Rems-Zeitung - Täglich eine gute Zeitung

Anzeige

Lokalnachrichten

» Schwäbisch Gmünd | Dienstag, 08. September 2009

Besuch beim ersten Praktikanten der Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd

Nicht viele erinnern sich an den Prozess. Wer aber mit dem Thema Aids zu tun hat, auch für einige Schwulenverbände, ist der Mann, der 2006 ins Gefängnis musste, weil er einen anderen mit HIV infiziert hat, unvergessen. Ganz bewusst gibt ihm die Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd jetzt eine Chance.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Diese Geschichte ist weder leicht noch schnell erzählt. Gerd, so heißt der Mann, scheint sich nicht sonderlich wohl zu fühlen in seiner Haut: Die Parforcejagd durch seine Vergangenheit macht ihm zu schaffen. Manchmal zögert er, kämpft gegen den Wunsch, Entschuldigungen zu finden. Dann wieder bricht Verbitterung durch. Aber er schont sich nicht. Und an keiner Stelle versucht er, seine Kindheit als Erklärung für die späteren Ereignisse heranzuziehen. Dabei haben er und seine Geschwister Erinnerungen, die Stoff für mehr als einen Albtraum bieten. Halb totgeschlagen, buchstäblich, hat der Vater Frau und Kinder, prügelte im Suff mit Gürtel, Kabel, Gartenschlauch auf sie ein. Die Nachbarn im kleinen Ort bei Sindelfingen haben’s mitbekommen, Lehrer und Mitschüler zumindest in Ansätzen, aber geholfen wurde der Familie nur einmal, als der Vater mit dem Gewehr auf seine Älteste losgegangen war. Die Mutter war keine Hilfe; bis zu ihrem Tod 2002 — ausgerechnet an Gerds Geburtstag — fand sie für ihren Mann Entschuldigungen.
Der Bub hat es genossen, wenn ihn der türkische Nachbar zum Essen eingeladen hat. Zum einen hatte seine Mutter alle Mühe, ausreichend auf den Tisch zu bringen, zum anderen war jede noch so kleine Flucht unbedingt erstrebenswert. Der ältere Mann hat den Jungen verführt, als dieser 14 Jahre alt war. Nach dem ersten Schock und einiger Zeit der Scham und der Verwirrung ließ er sich noch ein paar Mal zum Essen einladen. Dann floh er aus seinem Elternhaus und lebte mangels einer Alternative lieber freiwillig im Heim, als im echten Zuhause misshandelt zu werden — eine andere Möglichkeit hatte er nicht. In dieser Jugendeinrichtung kam es zu „Kontakten“ zu anderen Jungs; bei dem Thema ist ihm wirklich nicht wohl. Aber irgendwie war all das pubertäre Spielerei. Es sollte noch lange dauern, bis er sich selbst eingestehen konnte, dass er „beide Geschlechter mag“.
Nach dem Hauptschulabschluss hat Gerd gearbeitet, dann die Bundeswehr hinter sich gebracht, der er den Lkw-​Führerschein verdankt. 1977 stellte „der Daimler“ ihm, dem Ungelernten, eine Stelle am Band in Aussicht – einen Fuß in der Tür, durch die er so gerne gegangen wäre, was freilich an einer Nierenbeckenentzündung scheiterte. Das ist einer von mehreren Punkten, mit denen er im Rückblick heftig hadert. So wurde er zunächst in einer Böblinger Kiesgrube Lkw-​Fahrer, war dort aber so einsam, dass er in die Nähe seiner Schwester zog, die bei Ludwigsburg lebt. „Ich hab eigentlich immer gearbeitet, seit ich 16 war“, erzählt er. Räumt aber ein, dass er die Arbeitgeber mehrfach wechselte — weil diese Insolvenz anmeldeten oder umstrukturierten, vor allem aber, weil er einer war, der recht schnell das Gefühl hatte, zu kurz zu kommen, besseres finden zu können.
Am neuen Wohnort lernte er seine Zukünftige kennen. Und genoss eine platonische Männerfreundschaft, die ihm viel bedeutete und deren Ende ihn sehr belasteten. Noch vor der Hochzeit 1985, und sich seiner noch immer nicht ganz sicher, erklärte Gerd seiner Verlobten, dass er vermutlich Frauen und Männer attraktiv finde. Sie weinte. Und blieb bei ihm.
Es begannen Jahre, die im Rückblick zu den ganz guten zählen. Dass Gerd ein guter Vater war und ist, bestreitet niemand: Als Sohn eines Trinkers war der Alkohol keine Versuchung; als er seine Älteste einmal ohrfeigte, war das für ihn wohl schlimmer als für sein Kind. Zwei Mädels und einen Bub hat das Paar, das für sich sich selbst einen kleinen Teil des Wohnzimmers abtrennte, um den Kindern beide Schlafzimmer zur Verfügung stellen zu können. Man mag sich in dieser Familie, was wohl erklärt, wie all die schweren Jahre gemeinsam überstanden werden konnten. Gerd hatte nämlich immer wieder mal Sex mit Männern, die er in einschlägigen Treffpunkten fand; er suchte andere, tiefere Gefühle, einen richtigen Freund, aber es blieb bei den flüchtigen Begegnungen, die ihm immer weniger gaben. Bis zum 28. Oktober 2000. Da verliebte er sich, war „im siebten Himmel“. „Der Junge“ war freilich 20 Jahre jünger als er, gewährte ihm einige wenige, kostbare Treffen, ließ sich das teure Parfum „clinique happy“ schenken und brach ihm das Herz. Eine traurige Sache. Wer Liebeskummer kennt, braucht keine Erklärungen, andere verstehen’s ohnehin nicht. Gerd hat es überstanden, irgendwie, aber danach ging’s bergab. Schließlich beschloss er, sich zu outen, so schwer ihm das auch fiel. Die meisten Menschen in seiner Umgebung trugen es mit Fassung, andere, wie sein Bruder, erklärten, er sei für sie gestorben. Aber er hatte jetzt das Gefühl, ehrlicher zu leben.
