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» Kultur | Dienstag, 01. September 2009

Rüdiger Safranski mit den Musikern Dirk Joeres und Erich Schmeckenbecher bei den Kultur-​Jahreszeiten im Kloster Lorch

Genius loci? Um Schiller, seine Freundschaft mit Goethe und die Romantik kreiste am Samstagabend ein Gespräch zwischen dem Schriftsteller Rüdiger Safranski und dem Pianisten Dirk Joeres, musikalisch kommentiert von dem Folksänger Erich Schmeckenbecher, im Refektorium des Klosters Lorch. Von Reinhard Wagenblast

LITERATUR. Es ist der Ort, den Schiller als Kind gekannt hat, in Lorch hörte er den pietistischen Pfarrer Philipp Moser predigen, „Schiller lebt von der Erfahrung des gesprochenen Worts“, sagt Safranski. Das Refektorium im Kloster ist gewiss kein kleiner Saal, doch am Samstagabend konnte er die Besucher kaum fassen, die sich zur vierten Kultur-​Jahreszeiten-​Veranstaltung des Diakonischen Instituts und des Vereins für Menschlichkeit und Toleranz (MuT) einfanden. Liedermacher und „Zupfgeigenhansel“-Legende Erich Schmeckenbecher wohnt in Kirneck, er ist mit Rüdiger Safranski bekannt, und beide liegen auf ähnlicher geistiger Wellenlänge. Safranski und Dirk Joeres, der ständige Gastdirigent des Londoner Royal Philharmonic Orchestra, wiederum präsentierten sich auf dem Podium als eingespieltes Duo. Der Musiker war dem philosophischen Schriftsteller, der Mitte der 90er-​Jahre mit einer Heidegger-​Biographie einen ersten großen Erfolg hatte, mehr als ein Stichwortgeber. Überhaupt, die Zweiheit: als Polarität und Verdoppelung bildete sie das Leitmotiv der drei kurzweiligen Stunden.
Safranskis Bücher erreichen mittlerweile eine Millionenauflage. Es gibt hierzulande keinen anderen Autor, dem die Verknüpfung geistesgeschichtlicher Zusammenhänge mit dem konkreten Leben so anschaulich und erhellend gelingt. Und zwar auf eine Weise, die seinen Lesern verdeutlicht, dass der Gang durch Gedankengebirge ein Abenteuer ist, das mit einem selbst selbst zu tun hat — selbst wenn zwei Jahrhunderte dazwischen liegen. Anfang vergangener Woche erschien nach Werken über Schiller und über die deutsche Romantik sein neues Buch „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“; die Gäste im Klosterrefektorium kamen in den Genuss der ersten Autorenlesung daraus.
Es wurde eine Reise durch die Zeit um 1800 und das 19. Jahrhundert, durch den deutschen Idealismus. Schiller und den Schwaben wandte sich die erste Runde zu. Hier ist die Basis von Schillers Denken zu finden: der Karlsschulen-​Zögling, dem der Zwang die Freiheit als großes Thema vorgibt. Politisch und philosophisch. Selbst die Ausbildung als Mediziner ist für den Dichter von Nutzen: Er stößt auf die Frage der physischen Bedingtheit von Freiheit; Safranski zog den Bogen zu den heutigen Thesen der Neurobiologie. Der Arztberuf war freilich nicht Schillers Sache, „es war besser, ihn aufs Publikum loszulassen als auf Patienten.“
Safranski charakterisierte Schiller als „Wettkampfmensch“, er wollte konkurrieren und sich messen, „Schiller hatte nie einen abstrakten Machtbegriff.“ Und mit dem zehn Jahre älteren Goethe, diesem Glückskind des Schicksals, wollte er, der Benachteiligte, auf Augenhöhe kommen: die Freundschaft als Kampf. Dass zwei so polare Naturen zusammenkamen und sich wechselseitig so anregten, gehört zu den erstaunlichsten Begebenheiten der Literaturgeschichte. Zumal das Knüpfen dieser Beziehung schwierig war: Goethe witterte den Wiedergänger seiner eigenen erledigten Sturm-​und-​Drang-​Phase; Schiller, so giftete dieser in einem Brief, erschien Goethe anfangs als „prüde Schöne, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen“.
Mit der Unterscheidung des Naiven und Sentimentalischen lieferte Schiller den Romantikern Schlüsselbegriffe, denen — auch sie Kinder des evangelischen Pfarrhauses — die Entzauberung der Welt durch die Rationalität gegen den Strich ging. Die Romantik erfand nicht nur die Kindheit als eigene Lebensphase, sie entdeckte auch das „Spiegelkabinett der Verdoppelung“: das Gefühl des Gefühls. „Man verliebt sich nicht richtig, aber man hat die Sehnsucht nach dem Verlieben“, das ist romantisch, sentimentalisch und bis heute so. An die Stelle der Religion tritt die Kunst, sie wird Religionsersatz und nimmt später — auch in der Musik — Züge der Kunstreligion an. Man gräbt in der „inneren Goldgrube“ des Subjektiven und setzt sich vom Philister ab, jenen Menschen, die sich Erstaunen und Wundern verbieten und die Karriere als „bürgerliche Schwundstufe“ betreiben. Schleiermacher, Novalis, ETA Hoffmann, Wilhelm Humboldt — Safranski bot mehr als Name-​dropping, sondern stellte schlaue Bezüge her. Erst als es um Musik ging, um die Erweiterung der Harmonielehre durch die spätere musikalische Romantik, verzettelte sich Safranski etwas, wurde aber von Dirk Joeres zurückgeholt.
Der Konzertpianist und der Liedermacher, sie ergänzten die Exkurse des Schriftstellers dort, wo die Abstraktion überhand nahm und Kunst die Aufmerksamkeit wiederherstellte: Dirk Joeres mit Schumanns virtuos gespielten „Kinderszenen“, Erich Schmeckenbecher mit seinen Liedern. So packend, so in die Gegenwart leuchtend hat man Schillers Verse „An die Hoffnung“ wohl noch nie gehört wie von ihm — als schlichte und bezwingende Folk-​Fassung.
Dass das Wort mehr ist als Werkzeug, dass es eine die Wirklichkeit verändernde Macht ist, ist eine romantische Vorstellung. Aber an diesem Abend war es eine glaubhafte.
Zumal den dreien auf dem Podium in der Pause die Natur zur Hilfe kam mit einer hochromantischen Abenddämmerung über Kloster und Remstal.
 

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