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» Ostalbkreis | Freitag, 19. Februar 2010

Erika Waidmann und Sabine Balle waren zu Gast in der Mission Basauni in Nordindien

„Schwäbisches Hutzelbrot und selber g’machts Gsälz“ überreichte die Delegation des Heuchlinger Helferkreises an Erzbischof William De Souza im indischen Patna, als kleinen Gruß aus Heuchlingen. Mit gutem Grund.

HEUCHLINGEN. Denn durch Einkochen von Marmelade, Chutney und allerlei Saurem, durch Kochen und Backen sowie durch den Verkauf von Reisigbesen, die nach alter Handwerkstradition hergestellt werden, und mit anderen pfiffigen Ideen unterstützen das Team des Helferkreises und die ganze Gemeinde Heuchlingen die Schulausbildung der Kinder in der Mission Basauni in Nordindien. Der Heuchlinger Helferkreis, der in früheren Jahren regelmäßig auf dem Johannisplatz in Schwäbisch Gmünd mit Flohmärkten präsentierte, unterstützt somit seit 18 Jahren aktiv die Missionsarbeit in der Diözese Patna/​Bundesland Bihar/​Nordindien. Pfarrer Philip, durch den die Verbindung Heuchlingen – Patna entstanden ist, verstarb im September 2008 an einem Herzinfarkt. Erika Waidmann und Sabine Balle besuchten nun im Dezember 2009 auf Einladung des Erzbischofs William De Souza die Diözese Patna, um erstens neue Kontakte zu vertiefen und sich vor Ort persönlich ein Bild zu machen. Beeindruckt von der Reise, vor allem aber über die Härte der Missionsarbeit, schildern sie ihre Erlebnisse:
Unbeschreibliche Armut herrscht in Bihar, dem ärmsten und rückständigsten Bundesland Indiens. 85 Millionen Menschen, von denen 70 Prozent Analphabeten sind, bevölkern eine Fläche fünfmal so groß wie Baden-​Württemberg. 95 Prozent der Menschen sind Hindus, viereinhalb Prozent Moslems und andere Religionen, nur ein von 200 ist Christ. In der Hindureligion ist das Kastensystem so verwurzelt, dass den Menschen der niedersten Kasten und Kastenlosen keine Möglichkeit für Schulbildung bleibt. Sie sind so arm, dass sie weder täglich zu Essen haben, geschweige denn das Schulgeld aufbringen können. Armut ist ein guter Nährboden für skrupellose Menschenhändler, die aus den Dörfern Bihars Kinder zur Sklavenarbeit holen. Diese verschwinden für immer in Fabriken, Steinbrüchen, Teppichknüpfereien und fristen ihr kurzes Leben unter menschenunwürdigen Verhältnissen. Von gnadenlosen Aufsehern getrieben, bedeutet das für sie harte Knochenarbeit für ein bisschen Reis, das sie oft nicht täglich bekommen. Krankheit bedeutet Tod, und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt zwischen 30 und 40 Jahren.
Nur die Möglichkeit, den Kindern aus der niedersten Bevölkerungschicht Indiens Schulbildung zu ermöglichen, zeigt einen Weg aus diesem, von Geburt an vorgezeichneten Dilemma.
Der Schwerpunkt der Aufbauarbeit in den Missionen liegt darin, so vielen Kindern wie möglich dieses Schicksal zu ersparen. Und so hat der Heuchlinger Helferkreis, unterstützt von der ganzen Bevölkerung Heuchlingens, eine „Patenschaft“ übernommen, um 120 bis 150 Kindern der Tribals und Dalits, Volksstämme der Kastenlosen, Unterkunft und Schulausbildung zu ermöglichen. Darüber hinaus werden Ausbildungsprojekte für Jugendliche unterstützt, um ihnen, die zum Teil aus der Sklavenarbeit befreit wurden oder aus anderen Gründen nie eine Schule besucht hatten, eine Grundausbildung in Lesen/​Schreiben/​Englisch mit anschließender handwerklicher Ausbildung, zu ermöglichen. Diese Projekte wurden in den letzten Jahren mehrmals von Landrat Pavel bzw. dem Ostalbkreis durch Zuwendungen unterstützt.
Zwei Heuchlingerinnen
in der Fremde
Die Mission Basauni, mit der Heuchlingen die „Patenschaft“ verbindet, liegt ca. 200 Kilometer von Patna entfernt, am Rande der Diözese.
