Ein Unterrichtsmodell: Wie Schwäbisch Gmünd den Zustrom der Heimatvertriebenen bewältigte
Ein Teller, ein Löffel und ein Messer für drei Personen oder Damenschlüpfer für den Kriegsheimkehrer – solche Situationen waren in der ersten Nachkriegszeit nichts Besonderes.
SCHWÄBISCH GMÜND (wil). Immerhin hatte Gmünd bei etwa
26 000 Einwohnern die Ankunft von
16 446 Heimatvertriebenen zu bewältigen, die Menschen mit Nahrung und Hausrat, Wohnraum und Arbeitsplätzen zu versorgen. Um dies für die heutige Jugend vorstellbar werden zu lassen, hat Eva Lienert ein Unterrichtsmodell auf dem Landesbildungsserver zur Verfügung gestellt.
Geschichte spielt sich nicht nur in großen Ereignissen ab, sondern ist umso fassbarer, je näher die Spuren liegen. Deshalb werden von den Mitarbeitern des Arbeitskreises Landesgeschichte solche Unterrichtsmodelle zur Lokal– und Regionalgeschichte erarbeitet und via Internet allen Interessierten zugänglich gemacht. Für Schwäbisch Gmünd hat Eva Lienert aus ihrem reichhaltigen Fundus an Zeitzeugeninterviews nun die Unterrichtseinheit über die Ankunft und Aufnahme der Vertriebenen in Schwäbisch Gmünd erstellt.
Ausgehend von einem Stadtplan aus dem Jahr
1948 soll den heutigen Jugendlichen bewusst werden, welche bescheidenen Dimensionen Gmünd damals hatte und was der Zustrom von über
16 000 Menschen bedeutete. In verschiedenen Niveaustufen werden für Lehrkräfte und Schüler Materialien angeboten, die die drängendsten Probleme und wichtigsten Aufgaben jener Zeit beleuchten. Die einfache Version bietet in drei Teilen Quellen und Fakten zur Ankunft der Heimatvertriebenen und ihre Auswirkungen auf die Stadt Gmünd.
Der Leser erfährt von der Unterbringung der Menschen in den Wohnungen der Einheimischen und der Suche nach Arbeitsplätzen. Eine Zeittafel ergänzt die Quellen und zeigt, wie der Zustrom langsam abebbte und die „Neubürger“ sich allmählich integrierten.
In acht Etappen gliedert sich die ausführlichere Version, bei der das Thema in Gruppenarbeit aufgeteilt werden kann. Voran steht der wichtigste Einschnitt im Leben der Heimatvertriebenen, nämlich ihre Ausweisung und der Transport in die ungewisse Fremde – schließlich die Ankunft in Gmünd. Der Unterbringung in den verschiedenen Durchgangslagern und der nicht genug zu würdigenden Arbeit der Nothilfe von Käthe Czisch und Gabriele Martis ist der nächste Abschnitt gewidmet.
Die sehr unterschiedlichen Erlebnisse bei der Einweisung in fremde Wohnungen und der oft von vielen Zufällen begleiteten Suche eines Arbeitsplatzes gelten die nächsten Kapitel. Da Gmünd stark von den Gablonzer Glas– und Schmuckwarenherstellern geprägt wurde, gehört dem Aufbau dieser Gruppenindustrie das nächste Arbeitsblatt. Neben diesen oft auf Dachböden oder in Wirtshaussälen entstandenen „Fabriken“ veränderten vor allem die neuen Wohnsiedlungen die Stadt: Rehnenhof und Lindenfeld, Hardt und Weißensteiner Straße wurden in jener Zeit erbaut.
Hinter jedem Haus steht eine eigene Geschichte, von der Setzung der Grenzsteine bis zum bischöflichen Segen lässt sich Spannendes und oft auch Heiteres berichten. Doch die Vertriebenen plagten auch andere Sorgen, so werden in eigenen Kapiteln die Suche nach Angehörigen und die politische Vertretung und Durchsetzung ihrer speziellen Interessen thematisiert.
Ausgewählte Fotografien sollen den Eindruck von dieser Zeit verstärken. Doch am besten können jene Menschen berichten, die diese Zeit selbst erlebt haben. Deshalb sind dem Unterrichtsmodell neben den zahlreichen kurzen Quellentexten noch sieben Interviews beigefügt, aus welchen die Schüler selbst Erkenntnisse gewinnen können. Natürlich kommt die Begründerin der Nothilfe, die Frau des ersten Gmünder Nachkriegs-OB Käthe Czisch zu Wort, neben ihr der langjährige Landtagsabgeordnete Josef Janota und der heutige
BdV–Vorsitzende Gunter Lange. Irmentraud Prade macht den Aufbau einer Modeschmuckfabrik erlebbar und auch „ganz einfache“ Menschen schildern ihr persönliches Schicksal.
Die Charta der Heimatvertriebenen mit dem schon
1950 proklamierten Gewaltverzicht, die der Gmünder Neubürger
Dr. Karl Mocker mitorganisierte, stellt das Thema in den großen historischen Zusammenhang und bildet die Verknüpfung mit der Gegenwart.
Nachzulesen ist der Beitrag von Eva Lienert im Internet (www.schule-bw.de/unterricht/faecheruebergreifende_themen/landeskunde/modelle/epochen/nachkriegszeit/vertriebene).
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