Ikone der Leipziger Montagsdemonstrationen im Bilderhaus: Christian Führer, Pfarrer der Nikolaikirche, erinnert an 1989
Aus seinem Buch “Und wir sind dabei gewesen – Die Revolution, die aus der Kirche kam“ wollte Christian Führer, ehemals Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig, am Mittwoch in Gschwend lesen. Aber es waren nur wenige Zeilen, bis sich die gut besuchte Lesung zum freien Vortrag wandelte.
GSCHWEND (ww). Christian Führer erzählte von Kindheit, einer sehr glücklichen, und Jugend in der DDR. Schon im zarten Alter von zwölf Jahren entschloss sich Führer, den Beruf des Pfarrers zu erwählen. Mit
25 Jahren schon hatte er sein Ziel erreicht. Als Sohn eines Pfarrers fand er früh zum Glauben, einem sehr tiefen Glauben. Seit seinem Schulbeginn
1949 mit einem atheistischen Staat konfrontiert, stellte dieser seinen Glauben zwar in Frage, ließ ihn aber doch – man hört die Verwunderung darüber durch — weitgehend „in Ruhe“. Obwohl früh bei den Jungen Pionieren ausgetreten, durfte Führer die höhere Schule besuchen. „Seltsam wurde ich ausgemustert“, sagte Führer, „ein paar Offiziere fragten mich nur nach einem Abonnement und der Arzt stellt im Vorbeigehn fest, dass ich wohl kaum schwer heben könne.“ Das habe er als große Gnade Gottes empfunden, dass er beim „Tötungsverein“ nicht mitmachen musste. „Neben dem Theologiestudium waren verschiedene Jobs und die Straße meine Universitäten“, schaute Führer humorvoll zurück.
1968 schließlich wurde geheiratet,
1980 kam er nach Leipzig, wurde Pfarrer der Nikolaikirche.
„Die Kirche war in der DDR ein Raum der Freiheit“, so Führer rückblickend. Die Jugend, draußen verdummt und dadurch verstummt, sprach sich in der immer offenen Kirche frei aus. Ab dem
20. September
1982 wurden regelmäßig Friedensgebete gesprochen, ein in der DDR einmaliger Vorgang. „Eine Kirche muss immer für alle offen sein“, bekräftigte der Pfarrer. Zur weiteren Entwicklung zitierte er: „Ruinen schaffen ohne Waffen.“Verwundert zeigte sich Führer über die Entwicklung im Westen. Dort durfte man gegen die Stationierung atomarer Kurzstreckenraketen zwar demonstrieren, aber: „Genützt hat das nichts.“ Da habe man sich schon mal über die Demokratie des Westens Gedanken gemacht.
Seit
1986 habe die Anzahl Ausreisewilliger enorm zugenommen, die in der Kirche Unterschlupf fanden. Der Anfang vom Ende der DDR habe sich ab dem
8. Mai
1989 abgezeichnet. Von überall her seien die Menschen zu den Friedensgebeten geeilt; Polizeisperren suchten dies zu verhindern. Zum Friedensgebet des
1. September
1989 –
50 Jahre zuvor begann der zweite Weltkrieg – seien Westkameras vor Ort gewesen. Die Demonstranten nutzten dies, Transparente mit der Aufschrift „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ zu entrollen. Als dies im Westfernsehen gesendet wurde, habe man natürlich in der DDR – wo fast jeder diese Kanäle empfing – sofort gewusst, was Sache ist. „Ab Oktober liefen dann die Verhaftungen an“, sagte Führer. Um die Protestierenden zu unterlaufen, besetzten SED-Getreue die Nikolaikirche. „Denen habe ich gesagt, ich sei der Meinung, dass Prolos erst nach
16 Uhr Zeit hätten.“ Die Genossen erfuhren in der Kirche allerdings, dass dort keine Gewalt gepredigt wurde, sondern immer die Maxime „Keine Gewalt“ galt! Er, Führer, halte es noch heute für ein Wunder, dass dies durchgehalten wurde. „Denn Geld, Armee, Wirtschaft und Medien sind doch das, was in der Politik wirklich zählt“, sagt Führer etwas aufgebracht. „Wir sind stolz darauf, dass wir in Deutschland eine gelungene gewaltlose Revolution geschafft haben“, resümiert er, „zum ersten Mal in der Geschichte war die Kirche auf der richtigen Seite.“ Trotz der Gewaltfreiheit – Revolutionen erfolgten eigentlich gewaltsam – ziehe er die Bezeichnung Revolution dem Begriff Wende vor.
Nach dem
9. Oktober
1989 sei es dann Schlag auf Schlag gegangen. „Dieser Tag müsste eigentlich der deutsche Gedenktag sein“, meinte Führer. Eine herrliche Stimmung habe im Land geherrscht, als die Mauer vom Osten her überwunden wurde. „Und dann kamen die Schwierigkeiten“, schließt er, „aber das, was bleibt, ist zu
100 Prozent positiv.“
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