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» Schwäbisch Gmünd | Samstag, 29. August 2009

Blick auf einige der alten Gmünder Stadtführer des vergangenen Jahrhunderts

Spätestens wenn im Wandertipp empfohlen wird, am Metlanger Bahnhof das Klepperle zu besteigen und auf der rechten Zugseite direkt am Fenster zu sitzen, um freien Blick auf den Rechberg zu haben, wird deutlich: Dieser Stadtführer war schon mal aktueller.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Allein im 20. Jahrhundert sind in Gmünd völlig unterschiedliche Stadtführer entstanden. Im Auftrag des Heimat– und Verkehrsvereins verfasste Karl Hans Bühner — der lange Jahre für die Rems-​Zeitung die Glosse „Fabian“ geschrieben hat — 1929 eine geradezu lyrische Liebeserklärung an Gmünd: Er sieht im Umriss der alten Stadt die Herzform, nennt sie „Perle des Remstals“, schwärmt von ihrer Lage in traumhaft schöner Landschaft, ihrer Vergangenheit, ihrer Kunst und Kultur: „Das mag jener Heimatstolze wohlbedacht haben, der den Namen Gamundia von gaudia mundi, Wonne der Welt, herleiten möchte“. Geschildert wird hier, wie der Adel 1284, als er „die Achtung und das Zutrauen der Bürger verloren“ hatte, aus der Stadt vertrieben wurde, wie die Zünfte immer mehr Einfluss gewannen und schließlich den Bürgermeister stellten. Bis Kaiser Karl V. 1552 erneut eine Adelsherrschaft einführte, welche die Zünfte von der Teilnahme an der Stadtverwaltung ausschloss. Ein Thema, das heute völlig vernachlässigt ist. Bühners Stadtspaziergang führt zu vielen vertrauen Gebäuden, aber eben auch zu Verlorenem — bitter ist etwa die Annonce des Stadtbads mit Öffnungszeiten für Schwimmhalle und Dampfbad und dem Hinweis auf Dampfkasten– und Lichtbäder. Das städtische Museum — insbesondere die Julius Erhardsche Altertumssammlung — ist damals am Straßdorfer Berg zu finden und nennt sich „Museum Fachschule“.
Beim Kapitel über „Industrie und Kunst der Gegenwart“ wird vollends deutlich, in welchem Maß die Stadt im Jahr 1929 von ihren Traditionen und der alten Reichsstadtherrlichkeit zehrt: 1793 verzeichnete die Stadt 250 Goldschmiedemeister, 1823 wurden 500 Gold– und Silberschmiede gezählt, 1925 in hundert Betrieben 6500 Arbeiter beschäftigt: „Eine jahrhundertelange kunstgewerbliche Überlieferung wird durch bedeutsame künstlerische und handwerkliche Bildungsstätten lebendig fortgeführt“. Wenn der „neue Stadtteil“ vorgestellt wird, ist der Westen gemeint, die Siedlung rund um Schwerzer und Fachschule — an den Rehnenhof ist noch nicht zu denken.
Die immer wieder überarbeiteten und neu aufgelegten Stadtführer von Albert Deibele in den 50er Jahren stellen eine veränderte Stadt vor. So wird mit Bezug auf die Heimatvertriebenen aus dem Gablonzer Gebiet „Gmünder Glas ebenbürtig neben Gmünder Gold und Silber“ gestellt. Auch Textilbetriebe sind entstanden, „das Bild des hiesigen Gewerbes keineswegs mehr so einseitig wie noch vor einem Menschenalter“. Wie seine Vorgänger widmete sich auch Deibele, natürlich, intensiv den größten Gmünder Schätzen, dem Münster etwa und auch dem Salvator, aber erstmals wird jetzt voller Stolz das „modernste Freibad Württembergs“ vorgestellt. Ganz neu ist auch die Remsbrücke am Stadtgarten.
Eine Rarität unter den „Gmünder Führern“ ist eine eigens für die US-​Soldaten geschaffene englischsprachige Ausgabe, die besonders betont, dass die Stadt schon immer daran gewohnt war, Soldaten in ihrer Mitte zu haben. Die Normannia und die Turngemeinde geben sich gastfreundlich, die Tennisspieler und die Reiter, die Jäger: Gmünd sei sich der Notwendigkeit der US-​Präsenz bewusst. Kurios ist der Versuch, den Amerikanern Altersgenossen-​Bräuche näher zu bringen.
Fast die Hälfte dieses Stadtführers besteht aus Anzeigen, in denen sich die Gmünder Unternehmen empfehlen, allesamt in sehr gutem Englisch. Die RZ ist natürlich dabei, Leicht, Woha, Vollmer, das Reformhaus Hägele („he who buys in the Health Food Shop, serves his health!“), Schneider wie Bruno Berger und Eugen Reger, das Wäschegeschäft März, die Eisenwarenhandlung Widmann. Maihöfers preisen Pelze an, Julius Pfisterer den neuartigen Reinigungsdienst. Carl Nagel, Böttinger, Schweizer, Mannhardt, Wolle Rieger: Wie sehr viele Unternehmen in der Stadt verankert sind! Andere sind nur noch Erinnerung – das Kaufhaus Nägele etwa, die Parfümerie Dietenberger am Kalten Markt oder Otto Spindler, der am Marktplatz Borgward, Goliath und Lloyd-​Modelle verkaufte.
 

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