Seit rund 14 Jahren lebt die afghanische Familie Nurin in Deutschland und verfolgt heute gespannt die Wahlen in ihrer Heimat
Heute stehen in Afghanistan die Wahlen zum neuen Präsidenten an. Erst zum zweiten Mal, seit dem Sturz der Taliban Ende 2001, erfolgt der Urnengang. Gespannt verfolgt die Gmünder Großfamilie Nurin heute die Wahlen – in der Hoffnung auf Besserung für ihre Heimat. Von Giovanni Deriu
SCHWÄBISCH GMÜND. Seit Jahrzehnten bereits bestimmt das traumatisierte Land am Hindukusch die Weltnachrichten – und seit auch einige deutsche Soldaten ihr Leben im Kampf gegen die Taliban verloren, lässt Afghanistans (politisches wie humanitäres) Schicksal auch die Bürger Deutschlands nicht mehr kalt. In den Wochen vor den Wahlen versuchten viele dogmatische Islamisten (Taliban) mit Bombenattentaten die Bevölkerung einzuschüchtern. Kaum eine Woche ohne Schreckensmeldungen aus Afghanistan vergeht. Mal sind es die Selbsmordattentate, dann wiederum folgen Gegenangriffe der „westlichen Soldaten“ und „Amerikaner“ auf Al-Qaida-Netzwerke, die es in Afghanistan „gar nicht mehr gibt“, wie sich Najibullah Nurin, der
46-jährige studierte Narkose-Arzt aus Kabul ein bisschen echauffiert. Zu leiden hätten nur die „Zivilisten“. Nach Meinung des eher unpolitischen Anästhesisten Nurin würden viele gar nicht mehr zwischen der „normalen Bevölkerung“ und den Taliban unterscheiden können. Najibullah Nurins („Komm, nennen Sie mich Najim“) politische Formel hört sich verkürzt so an: „Viele Soldaten, viele Probleme – weniger Soldaten, weniger Probleme.“ Keineswegs schiebe Papa „Najim“ (sieben Kinder hat er mit Ehefrau Homa) nur der westlichen ISAF-Einsatztruppe „zur Sicherheitsunterstützung“ den schwarzen Peter für die jahrelange Misere in Afghanistan zu. „Nein, nein“ – nach dem Kampf gegen die russischen Besatzer, hätten sich die verschiedenen Strömungen der „Mudjahedins“ (selbst ernannte Widerstandskämpfer, Anm. d. Red.) bekriegt, und Kabul und den „Rest Afghanistans“ heruntergewirtschaftet, so Vater Najim Nurin.
Es war eine Art „Bürgerkrieg“ – ja, auch ihn wollten die Mudjahedins anwerben. Dazu gehöre aber auch, die Widerstandskämpfer „finanziell zu unterstützen“. Auf keinen Fall wollte das Najim. Wie, „Ich?“, fragte Nurin die Kämpfer, „als Mediziner, der Menschen das Leben erhalten soll?“, das passte gar nicht in die Weltanschauung des Familienvaters. Die „Dari“-sprechende Familie (knapp die Hälfte der afghanischen Bevölkerung spreche die persische Sprache) reiste anno
1996 während des Bürgerkriegs mit dem Status als „Kriegsflüchtlinge“ aus. Mit Frau Homa und vier Kindern, „den drei Söhnen und einer Tochter“ kamen die Nurins über Karlsruhe und Göppingen dann „auf dem Hardt“ in Gmünd an. Drei weitere Töchter wurden in Deutschland geboren. Insgesamt betrachtet, sind sie hier alle „sehr gut angekommen“. Mit dem Alter fällt den Eltern das Lernen der deutschen Sprache zwar nicht leicht, aber sie bemühen sich. Die Kinder sprechen ein sehr schönes Deutsch „schwäbisch eingefärbt“. Mohammad ist in Kabul geboren, und war vor vier Jahren auf Urlaub bei der Verwandtschaft zurück. „Nichts habe ich wieder erkannt“, so der älteste Sohn Mohammad. Klar, Deutschland und Gmünd sei „schon unser Zuhause“, meinen der
26-jährige KFZ-Mechaniker Mohammad, und die
16-jährige Lina. Hier haben sie ihr Leben, und sind weit weg von den Gefahren. Auch die Söhne Fardin (
19) und Quais (
21) sind schaffig, wie man im Schwabenland Tüchtigkeit gern beschreibt. Sohn Quais, nebenbei ein guter Kicker bei der
SG Bettringen, hofft auf eine gute Ausbildungsstelle, die Fachhochschulreife hat er gemacht. Fardin jobt neben der Schule im Supermarkt.
Wie der Vater – dem wurde zwar sein Medizinstudium und die Ausbildung als Pfleger hier nicht „anerkannt“, somit ist der Papa derzeit arbeitssuchend, und besucht fleißig den Deutsch-Kurs. Im Pflegeheim „St. Ludwig“ arbeitet der Familienvater „an die
20 Stunden im Monat“. Das macht er gern, und er käme bei den meisten Heimbewohnern wohl auch gut an – er beherrscht seine Arbeit, genauso wie sein Hobby, das Schachspiel. Obwohl weit weg von den Sorgen Kabuls, interessieren sich besonders die älteren der Nurin-Kinder „auch für die Heimat Afghanistan“, und wie es den Verwandten, besonders „dem Opa und der Oma“ so geht. Nicht allzu gut, hören sie immer wieder am Telefon. Während Homa Nurin das leckere „Kabuli“-Essen serviert (Reis mit Rosinen, eingelegter Spinat), schaut Vater Nurin mit den Söhnen und Tochter Lina, immer wieder auf den Bildschirm, via Satellit läuft ein afghanischer Nachrichtensender, meistens „Ariana-TV“, um die Neuigkeiten vor den Präsidentschafts-Wahlen mitzubekommen. Im Besitz des „blauen Reiseausweis“ dürfen sie überall hin – nur vorerst nicht nach Afghanistan reisen. Und, schon gar nicht wählen. Briefwahl? Undenkbar. Amtsinhaber Hamid Karzai, den viele Afghanen als „Marionette Washingtons“ sehen, wird wohl weiterhin Präsident bleiben. Herausforderer Abdullah Abdullah werden aber gute „Chancen eingeräumt“, viele wittern schon Wahlen wie im Iran. Karzai müsse wohl gewinnen, und damit nehme auch die „Vetternwirtschaft“ weiterhin zu, meinen Mohammad und Quais. Einen Wunsch haben alle Nurins gemeinsam, die Eltern wie die Kinder: „Der neue Präsident soll für alle Bürger Afghanistans eine gerechte Politik machen.“ Dass es ihnen in Gmünd gut geht, und sie viele Freiheiten genießen, sind sie sich Tag für Tag bewusst – und denken dabei an Kabul.
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