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» Schwäbisch Gmünd | Freitag, 28. August 2009

Theaterpädagogin und Sprecherzieherin Julia Staerk bereitet sich im Ausland auf ihre Arbeit mit jungen Ausländern vor

Liebeserklärungen an die deutsche Sprache kreisen nicht zwangsläufig um Eichendorffs „Mondnacht“: Die Gmünderin Julia Staerk etwa bringt jungen Leuten im Ausland bei, wie schön ihre Sprache ist, und sie bedient sich dazu ungewöhnlicher Methoden.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Vermutlich hat Ralf Büttner in seiner Theater-​AG am Parler-​Gymnasium gesät, was später reicher Frucht tragen sollte: Bei „Yvonne die Burgunderprinzessin“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und „Viel Lärm um Nichts“ vergaß die junge Julia, dass sie eigentlich ein schüchterner Teenager war. „Aus sich rausgehen“, nennt sie das und erinnert sich daran, wie viel Freude ihr das Theaterspiel, aber auch der ganz neue, andere Umgang mit Sprache gemacht hat. Schauspielerin wollte sie nie werden. Etwas mit Sprachen vielleicht, überlegte sie und beschloss, erst mal was von der Welt zu sehen. So ging sie dann für ein Praktikum in eine Schule in Südafrika, ein Internat, in dem fast ausschließlich schwarze und sehr arme Kinder untergebracht waren. Vier Monate lang half sie bei den Hausaufgaben und ließ sich immer neue Möglichkeiten einfallen, Freizeit zu gestalten, ohne Geld auszugeben.
Es war eine sehr intensive Zeit dort im Osten Südafrikas, „unglaublich schön“, auch, weil „ihre“ Kinder offen waren für alles und gar nicht wussten, wohin mit ihrer Phantasie und ihrer Neugier. Jede Frage, jeder Gedanke, jedes Spiel wurde für die junge Deutsche zur Herausforderung. Wer zugeschüttet wird mit teuren Geschenken, so hat sie damals gelernt, ist nicht gezwungen, kreativ zu sein.
Auf der anderen Seite war dieses Praktikum nicht ganz ungefährlich. Alleine auszugehen, empfahl sich nicht. Zu jener Zeit war sie die einzige Weiße, die zu Fuß unterwegs war: Die Unterschiede, die zwischen Schwarz und Weiß gemacht wurden – und wohl immer noch werden –, haben sie zutiefst erschreckt; ihre schwarze Freundin wurde in ihrer Gesellschaft zum allerersten Mal überhaupt von Weißen gegrüßt. Ihre Familie war sehr erleichtert, als sie wohlbehalten wieder daheim war, obwohl ihre Mutter allen Ängsten und Sorgen zum Trotz immer versucht hat, sie zu ermutigen und in ihren Plänen zu bestärken.
Julia Staerks nächste Station war ein Praktikum im Regionalstudio RadioKomma 1, was sie darin bestärkte, mit Sprache zu arbeiten. Sie studierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart und erfüllte sich dann als diplomierte Sprecherin und Sprecherzieherin einen großen Wunsch. Während ihres Studiums hatte ihr vor allem der praktische Teil zugesagt; das beste überhaupt war das Nebenfach „Theaterpädagogik“. Und als sie erfuhr, dass das in Berlin als Master-​Studiengang angeboten wurde, gönnte sie sich diese zwei zusätzlichen Jahre. „Sich selbst spielerisch entwickeln“ hat in diesem Fall nichts mit Nabelschau und narzisstischem Zeitvertreib zu tun: Vor allem wurden nämlich Projekte in Schulen durchgeführt. Dazu gingen die Studenten in Stadtteile mit hohem Migrationsanteil, nach Wedding, Kreuzberg, Schöneberg. Hier ging’s richtig zur Sache: Kinder und Jugendliche ohne ausreichende Deutschkenntnisse, vielfach aber in Deutschland geboren, wuchsen in eine beängstigende Perspektivlosigkeit hinein. Welche Chance haben junge Leute, die sich kaum verständlich machen können und sich im Bildungsapparat verlieren. Die mit Verweigerung reagieren, wenn ihnen die Lust auf Zukunft genommen wird. In der Erinnerung an ihre Parler-​Erfahrungen, war Julia Staerk überzeugt, dass Theater selbst scheinbar hoffnungslosen Fällen die deutsche Sprache näher bringen kann. Das hat sie als Thema für ihre Master-​Arbeit gewählt, und das hat sie nicht mehr losgelassen. Die praktische Umsetzung war zu verlockend. Zunächst wollte sie sich im Ausland beweisen, in der Arbeit mit jungen Leuten, die Deutsch als Fremdsprache lernen. Weil sie damals bereits begonnen hatte, Spanisch zu lernen, bewarb sie sich im Goethe Institut in Madrid, wo sie gerne genommen wurde. Staerk erhielt schließlich reguläre Aufträge — Sprecherziehung und Stimmbildung für Deutschlehrer am Goethe Institut, später dann theaterpädagogische Workshops an der Schweizer Schule in Madrid. Der halbe Lehrauftrag am Madrider Institut führte zudem zu einem Engagement am Goethe Institut Rio de Janeiro in Brasilien: Dort besuchte Julia ihren Bruder, als sie gebeten wurde, einen Theaterpädagogik– und einen Sprecherziehungworkshop für Brasilianer zu geben, die Deutsch studieren und Deutschlehrer werden wollen. Diese Art Arbeit, sagt sie, ist mit viel mehr Aufwand verbunden als ein anderer Lehrauftrag, weil es keinerlei Unterrichtsmaterialien gibt und alles selbständig vorbereitet werden muss: Sehr spannend. Und vollends die Bestätigung: Das will sie in Deutschland machen. Wenn sie dann mit jungen Ausländern arbeitet, wird es von großem Vorteil sein, dass sie selbst im Ausland gearbeitet hat und weiß, wie es ist, sich fremd zu fühlen, fremd zu sein.

In Madrid konnte sie „ihr“ Praxisprojekt durchziehen. Sieben Spanier im Alter zwischen 20 und Ende 30 schrieben sich anhand ihrer eigenen Erfahrungen das Stück „Der Kampf mit der deutschen Sprache“ auf den Leib.
Die Akteure kämpften buchstäblich mit dem Deutschen, teilten zudem ihre Erfahrungen mit dem Publikum: Auf Deutsch zu fluchen etwa sei langweilig. Besonders schwierige Wörter, die sich am besten über eine „Worterinnerungschoreografie“ erlernen lassen, waren für die Spanier „Himmelfahrtskommando“, „Einfühlungsvermögen“ und „Zwetschgen“.
Wie würde die deutsche Sprache aussehen, wenn sie ein Mensch wäre? Eine junge Frau sah einen großen, blonden Mann mit Schnauzer. Ein anderer jemanden, der wie der Weihnachtsmann aussieht, mit Bart, Brille und zwei Katzen, die aber nur zwei Mal am Tag gestreichelt werden, weil ja alles seine Ordnung haben muss.
Schönster Satz: „Wir führen eine Fernbeziehung, die deutsche Sprache und ich. Aber der Kontakt wird nie abreißen.“

 

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