Vor 20 Jahren Millionenschäden durch Flut und tagelanger Einsatz von bis zu 1000 Helfern /Das Ereignis war der Impuls für Gründung des Wasserverbands Rems
In diesen Tagen werden in vielen Familien und wohl in allen Orten des Remstals, besonders zwischen Mögglingen und Lorch-Waldhausen, böse Erinnerungen wach: Vor 20 Jahren suchte ein Jahrhunderthochwasser die Remstalregion heim, forderte ein Todesopfer und hinterließ Schäden in Millionenhöhe. Kann sich ein solches Ereignis wiederholen?
SCHWÄBISCH GMÜND
(hs) . Hochwassersituationen hatten die Menschen im Remstal bis dahin schon immer wieder erlebt. Auch historisch sind Flutwellen belegt, die vermutlich sogar noch höher ausfielen als es dann im Februar
1990 passierte. Von solchen früheren „Sintfluten“ zeugen Hochwassermarken an Gedenktafeln, die beispielsweise an der Herrgottsruhkapelle am Leonhardsfriedhof und an der Volksbank in der Ledergasse angebracht sind. Schon immer muss also die Rems sehr unberechenbar gewesen sein. Doch vor
20 Jahren wirkte die Rems-Flut wie eine Rache der Natur dafür, dass die Kommunen im Remstal viel zu lange und ohne aufeinander zu achten, Flächen entlang des gemeinsamen Flusses versiegelt und bebaut hatten. Dazu gab es im Zeitraum der letzten
150 Jahre immer wieder massive Begradigungen und Kanalisierungen der Rems, wobei natürliche Überschwemmungsgebiete auf angrenzenden Wiesen verschwanden.
Die Lautsprecher-Warnungen kamen viel zu spät
Mitte Februar
1990 bahnte sich das Unheil an, ohne dass die Menschen sich gewarnt fühlten. Zur Schneeschmelze auf den Höhen ringsum und besonders im Bereich des Albtraufs am Oberlauf bei Essingen kamen tagelange Regenfälle. Unglücklicherweise war der Boden teilweise noch gefroren, so dass der Regen nicht versickerte, sondern sich an den Hängen des Remstals zu ungeahnten Sturzbächen formierte. Bereits in den Tagen zuvor hatte es schon an Lein, Kocher und am Neckar Probleme gegeben. Im Remstal war es ein fast schlagartiges Ereignis, als in der Nacht zum
15. Februar der Wasserstand unglaublich schnell anschwoll. Zunächst traf es den Bereich um Essingen, Mögglingen und Lautern, wo eine Person in die Fluten rutschte und ertrank. Schon wenig später musste die B
29 wegen Überflutung gesperrt werden. Unterspülungen gab es auch an der Remsbahn, weshalb auch der Zugverkehr gestoppt werden musste. Sogleich hatte auch der Stadtteil Hussenhofen schwer zu leiden, wo etwa
50 Keller und auch einige Erdgeschosswohnungen vollliefen. Die Rems verwandelte im Nu auch in der Gmünder Oststadt ganze Straßenzüge und Gartengrundstücke in eine Seenlandschaft. Die schmutzig-braune Brühe überflutete den großen Schlecker-Parkplatz. Nur mit größter Mühe konnte die Feuerwehr das Warenhaus Schlecker mit Sandsackbarrieren halbwegs sichern. Das Remswehr am Bahnhof konnte die Wassermassen kaum noch aufnehmen. Durch den gleichfalls hochwasserführenden Josefsbach kam es dort zu einem brodelnden Rückstau. Schätzungsweise noch einen halben Meter höher — und die Flut hätte sich vol-lends den Weg in die Ledergasse gesucht. Der eiserne Fehrlesteg stand bereits unter Wasser, wurde durch die Strömung sogar leicht verbogen. Stahlseile verhinderten, dass er weggerissen wurde.
Am allerschlimmsten traf es jedoch die Stadt Lorch mit Waldhausen. Polizei und Feuerwehr fuhren zwar noch eilends mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen, doch kam die Hochwasserwelle trotzdem so schnell und mächtig, dass zahlreiche Menschen in ihren Häusern eingeschlossen wurden. Mit Booten wurden sie evakuiert. An der Mühlstraße, am Ufer– und Pappelweg sah es furchtbar aus. Das Gewerbe– und Industriegebiet an der Lorcher Straße stand fast komplett im Wasser. Die Strömung der wildgewordenen Rems und Treibgut drückten Türen, Fenster, Fabriktore und manche Mauer ein. Container und sogar Autos trieben auf der schäumenden Rems.
