Yannik am Seeufer plantschen lassen sowie die 48 Gäste der Rems-​Zeitung.
Man nehme … eine beliebige, weil unter einigen hundert Einsendungen ausgewählte Gruppe von RZ-​Leserinnen und –Lesern und fühle sich fortan gut aufgehoben. Mit dem hier versammelten Wissen und Können lässt sich einiges umtreiben. Der eine weiß, dass die Holzskulptur aus Lindenholz geschaffen wurde, weil er selbst „ein bissle“ damit arbeitet. Die andere sagt: „Oh, guck der Malus.“ Wer sich jetzt umdreht und auf ein am Hang grasendes schwarzes Schaf glotzt, das den Blick unverdrossen erwidert, stellt alsbald fest, dass fast die Hälfte der Gesellschaft auf die Apfelplantage blickt. Tröstlich wirkt da der „Weg der biblischen Pflanzen“, auf dem erklärt wird, dass „malus“, der Apfel, und „malum“, das Böse, in der Vergangenheit des Öfteren verwechselt wurden. Der Fehler ist schon anderen unterlaufen.
Zwischen meterhohen Holzstapeln blühen die schönsten Sommerblumenarrangements. „Stell dir vor, du musst da mit dem Traktor zum Sägen rein“, witzelt einer. Seine Angetraute lacht, meint: „Ist das nicht herrlich?“ Er überlegt. Nickt: „Ja, natürlich.“ In dieser Anlage findet jeder irgendetwas. Im Eingangbereich gibt’s Pflanzenkunst. Etwa den Chagall-​Kreisel, der sich auf dessen tiefblauen Ölgemälde und Kirchenfenster bezieht. Chagallsches Blau in Blütengestalt, ein romantischer Kreis für den Maler-​Poeten des 20. Jahrhunderts – eine reizvolle Idee. Andere begeistern sich für auf kleinstem Raum verwirklichte Gartenträume: hier die fernöstlichen Anklänge, dort der funktionelle Gemüse-​Blumen-​Erholungs-​Raum vor einem Schichtmauerwerk aus Gneis. Oder eben ein romantisches Rosen-​Eckle, das einfach nur seufzen lässt. Fast jeder nimmt etwas mit – nein, nicht die Souvenir-​Kaffeebecher, aber Ideen für Garten, Balkon und Terrasse. Diese Kombination, jene neue Züchtung, ganz gleich ob es sich um Zitronenthymian handelt oder Hängetomaten. Oder um einen Pflanzkübel, der den ganzen Sommer über Pflücksalat, Mangold, Monatserdbeeren und eigens gezüchtete Tomaten liefert. „Etwas ganz Besonderes“ sind für die meisten die scherenschnittartigen stählernen oder gläsernen Fruchtbarkeitsskulpturen Stefan Szczesnys, der ja auch die Mainau zum Gesamtkunstwerk gemacht hat. Andere schwelgen in alten Getreidezüchtungen, im „Trauzimmer im Grünen“ oder in einer Badewannen-​Brunnen-​Installation, die an die ursprüngliche Kleingartenanlage „Am Entenweg“ erinnert. Überhaupt ist diese Gartenschau eine einzig begehbare Geschichtensammlung — eine Führung empfiehlt sich unbedingt.
Sie kann’s nicht mehr hören, sagt eine der Gmünderinnen, dieses Gejammer wegen der Landesgartenschau in Gmünd: „Was die hier im kleinen Rechberghausen auf die Beine stellen!“ Gästeführerin Sabine Lutzeier, die mithört, dreht sich um, lächelt: „Was mich am meisten freut – all das hier bleibt.“ Am meisten habe sie um die Baumpflanzungen gefürchtet, um die mit viel Geld und noch mehr Herzblut in die Erde gegrabenen Pflanzenschätze, die im regenreichen Sommer nun praktisch alle angewachsen seien. „Rechberghausen ist so viel schöner geworden“, ist ein Satz, der an diesem Tag oft zu hören ist. Auch beim Blick aufs Villenviertel am Südhang, dessen Grundstücke durch den völlig veränderten Ausblick auf Tal und Hügel enorm aufgewertet wurden.
Einen wichtigen Auftrag gab’s an diesem Tag. Der Mann einer Freundin – Lehrer in Rechberghausen – hatte mit seinen Schülern Holz-​Hühner ausgesägt und bemalt: „Schau mal, ob du seines findest.“ Das war ein Späßle. Ganz sicher. Die Installation nennt sich mit gutem Grund „800 Hühner blicken ins Tal“. Selbst auf den zweiten und dritten Blick lässt sich in diesem Hühnermeer kein bestimmtes Huhn ausmachen; es gibt natürlich Spongebob-​Motive; einige Hühner sind eine Hommage an Keith Haring, und ganz bestimmt gibt’s mehr als einen VfB–Fan an dieser Schule. Aber all das macht etwas anderes deutlich: Von den fünftausendirgendwas Einwohnern Rechberghausens haben sich gefühlte Fünftausend an diesem Grünprojekt beteiligt. Die Imker haben eine Station aufgebaut, die Kleintierzüchter sind mit ihren Kaninchen, Tauben und Rebhühnern dabei, der Albverein hat sich verewigt, der NABU, die Förster. Der Obst– und Gartenbauverein hat eine nette Ausstellung zur biologischen Schädlingsbekämpfung organisiert — die Liste lässt sich praktisch beliebig fortsetzen. Dauerkartenbesitzer ohne Kinder, die auch nicht frisch verliebt sind, haben mit einiger Wahrscheinlichkeit die Landfrauen und ihren Klasse-​Kuchen entdeckt. Alle miteinander zeigen sie voller Stolz, was zu erschaffen, zu züchten oder sich anzueignen Jahre gedauert hat. Das ist vermutlich das eigentliche Geheimnis dieses Erfolges.
Ach ja. Wenn’s wirklich zu heiß und zu anstrengend wird: Der Treffpunkt Baden-​Württemberg an der – natürlich ehrenamtlich – restaurierten Mühle zeigt „Unser Planet; Bilder aus dem All“. An sich eine faszinierende Show, im Falle eines Falles einfach ein kühles Refugium.

Bildergalerie Rechberghausener Gartenschau

 

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