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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 16. Dezember 2010

Buchveröffentlichung: Johannes Schüles „Auswandern. Schwäbisch Gmünder Auswanderer und ihre Briefe an die Heimat“

Galerie (3 Bilder)

Bremerhaven 1841: So viele Gmünder verbrachten hier ihren letzten Morgen in der alten Heimat. Der Blick, der sich ihnen bot, findet sich als farbiger Stich in Johannes Schüles Buch „Auswandern“. Und was sie in der Neuen Welt erwartete, ist in vielen Dutzend ausgewählter Briefen dokumentiert.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Natürlich gibt es allen Grund, stolz zu sein, wenn in Schloss Schönbrunn oder in Versailles Gmünder Goldschmiedearbeiten zu sehen sind, wenn sich die Stadt auch in Amerika so vielfältig verewigt hat — OB Richard Arnold schwärmte gestern bei der Buchvorstellung „Auswandern“ von dem in Österreich und Frankreich, nicht zuletzt in den USA von Gmündern Geleisteten. Dahinter verbergen sich freilich Lebensläufe und Schicksale, die es wahrlich nicht verdient haben, in Vergessenheit zu geraten. In dreijähriger Fleiß– und Herzblutarbeit hat der Gmünder Autor Johannes Schüle aufgezeigt, warum es Jahre und Jahrzehnte gab, in denen zahlreichen Gmünder gar nichts anderes übrig blieb, als ihr Glück in der Ferne zu suchen. In der jüngsten Veröffentlichung des Stadtarchivs, einem ungewöhnlich schön gestalteten Buch, gibt’s viele ebenso ungewöhnlich traurige Geschichten. Und schöne Geschichten. Geschichten von Hoffnung und Desillusion, von Integration und Scheitern.
Ausführlich dokumentiert ist etwa der (Aus-)Reisebericht des Buchdruckers Johann Georg Ritter, der 20 Jahre lang Gmünder Zeitungsgeschichte geschrieben hatte und sich mit zunehmender Zensur, der politischen Unfreiheit und Schikanen wie der „Stempeltaxe“ nicht länger abfinden wollte. Mit seiner Familie siedelte er 1824 in die Neue Welt über; aus seinen „Reichsstadt Gemündischen Nachrichten“ wurde später die Rems-​Zeitung. Tausende Briefe hat Schüle ausgewertet — dem Stadtarchiv sei Dank; andere Städte träumen von solchen Schätzen — und unter vielen anderen einen Brief Johann Baptist Sachsenmaiers veröffentlicht, in dem dieser am 2. Februar 1873 schreibt: „Ich bin kaum im Stande und ich ringe nach der dazu nötigen geistigen Kraft um Euch den furchtbaren Schicksalsschlag der uns betroffen nehmlich: Den frühen und unerwarteten Tod unseres innig geliebten Kindes und Tochter Josephine hiermit anzuzeigen“. Josef Auchter wurde 1874 nach zweijähriger Ehe von seiner schwangeren Ehefrau verlassen; den kleinen Sohn ließ sie zurück. Wie es ihr in Amerika erging, schrieb sie 1886: „…Ich war erst 21 Jahre alt und hatte keine Überlegung als ich von Dir fortging und wo ich es eingesehen habe war es zu spät. Man sieht nicht ohne gräßlich darunter zu leiden alle seine Illusionen eine nach der anderen hinschwinden.“
Wer die TV-​Erfolgsserie „Die Auswanderer“ kennt und dann dieses Buch liest, weiß, was „Abenteuer“ und „Herausforderung“ und „Prüfung“ wirklich bedeuten. Auswanderung im 19. Jahrhundert bedeutete zum Teil unvorstellbare Entbehrungen, Heimweh im Wissen, wohl niemals wieder heimkehren zu können. Sprachlosigkeit und Entwurzelung, mit der oft nur die ganz Jungen wirklich zurecht kamen. Aber wie’s bei den Gebrüdern Grimm heißt: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. In einer Zeit, in der sich Meldungen von Zwangsvollstreckungen und Armenspeisungen häuften, oder der Kreuzerweck plötzlich nur noch ein Drittel wog, sahen viele schlicht keine Alternative. Wirtschaftliche Not war aber nicht allein ausschlaggebend für die Entscheidung, die alte Heimat zu verlassen: Johannes Schüle hat ein Dutzend solcher Gründe dokumentiert und analysiert, Verweigerung des Militärdienstes etwa, politische Unzufriedenheit, die Abschiebung von „Bürgern mit schlechtem Lebenswandel“ oder die völlig unzureichende Subventionierung armer Familien, denen nicht zugetraut wurde, irgendwann für sich selbst sorgen zu können — und die dann fast zwangsläufig in der Fremde scheiterten. Außerdem hat der Autor die Reiseorganisation aufgearbeitet, die Zeit auf hoher See und das Leben im fremden Land. Eine Liste der Auswanderer bis zum Jahr 1900 ist dabei, statistische Auswertungen durch Ruth Haag: Im Mittelpunkt dieses Buches stehen freilich die Geschichten und die Briefe all der Familien, die den Neuanfang wagten.

„Auswandern“: Das von Prade Media gestaltete und vom Stadtarchiv herausgegebene Buch im A-​4-​Format mit 176 Seiten und zahlreichen historischen Abbildungen und Illustrationen ist im Stadtarchiv sowie im Buchhandel erhältlich.
 