2003 fühlte er sich zusehends schlechter. An der an seinem Handgelenk baumelnden Armbanduhr merkte er, wie sehr er abgenommen hatte. Das Sodbrennen hörte gar nicht mehr auf. Nach einer Magenspiegelung im Dezember 2003 teilte ihm die Hausärztin lapidar am Telefon mit, dass der in seinem Rachenraum gefundene Hefepilz insbesondere bei HIV-​Infizierten auftritt — wenn er über diese Frau spricht, wird deutlich, wie sehr er sich in all dieser Zeit mit seiner Bitterkeit und seinem Hadern eingerichtet hat. Umgehend ließ sich damals auch seine Frau testen, aber erst nach dem schlimmsten aller Weihnachtsfeste erfuhr die Familie, dass die Ehefrau gesund war. Das Ergebnis lag bereits am 23. Dezember vor, aber die Hausärztin hatte es nicht für nötig gehalten, Entwarnung zu geben. Das Leben hat Gerd nicht unbedingt gelehrt, dass er sich auf jemanden verlassen kann.
Und nun gibt es zwei Geschichten. Zunächst die, die Gerd erzählt: Im März 2004 lernte er über eine von den Aids-​Hilfen überall im Land als brandgefährlich eingestufte Internetseite, die ungeschützten Sex vermittelt, und bei der er sich unter die „HIV-​Positven“ einreihte, einen 27-​Jährigen aus Ulm kennen. Sagt er. Und dass er selbstverständlich davon ausgegangen sei, dass der Mann ebenfalls infiziert war. Als er während dieses Treffens — nach Stunden — erfahren habe, dass dem nicht so war, habe er das Ganze sofort abgebrochen: „Der konnte das gar nicht verstehen, und ich dachte, ich bin im falschen Film“. Dann dachte er gar nicht mehr an diese Nacht. Ein halbes Jahr später meldete sich die Kripo Ludwigsburg: Gegen ihn werde wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Der Name des Opfers sagte ihm nichts — der junge Mann, damals noch Student, habe sich wohl unter falschem Namen und in einem Internetcafé bei diesem Anbieter angemeldet. Versichert Gerd. Dass er Fehler gemacht, Schuld auf sich geladen habe, aber „doch nicht so“. Der junge Mann erzählte eine ganz andere Geschichte: Es sei eine Zufallsbekanntschaft gewesen und sein verantwortungsloser Partner, dessen Krankheit natürlich nicht Thema gewesen sei, habe sich nicht an die Absprachen gehalten. Nun sei sein Leben zerstört.
Mehrfach wechselte Gerd in dieser Zeit den Anwalt, konnte, wie gehabt, nicht glauben, dass er in guten Händen war. Er war verzweifelt, fühlte sich schlecht beraten und wartete auf den Tag, an dem sie ihn holen kamen. Am 3. Januar 2006 wurde er verhaftet. Mittlerweile beschuldigte man ihn auch noch, einen anderen jungen Mann mit dem Tod bedroht und vergewaltigt zu haben. Später wurde dieser Vorwurf vollständig ausgeräumt, doch während des Prozesses stand die ganze schlimme Geschichte ebenfalls im Raum. „Eine tickende Zeitbombe“ sei er, erklärte der Staatsanwalt. Der Partner des jungen Mannes sagte vor Gericht aus, dass man ungeschützt Verkehr hatte und es auch mit der Treue nicht so genau genommen hatte. Dem Gutachter Prof. Goebel aus München zufolge hätten durchaus auch andere Kontakte das Virus übertragen können. Und heute weiß man – auch wenn’s ungern öffentlich gemacht wird -, dass jemand, der sich einer antiretroviralen Therapie unterzieht, der an keiner weiteren Krankheit leidet und dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze ist, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemanden infiziert. Aber all das spielte keine Rolle. Der Hauptbelastungszeuge, das Opfer, wurde nicht vereidigt.
In jenem achtstündigen Prozess in Memmingen wurde Gerd zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt — sehr viel mehr, als in vergleichbaren Fällen. „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ war daraufhin in einschlägigen Foren zu lesen. „Mir kommt’s vor, als wollten die ein Exempel statuieren“, sagt Joschi Moser, Chef der Aids-​Hilfe, dem die Prozessakten mittelerweile vorliegen und der versichert, auch andere Aids-​Hilfen, etwa die in Berlin, hätten den Fall interessiert verfolgt. Die ersten Monate im Knast waren furchtbar. Freiwillig meldete sich Gerd zur Arbeit in der Lampenherstellung. Als die Revision abgelehnt wurde, war er ganz unten. Noch im Gefängnis lernte er Vertreter verschiedener Aids-​Hilfen übers Internet kennen, unter anderem eben auch Joschi Moser von der AH Gmünd. Als er dann entlassen wurde, war er krank, traurig, und praktisch mit jedem neuen Tag entwickelte er andere Vorstellungen, wie er sein weiteres Leben gestalten wollte. „Ein Ex-​Knacki hat’s nicht leicht“ war eine Erkenntnis, die nur allzu gut zu seiner Vorstellung passte, dass alle Welt gegen ihn war. Zu Beginn, so erzählt Moser, sei man deshalb heftig aneinander geraten. Aber irgendwie fasste Gerd Vertrauen. Er beschloss, sich umschulen und für Büroarbeit qualifizieren zu lassen, und schließlich erhielt Moser einen Anruf von der gemeinnützigen Bildungsträger BBQ: Gerd habe die Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd angegeben, als er nach seinem Wunsch-​Praktikumsplatz gefragt wurde. Moser überlegte — die Gmünder Aids-​Hilfe arbeitet rein ehrenamtlich -, entschied sich dann aber in Absprache mit den Vorstandskollegen für dieses Experiment. Heute räumt er ein, dass er sich „nicht allzu viel davon versprochen“ hatte. Jetzt stellt er seinem Praktikanten das beste Zeugnis aus: Unglaubliches Allgemeinwissen für jemanden mit Hauptschulabschluss; Moser war jahrelang in der ZF in der Ausbildung der kaufmännischen Azubis tätig und erklärt, es sei sehr beeindruckend, wie schnell Gerd Lehrinhalte zu vermitteln seien, wie leistungsbereit er sei und wie zuverlässig. Bis zum 5. Februar arbeitet Gerd jetzt also noch in der Gmünder Aids-​Hilfe. Danach, so wünschen ihm die Ehrenamtlichen dort, wär’s großartig, wenn ihm ein Neuanfang gelänge.