Die Fahrt dorthin zeigte Erika Waidmann und Sabine Balle die unendliche Weite des Landes. Die beschwerliche Reise führte vorbei an Weizen– und Senffeldern und durch Dörfer in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Die Kinder erwarteten die beiden Heuchlingerinnen zusammen mit dem Erzbischof, der eigens angereist war, voll Freude, und ein herzliches Willkommensprogramm zeigte ihre Dankbarkeit. Auch die Eltern der Kinder zeigten sich dankbar darüber, dass die Heuchlinger ihren Kindern die Schulausbildung finanzieren, und baten die Gäste in ihr Dorf. Erika Waidmann und Sabine Balle erzählen: „Wir erlebten wirklich herzliche Gastfreundschaft von Menschen, die selbst nicht jeden Tag etwas zu essen haben. Wir erlebten, dass man auch ohne Strom und warmes Wasser auskommen kann und noch so manchen Bequemlichkeiten, die für uns selbstverständlich sind.“
Ebenfalls beeindruckend war der Empfang durch die Jugendlichen, die durch Heuchlinger Hilfe sowie Dank der Unterstützung des Ostalbkreises eine Ausbildung erhalten haben: 160 junge Menschen haben so einen bezahlten Job gefunden; dadurch bleibt ihnen das Schicksal der Versklavung für ihr weiteres Leben erspart. Stellvertretend für alle, waren ca. 20 Jugendliche angereist; ihre Arbeitsplätze sind zum Teil zwischen 30 und 100 Kilometer entfernt, eine Strecke, die in Indien nicht so leicht zu bewältigen ist. Strahlende Augen und Gesichter zeugten von großer Dankbarkeit; die Jugendlichen erzählten zudem, dass sie mit Hilfe ihres Verdienste selbst anderen Kindern zu einer Schulausbildung verhelfen. Ein anderer erzählte, dass er von seinem Lohn für sein Dorf eine Grundwasserpumpe gestiftet hat, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Die beiden Heuchlingerinnen sind sicher: „Der soziale Gedanke zieht Kreise und wenn man so vor diesen jungen Menschen steht, bewegt es einen tief im Herzen und es wird dir bewusst, dass man doch mit relativ geringen Mitteln so vielen jungen Menschen eine gute Perspektive im Leben bieten kann.“
Die Armut in Bihar/​Nordindien ist schrecklich, für viele Menschen ist allein durch die Geburt ihr Schicksal in Armut und Elend besiegelt. Missionsarbeit heißt „Hilfe geben“ sagen die Heuchlinger, und leisten ihre Hilfe selbstverständlich überkonfessionell. Der Dank des Helferkreises gilt all den Menschen, die in den Missionen arbeiten, vor allem den Missionaren und den Ordensschwestern, die dort täglich unter schwersten Bedingungen und ohne finanziellen Lohn ihre ganze Arbeitskraft und ihr persönliches Leben einsetzen. „Ihnen gehört unsere ganze Bewunderung und Hochachtung. Sie brauchen unsere Unterstützung und solange wir können, werden wir unser Möglichstes tun. Pfarrer Philip, der durch eine Patenschaft nach Heuchlingen kam, hat uns Missionsarbeit nahegebracht. Heuchlingen, ein starkes Team und eine starke Gemeinde, engagiert sich auch nach seinem Tod, um den Kindern in Basauni/​Nordindien weiterhin Schulbildung zu ermöglichen.“
Am Samstag startete der Helferkreis in die neue Saison
Jedes Jahr aufs Neue versucht der Helferkreis durch verschiedene Aktivitäten, den Betrag zu erreichen, der notwendig ist, um den Kindern den Aufenthalt auf Basauni zu garantieren. So startete der Helferkreis Heuchlingen am letzten Samstag in die neue Saison. Es gab eine „Suppenküche“, die wieder einmal ein voller Erfolg war. Angeboten wurden „Maultascha“, „Kuttla“ und Fasnachtskiachla sowie „Reisigbesa“, nach alter handwerklicher Tradition hergestellt. Der Erlös bildet die Grundlage für die Hilfe 2011; weitere Events werden folgen, bis zum Jahresende soll genug Geld da sein, den Kindern in Basauni auch in Zukunft „Herberge“ geben zu können
Eine große Auszeichnung ist es für den Helferkreis, dass Erzbischof William de Souza Heuchlingen im Mai/​Juni besuchen wird. Er möchte das Team und die Gemeinde kennenlernen, die mit viel Ausdauer und Liebe die Arbeit in den Missionen unterstützt. Zurück von ihrer Reise ziehen Erika Waidmann und Sabine Balle Bilanz: „Neu motiviert und mit einem Herzen voll Liebe für die Kinder und den Helfern dort in den Missionen, werden wir uns weiterhin tatkräftig engagieren. Asha, so haben sie gelernt, heißt Hoffnung; Baisha Zukunft, Moksha ist der Himmel. Und Schulbildung der einzige Weg aus der Armut.
 

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