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Buchveröffentlichung: Johannes Schüles „Auswandern. Schwäbisch Gmünder Auswanderer und ihre Briefe an die Heimat“

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Bremerhaven 1841: So viele Gmünder verbrachten hier ihren letzten Morgen in der alten Heimat. Der Blick, der sich ihnen bot, findet sich als farbiger Stich in Johannes Schüles Buch „Auswandern“. Und was sie in der Neuen Welt erwartete, ist in vielen Dutzend ausgewählter Briefen dokumentiert.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Natürlich gibt es allen Grund, stolz zu sein, wenn in Schloss Schönbrunn oder in Versailles Gmünder Goldschmiedearbeiten zu sehen sind, wenn sich die Stadt auch in Amerika so vielfältig verewigt hat — OB Richard Arnold schwärmte gestern bei der Buchvorstellung „Auswandern“ von dem in Österreich und Frankreich, nicht zuletzt in den USA von Gmündern Geleisteten. Dahinter verbergen sich freilich Lebensläufe und Schicksale, die es wahrlich nicht verdient haben, in Vergessenheit zu geraten. In dreijähriger Fleiß– und Herzblutarbeit hat der Gmünder Autor Johannes Schüle aufgezeigt, warum es Jahre und Jahrzehnte gab, in denen zahlreichen Gmünder gar nichts anderes übrig blieb, als ihr Glück in der Ferne zu suchen. In der jüngsten Veröffentlichung des Stadtarchivs, einem ungewöhnlich schön gestalteten Buch, gibt’s viele ebenso ungewöhnlich traurige Geschichten. Und schöne Geschichten. Geschichten von Hoffnung und Desillusion, von Integration und Scheitern.
Ausführlich dokumentiert ist etwa der (Aus-)Reisebericht des Buchdruckers Johann Georg Ritter, der 20 Jahre lang Gmünder Zeitungsgeschichte geschrieben hatte und sich mit zunehmender Zensur, der politischen Unfreiheit und Schikanen wie der „Stempeltaxe“ nicht länger abfinden wollte. Mit seiner Familie siedelte er 1824 in die Neue Welt über; aus seinen „Reichsstadt Gemündischen Nachrichten“ wurde später die Rems-​Zeitung. Tausende Briefe hat Schüle ausgewertet — dem Stadtarchiv sei Dank; andere Städte träumen von solchen Schätzen — und unter vielen anderen einen Brief Johann Baptist Sachsenmaiers veröffentlicht, in dem dieser am 2. Februar 1873 schreibt: „Ich bin kaum im Stande und ich ringe nach der dazu nötigen geistigen Kraft um Euch den furchtbaren Schicksalsschlag der uns betroffen nehmlich: Den frühen und unerwarteten Tod unseres innig geliebten Kindes und Tochter Josephine hiermit anzuzeigen“. Josef Auchter wurde 1874 nach zweijähriger Ehe von seiner schwangeren Ehefrau verlassen; den kleinen Sohn ließ sie zurück. Wie es ihr in Amerika erging, schrieb sie 1886: „…Ich war erst 21 Jahre alt und hatte keine Überlegung als ich von Dir fortging und wo ich es eingesehen habe war es zu spät. Man sieht nicht ohne gräßlich darunter zu leiden alle seine Illusionen eine nach der anderen hinschwinden.“
Wer die TV-​Erfolgsserie „Die Auswanderer“ kennt und dann dieses Buch liest, weiß, was „Abenteuer“ und „Herausforderung“ und „Prüfung“ wirklich bedeuten. Auswanderung im 19. Jahrhundert bedeutete zum Teil unvorstellbare Entbehrungen, Heimweh im Wissen, wohl niemals wieder heimkehren zu können. Sprachlosigkeit und Entwurzelung, mit der oft nur die ganz Jungen wirklich zurecht kamen. Aber wie’s bei den Gebrüdern Grimm heißt: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. In einer Zeit, in der sich Meldungen von Zwangsvollstreckungen und Armenspeisungen häuften, oder der Kreuzerweck plötzlich nur noch ein Drittel wog, sahen viele schlicht keine Alternative. Wirtschaftliche Not war aber nicht allein ausschlaggebend für die Entscheidung, die alte Heimat zu verlassen: Johannes Schüle hat ein Dutzend solcher Gründe dokumentiert und analysiert, Verweigerung des Militärdienstes etwa, politische Unzufriedenheit, die Abschiebung von „Bürgern mit schlechtem Lebenswandel“ oder die völlig unzureichende Subventionierung armer Familien, denen nicht zugetraut wurde, irgendwann für sich selbst sorgen zu können — und die dann fast zwangsläufig in der Fremde scheiterten. Außerdem hat der Autor die Reiseorganisation aufgearbeitet, die Zeit auf hoher See und das Leben im fremden Land. Eine Liste der Auswanderer bis zum Jahr 1900 ist dabei, statistische Auswertungen durch Ruth Haag: Im Mittelpunkt dieses Buches stehen freilich die Geschichten und die Briefe all der Familien, die den Neuanfang wagten.

„Auswandern“: Das von Prade Media gestaltete und vom Stadtarchiv herausgegebene Buch im A-​4-​Format mit 176 Seiten und zahlreichen historischen Abbildungen und Illustrationen ist im Stadtarchiv sowie im Buchhandel erhältlich.
 

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