Gehörlose aus ganz Baden-Württemberg erkunden den Gmünder Tunnel
Es war ein richtig heißer Tag; aus dem ganzen Land reisten Gehörlose an, um im Gmünder Tunnel – „was ist das für eine unglaubliche Baustelle!“ – Vortrag und Führung zu erhalten und ganz viele Fragen stellen zu können.
SCHWÄBISCH GMÜND (rz). Viele Tunnel-Interessierte hatten mit dem Verkehr zu kämpfen, aber gerade noch rechtzeitig trafen alle beim Gehörlosenzentrum St.Vinzenz ein. Von dort ging der Fußmarsch den Hauberweg entlang und über Remssteg zur B
29. Ziel war das Baubüro der Gmünder Tunnelbau. Wie mit einem Magneten zog es die von überall herkommenden Gehörlosen zur größten Baustelle in Baden Württemberg.
An der B
29 warteten die Gehörlosen auf die Führung. Sie wurden dann über die Straße geleitet, zur Villa an der Lorcher Straße. Dieses Haus, vom Regierungspräsidium aufgekauft, dient nun als Baubüro. Im Schulungsraum gab es vor einer Leinwand eine Bilder– und Filmpräsentation, die den Tunnelbau informativ von der Planung bis zur Fertigstellung darstellte und gleichermaßen Neugier und Wissensdurst befriedigte und Lust machte auf die Baustelle. Das von Diplom. Ing. Maren Zengerle geführte Referat wurde von Simone Unger und Sozialarbeiterin Severin von St.Vinzenz für die Gehörlosen in Gebärden übersetzt.
Anschließend zogen alle die dort bereitgestellten gelben Gummistiefel an, die Köpfe wurden mit den für die Bauindustrie typischen Helmen geschützt. Ein bisschen konnten sich die Gäste da selbst als Bauexperten fühlen – fast wollte man in die Hände spucken und mit anpacken. Gemeinsam ging es hinunter in die tiefe Baugrube. Allein deren Ausmaß, die Erkenntnis um die eigentlichen Dimensionen dieses Vorhabens war schier atemberaubend. Dass der Aushub allein mit Spaten, Schiebe und Schubkarren nicht zu bewältigen wäre, war da nicht weiter überraschend: Immerhin steht auf vier Kilometern Länge Aushub an; die eigentliche Tunnellänge von
2,
2 Kilometern bedeutet ein Vielfaches an Grabarbeiten. Bei der Führung wurde an der Westseite der Tunnelbaustelle der große, sechs Meter mächtige Trog gezeigt, der den Tunnel vor „Aufschwimmen“ und Wasserdruck sichert. Dieser Grundwassertrog wiederum wird von so genannten Bohrpfahlwänden gestützt. Bis zu
20 Meter gehen deren Bohrlöcher in die Tiefe, fast
700 Bohrungen sind notwendig. Insgesamt war diese Inspektion sehr beruhigend: An alles scheint gedacht zu sein.
Weiter ging es, tiefer hinunter an den Eingang des Tunnel. Die Gäste fühlten sich wie in einer tiefen Schlucht; der Blick ins Freie war nur noch über einen senkrechten Blick gen Himmel möglich. Den steilen Hang müssen die LKW mitsamt all dem Erdaushub aus den Tunneln bewältigen, auch das eine bemerkenswerte Herausforderung für Mensch und Maschine. Es gibt zwei Tunnels – den linken für den Autoverkehr – zwei Fahrspuren mit Gegenverkehr –, der rechte Tunnel, etwas kleiner, für die Fahrzeuge der Einsatzkräfte, also für Rettungssanitäter, Notarzt, Feuerwehr und Polizei. Aus beiden Tunnel ragen Lüftungsrohre für die darin arbeitenden Fachleute.
Die Gehörlosen beobachteten eine riesige Maschine mit Greifarm und überdimensionalem Meißel, die wie eine Raupe in den Tunnel kroch. Dieser Maschine wären sie gerne gefolgt, was freilich nicht gestattet war: Eine Bauunterbrechung verursache hohe Kosten, und selbstverständlich haben die Arbeiten Vorrang.
Tag für Tag wird derzeit rund um die Uhr gearbeitet und der Tunnel bis zu fünf Meter vorangetrieben. Im Tunnel werden Löcher gebohrt, dann wird gesprengt und Rest-Material mit Meißeln ausgehämmert, bevor der Aushub abtransportiert werden kann. Dann werden Stahlmatten ums Gewölbe angebracht und mit Spritzbeton befestigt. Das, wie gesagt, rund um die Uhr in drei Schichten. Drei Jahre wird es bis zur Fertigstellung dauern.
Das Gestein das an der Baustelle zu sehen ist, Sandstein, erinnert an eine Zeit, in der das Jurameer die heutige Ostalb bedeckte. Heute, so wurde festgestellt, können die Gmünder trotz Palmen und Sand auf dem Oberen Marktplatz von Strand und Meer vor der Haustüre nur träumen — und Tag für Tag gegen den Staub angehen. Das Gehörlosenzentrum in St.Vinzenz liegt in der Nähe zur Tunnelbaustelle, und Gehörlose, die dem Auto kommen, klagen, dass sie die Stadt jedes Mal mit einem staubigen Auto verlassen und daheim zu Schwamm und Eimer greifen müssen.
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