SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Die Mentalität in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist eine ganz andere. Es kommt vor, dass Kunden die Gmünderin kurz vor der Veranstaltung anrufen und erklären, es gebe ein paar Dutzend Gäste mehr. Gut, sagt Julia Helbach dann. Und es ist gut. Eine Zeitlang waren venezianische Partys Mode; da hat sie dann eben die schönsten Masken organisiert, die sie kriegen konnte, zudem zum Thema passende Unterhaltungsprofis einfliegen und im Pool eine Gondel einsetzen lassen. Wer bei der deutschen Eventmanagerin bucht, darf sich darauf verlassen, dass die Gäste kriegen, was sie erwarten, mindestens, ganz gleich wie viel Pleiten, Pech und Pannen vorab zu bewältigen waren. Getränke, Speisen, Musik und Rahmenprogramm mit Künstlern aus der halben Welt, Dekoration – ganz wichtig – , funktionierende Klimaanlagen oder Heizstrahler, wenn eine Wüstennacht allzu kühl werden sollten. Viele ihrer Veranstaltungen finden in sehr schöne, luxuriös ausgestatten Zelten statt, andere in Gärten oder am Strand; wer Wert darauf legt, Alkohol anzubieten, muss sich mit einem der Hotels begnügen, die allein im Besitz einer Ausschanklizenz sind.
Das Unvorhersehbare, so wird schnell deutlich, ist in ihrem Arbeitsalltag absehbar. Der Kunde beschließt am Vorabend, dass er keine gelben, sondern violette Blumen will – kann er haben. „In Deutschland wäre das ein Riesenaufstand“; der Florist liefe wohl Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden. Julia Helbach hat früher in großen Hotels in Deutschland gearbeitet und erinnert sich gut daran, wie schwierig es war, vor einer Veranstaltung mit Nebelmaschine oder ähnlichem die Brandmeldeanlage abzuschalten. Um zu verhindern, dass im unpassenden Moment Sprinkler-Anlagen die Gäste beregneten, waren mindestens eine Woche vorher Anträge zu stellen und Genehmigungen zu beantragen: „Jetzt ruf ich fünf Minuten vorher den Techniker an und bitte ihn, die Anlage auszuschalten“. Sehr viel mehr Mühe macht es, wenn Mitglieder der königlichen Familie oder hochrangige Diplomaten erwartet werden, und in stundenlangen Sitzungen mit dem Protokollchef sicher gestellt werden muss, dass niemand sein Gesicht verliert. Vor großen Veranstaltungen ist die 36-jährige Unternehmerin nicht selten 24, manchmal sogar 36 Stunden auf den Beinen. Wie gesagt, ohne Freude am Beruf ist so etwas auf Dauer nicht zu stemmen.
Natürlich gibt es auch für sie Rückschläge, Widrigkeiten, denen nicht so einfach beizukommen ist. Mit Schaudern erinnert sie sich an die Feier anlässlich einer Grundsteinlegung, die an einem Sandsturm zu scheitern drohte. Auch bei dieser Gelegenheit wurde die Nacht durchgearbeitet; alle packten mit an. Die Veranstaltungstechniker tackerten den roten Teppich am Boden fest — der zudem praktisch unablässig abgebürstet werden musste. Die Flaggen kippten trotz der Verankerung in 80 Kilo schweren Betonblöcken und mussten zusätzlich eingegraben werden. Es war ein heilloses Tohuwabohu, und der Gastgeber praktisch hysterisch. Als die Gäste da waren, hatten Helbach und ihr Team alles im Griff. Es gab dann immer wieder scherzhafte Bemerkungen, von wegen sie hätte ja auch besseres Wetter organisieren können, und in diesem einen Fall war ihr Lächeln wohl nicht ganz so herzlich wie sonst.
Als Frau alleine in der Golfregion — ist das nicht gefährlich? Julia Helbach schüttelt nur den Kopf: „Das Schlimmste, was mir in sieben Jahren passiert ist, waren alte Schlappen, die mir am Strand geklaut wurden“; sie gehe ohne jede Sorge zu jeder Tages– und Nachtzeit in jede Ecke, in jede Gasse Abu Dhabis: „Die Leute kaufen ein und lassen den Motor laufen, damit das Auto nicht zu warm wird“. Das Ganze funktioniere durch Abschreckung: Ausländer, die erwischt werden, fliegen raus und dürfen nie wieder einreisen; das will niemand riskieren, dessen Familie von den Einkünften aus dem noch immer sehr reichen Emirat angewiesen ist. Auch als Frau ernst genommen zu werden, sei kein Problem – wenn sie sich denn korrekt verhalte. Frauen in Führungspositionen seien durchaus nicht ungewöhnlich. Sie selbst bewundert beispielsweise Lubna Al Qasimi, die erste Ministerin der arabischen Halbinsel, Mutmacherin und Leitfigur der Emanzipation – sie kennen zu lernen, sei ein Privileg gewesen. Was sie stört ist das „Schubladendenken“, etwa dass die zu Vieltausenden auf dem Bau und in anderen ungeliebten Jobs arbeitenden Inder und Pakistani als Menschen zweiter Klasse gelten: Es sei furchtbar schwierig, entsprechende Verhaltensweises der Golfaraber, der Jordanier und Syrer nicht zu übernehmen. Zudem kann sie sich ein Leben — zumindest ihr jetziges, mit Arbeit vollgepacktes Leben — ohne den allgegenwärtigen und sehr günstigen Service nicht mehr vorstellen.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es derzeit mörderisch heiß; wer kann, zieht sich aus Abu Dhabi zurück, was bedeutet, dass auch Julia Helbach endlich ein bisschen durchschnaufen kann: Drei Wochen daheim bei ihren Eltern. Sie hat sich nicht viel vorgenommen; einfach entspannen. Vor allem aufs schwäbische Essen hat sie sich gefreut – den Kartoffelsalat“ –, auf die grüne Landschaft und darauf, endliche wieder Luft ohne Sand atmen zu können. Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe ihrer Mutter in Waldstetten und Gmünd hat sie dieser Tage ein Seminar zum Thema „Leben und arbeiten in den VAE“ angeboten. Reine Routine; denn in ihrem zweiten Zuhause in Abu Dhabi bietet sie Vergleichbares an, so oft es ihre Zeit erlaubt: Coaching für Neuankömmlinge, die es leichter haben sollen als sie selbst.
Wie verhält man sich bei einem Geschäftstermin mit arabischen Partnern? Welche kulturellen Unterschiede können zu Missverständnissen und Verstimmungen führen? Helbach: „So viele Riesen-Projekte scheitern letztendlich an Kleinigkeiten.“ Man muss nicht jedes Fettnäpfchen persönlich erkunden. So bietet es sich an auf Alkohol zu verzichten, vor allem bei den ersten Treffen. Selbstverständlich bringt man auch keinen Schwarzwälder Schinken mit. Zu den (fremden) Frauen ist Distanz zu halten Na, und im Ramadan, der ja demnächst wieder beginnt, ist es ein Zeichen extremer Ignoranz, vor Muslimen zu essen oder zu trinken; selbst ein Kaugummi „geht gar nicht“. Zudem, nichts mit der linken Hand essen oder berühren, die Beine nicht übereinanderschlagen, um nicht mit dem Schuh auf das Gegenüber zu zeigen. Es empfiehlt sich auch, zum Beispiel den Konflikt in und mit Israel nicht öffentlich zu analysieren. Solche Dinge lehrt Julia Helbach, eben die Voraussetzung dafür, im arabischen Raum so glücklich zu werden wie sie selbst.
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