Besonders Lorch und Waldhausen hatten schwer zu leiden
So schnell wie die Hochwasserwelle nach oben geschnellt war, so eilig beruhigte sich die Rems nach ein paar Stunden zwar wieder. Bis zur Neckarmündung wütete sie noch in allen nachfolgenden Orten. Vor allem hinterließ sie ein verwüstetes Tal, wo sich plötzlich viele große Seen angesammelt hatten. Rund
1000 Helfer von Feuerwehr,
THW,
DLRG und anderen Hilfsorganisationen waren tagelang im Einsatz, um die Trümmerlandschaft aufzuräumen. Eine Herkulesaufgabe: Viele voll gelaufene Keller, in denen auch ‘zig Öltanks umgestürzt waren, und auch Wohnungen und ganze Betriebe konnten erst ausgepumpt werden, nachdem Feuerwehr und
THW mit einem Großeinsatz die vielen Seen beseitigt hatten. Jetzt erst offenbarte sich das ganze Ausmaß der Schäden, einschließlich eines traurigen Fischsterbens. Erstaunlich, wie aus der Not eine Tugend wurde. Naturschutzverbände sahen sich in der Befürchtung bestätigt, dass in den letzten Jahrzehnten mit dem Naturraum Remstal sträflichst Raubbau betrieben worden sei. Diese Einsicht hielt dann auch Einzug in die Rathäuser. War das Remstal bis dahin eher von einer Konkurrenzsituation zwischen den Kommunen und der Landkreise geprägt, so saß man plötzlich sozusagen in einem „Rettungsboot“.
Der Wasserverband Rems wurde aus der Taufe gehoben, um ein Konzept zunächst für einen direkten, aber auch nachhaltigen Hochwasserschutz in die Wege zu leiten. Auf überregionaler Ebene entstand zwischenzeitlich auch das Landschaftsmodell Rems. Zielsetzung: Renaturierung der Rems, rücksichtsvolle Siedlungspolitik, besonders aber auch im Hinblick auf die Bedürfnisse des Menschen und auch der Tierwelt eine neue Bewusstseinbildung. Neuerdings wird die Rems nicht mehr als trennende Linie oder gar als ehemals ungeliebte Kloake wahrgenommen, sondern als Lebensader, ja sogar als Touristikfaktor. Dies wird nicht zuletzt auch mit dem Gamundia-Konzept unterstrichen, mit dem im Rahmen der Gmünder Landesgartenschauplanung Rems und Josefsbach nicht nur sorgsam renaturiert werden, sondern zu einem neuen Stück Stadt– und Naturkultur gestaltet werden.
Hochwasserschutz und Vorhersage sind jetzt extrem verbessert
Kann sich eine Katastrophe wie vom Februar
1990 wiederholen? Grundsätzlich ist die Natur unbezähmbar. Doch durch den Wasserverband Rems (maßgeblich unter der technischen Leitung des Gmünder Dipl.-Ing. Hans-Georg Walter) wurden in den letzten Jahren wirkungsvolle Schutzmaßnahmen in die Tat umgesetzt. Vor allem handelt es sich hierbei um die beiden großen Hochwasserrückhalteräume vor Lorch und Waldhausen, die in der Lage sind, die besonders gefährlichen Spitzen eines Rems-Hochwassers aufzufangen. Vergeblich waren die Bemühungen, auch oberhalb von Hussenhofen-Zimmern eine solche Anlage mit Dämmen und Fluttor zu errichten; das Land genehmigte dort lediglich punktuelle Schutzmaßnahmen entlang der Rems.
Auch durch die anstehenden Umbaumaßnahmen für die Landesgartenschau am Remswehr wird dieser kritische Punkt im Stadtbereich entschärft.
Wesentlicher Unterschied von
1990 zu heute: Es entstand ein System von Pegelstationen und Vorhersagemöglichkeiten. Im Abgleich mit den Daten der Wettervorhersage können sogar auf Tage hinaus kritische Entwicklungen berechnet werden. Es werden jetzt sogar automatische Voralarme für Kommunalverwaltungen, Polizei und Feuerwehr ausgelöst, sollte sich die Rems auf einen bedenklichen Wasserstand zubewegen. Konkret: Die Februar-Flutwelle von
1990 wäre heute mindestens
24 Stunden vorher zu erkennen.
Die Landesanstalt für Umwelt und Naturschutz betreibt die Hochwasser-Vorhersage-Zentrale Baden-Württemberg. Ein Überblick über die Pegelstände, Vorhersagen sowie aktuelle Warnungen (auch fürs Remstal) können jederzeit im Internet eingesehen werden: hvz.baden-wuerttemberg.de
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