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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 27. August 2009

Günter Schönberger hat seine Erinnerungen an die Kindheit in Gmünd aufgeschrieben

Eine schöne Kindheit sieht anders aus. Ganz anders. Die Leiden des jungen Günter unterscheiden sich freilich so sehr von denen seiner Altersgenossen, dass er sie aufgeschrieben hat: Der Bub, der in der Ledergasse aufgewachsen ist, war schwer herzkrank.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Es ist 1951. Günter Schönberger ist fünf Jahre alt und das Treppensteigen bringt ihn schier um. Diese Schmerzen, seine Tränen, das vergebliche Flehen, getragen zu werden, sind ihm in Erinnerung geblieben. „Du wächst zu schnell“, sagt ihm die Mutter immer wieder, aber eigentlich ist es ein rheumatisches Fieber. Die Dachschräge überm Bett, das sich Günter und sein Bruder teilen, ist im Winter oft von Reif überzogen — etwas, das viele Kinder der Nachkriegszeit erleben, in der nicht selten nur das Wohnzimmer beheizt wird. Günter aber hat Schmerzen in der Brust, wenn es so kalt ist, und immer wieder leidet er an Fieber und Infektionen, bis ihm nach den Gaumen– auch noch die Rachenmandeln entfernt werden. Es folgen Jahre, die fast eine normale Gmünder Kindheit beschreiben: Indianerkopfschmuck und sein Freund Leopold sind ihm wichtig, nächtliche Gespräche mit seinem Vater über den Sternenhimmel. Die Mutter ist sehr streng, schlägt ihn, so hält er es in seinen Erinnerungen fest, ziemlich heftig. Aber all das tritt in den Hintergrund, als ihm in der dritten Klasse immer öfter schlecht wird. Es flimmert ihm vor den Augen, die geringste Anstrengung nimmt ihm die Luft zum Atmen. Beim Fußball ist er jetzt Torwart „Toni Turek“; zum Stürmer taugt er nicht mehr. Sein Hausarzt diagnostiziert eine Herzschwäche.
Ein Spezialist „in der Gegend von Spraitbach“, so erinnert er sich, erklärt, er werde die Pubertät wohl nicht überleben. Als ihm erklärt wird, dass das 15 oder 16 Jahre bedeutet, ist der Bub beruhigt. Er ist ja erst zehn. Die Mutter hat mittlerweile den „Hecht“ gepachtet, und er muss richtig mit anpacken — dabei übergibt er sich im Hauptgang des Münster, weil ihn langes Stehen so anstrengt. Als ein Brüderchen wenige Tage nach der Geburt stirbt, betet er bei der Grabpflege auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof nicht nur einmal, der liebe Gott möge ihn gesund machen oder bitte auch sterben lassen. Es sind eindringliche Szenen, die geschildert werden, Szenen, die kein Kind erleben sollte: „Die ersten Herbststürme (1958) fegen durch die Stadt. Mein Zustand verschlechtert sich dramatisch. Auf dem Weg zur Schule biege ich auf den Münsterplatz ein. Da kommt von vorne um die Westseite des Münsters eine kräftige Windböe, die mir den Atem nimmt. Ich flüchte in den nächsten Hauseingang. Als ich wieder zu Atem komme, versuche ich eng an den Häusern entlang vorwärts zu kommen, aber es geht nicht. Ich bekomme kaum Luft und habe panische Angst, zu ersticken. Ich drehe mich mit dem Rücken gegen den Wind“. Den Rest des Schulweges geht er rückwärts, kommt entsprechend zu spät. Zu dieser Zeit kostete es ihn bereits jede Menge Überwindung und eine Viertelstunde Zeit, sich die Treppen der Klösterleschule hochzuschleppen. Als er seinen Freunden auf die Mutlanger Heide folgen will, wird er ohnmächtig. Er selbst ist es schließlich, der 1959 in Erfahrung bringt, dass defekte Herzklappen bereits seit einiger Zeit in Deutschland operiert werden, und lässt nicht nach, bis er endlich die Zusage hat: Ja, er wird operiert. Doch am Abend nach der OP bittet man seine Eltern, sofort zu kommen: Es gab Komplikationen; „Günter wird es voraussichtlich nicht schaffen“ — die Herzklappe war soweit verengt, dass sie eingerissen ist. Dass ihm ein Priester im Aufwachraum die Sterbesakramente verabreicht, wird ihm erst später bewusst.
Er stirbt nicht. Statt dessen legt man ihn zuerst zu anderen todkranken Kindern, dann zu lauter alten Männern — ebenfalls Erlebnisse, die man nicht vergisst. Aber es geht ihm gut. Sein Körper verändert sich in atemberaubendem Tempo, er kann jetzt mit allen mithalten: „Nachts liege ich wach und grüble darüber nach, ob ich wirklich der glückliche und fröhliche Mensch bin, den nur, wenn er alleine ist, hin und wieder Gedanken und Gefühle aus der Vergangenheit einholen. Oder ob ich eigentlich einsam und unglücklich bin und den Clown tagsüber nur spiele“. Wer seine Geschichte liest, weiß: Er ist glücklich geworden.

Günter Schönberger erhielt 1984 eine künstliche Mitralklappe, 20 Jahre später eine Aortenklappe. Sein Herz hielt ihn nicht von Alpinski und Bergwandern ab, auch nicht von Studium und Karriere. Er heiratete, freute sich über Kinder und Enkel und hat sein Buch im Selbstverlag „Books on Demand“ herausgegeben (http://​dnb​.​d​-nb​.de im Internet), um anderen in schier auswegloser Situation Mut zu machen.

 

Kommentare

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  1. "Rückwärts gegen den Wind"
    Das Buch gibt es auch ganz normal im Buchhandel und Internetbuchhandel.
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