  • In all den Jahren, in denen Gerd sein Doppelleben vor aller Welt — außer vor seiner Frau — verbarg, hatte er nur heimliche, verstohlene Begegnungen. Nichts bekannt werden zu lassen, war das allerwichtigste. Die Aids-​Hilfe kennt dieses Muster nur all zu gut: Es gibt, so ist den Jahresberichten zu entnehmen, auch im Gmünder Raum Männer, die sich erst im Rentenalter zu ihrem Schwulsein bekannten, weil sie’s nicht mehr aushielten. Einfach weil es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber eben in dieser unterdrückten Sexualität, so AH-​Chef Joschi Moser, lauern die größten Gefahren. Wer nichts anderes im Sinn habe, als zu verstecken und zu verbergen, denke nicht an seinen Schutz noch an den anderer. Als die Aids-​Hilfe in ihren ersten Jahren in Gmünd, damals noch in der Münstergasse, damit begann, Kondome zu verteilen, gab es nicht wenige Männer, die diese bedauernd ablehnten: Die Ehefrau könnte das belastende Material finden.
  • Vor allem übers Internet finden sich Paare, die auf ungeschützten Sex aus sind. Ganz schlimm, sagen die Aids-​Hilfen im Land, die diese Seiten am liebsten gesperrt sähen. Denn selbst wenn sich zwei Partner mit negativem Aids-​Text begegneten, sei das ein selbstmörderisches Spiel — nichts ist so alt wie der Aids-​Test des Vortags nach einem weiteren ungeschützten Kontakt.
 

Kommentare

Neuen Kommentar hinzufügen
  1. Praktikant
    Möchte mich auf diesem Weg bei der Reporterin, die diesen Artikel veröffentlichte, recht herzlichst bedanken. Es fiel mir nicht leicht, so zu handeln doch soll die Gesellschaft ruhig erfahren in was für einer ungerechten Welt wir leben. Ich habe verdammt vieles in meinem Leben erfahren müssen & möchte wenigstens in meinem restlichem Leben etwas glücklicher sein dürfen. Vielleicht habe ich durch diesen Artikel eine Chance für ein Neuanfang in meinem bisherigem Berufsleben als LKW-Fahrer, das mir nicht gefallen hatte, zu bekommen. Das Büroleben gefällt mir sehr habe ich festgestellt, man ist "wer" und man bekommt Achtung & Lob. Ich weiß nun, dass ich neue Freunde gefunden habe im Raum Schwäbisch Gmünd. Vielen Dank deshalb an alle. Gerd
  2. Ein lesenswerter Artikel, der unter die Haut geht. Gerd ist zu wünschen, dass er endlich sein Glück findet, auf das er sein bisheriges Leben lang warten musste.
Neuen Kommentar hinzufügen