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» Schwäbisch Gmünd | Sonntag, 07. Februar 2010

Wie man der einstigen Bijouteriefabrik von Ferdinand Menrad neues Leben einhauchen könnte

Es ist erst wenige Tage her, als die Rems-​Zeitung die Frage aufgeworfen hat, was aus dem alten Fabrikgebäude in der Königsturmstraße 28 werden soll? Eigentümer Thomas Betz hat die RZ eingeladen und von seinen Visionen erzählt. Am liebsten würde er es selbst bewohnen – und wer einmal drin war, weiß auch warum. Von Gerold Bauer

SCHWÄBISCH GMÜND. Das zweigeschossige Wohnhaus mit Fabrikanbau wird von Richard Strobel in seiner Buchreihe „Kunstdenkmäler in der Stadt Schwäbisch Gmünd“ (Band III Profanbauten der Altstadt, Deutscher Kunstverlag 1995) ausführlich beschrieben. Das auf einem hohen Rustikaquadersockel aus gelb-​roten Ziegeln erbaute Haus ähnelt nur auf den ersten Blick seinem „Nachbarn“ in der Königsturmstraße 14. Dort hatte Bijouteriefabrikant Johan Unger sein Haus mit Fabrikanbau anno 1877 erstellen lassen – wenige Jahre nach der Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs und mit entsprechend klassizistischen Stilelementen.
Als Ferdinand Menrad im Jahr 1901 (jene Ära, in der zum Beispiel das heutige Parler-​Gymnasium gebaut wurde) bei Werkmeister Carl Baas sein Wohnhaus mit Räumen zur Herstellung von Bijouteriewaren in Auftrag gab, hatte sich offensichtlich der Zeitgeschmack etwas verändert. Es hätte von der Epoche her auch ein Jugendstilbau werden können, wurde es aber nicht. Bauherr und Architekt entschieden sich für den Schweizer – beziehungsweise Heimatstil. Das Gebäude bekam ein schiefergedecktes „Stuttgarter Dach“ — ein Walmdach mit einem zusätzlichen Zwerchgiebel quer zur Firstrichtung und einem Erker. Das Treppenhaus wurde in einem seitlichen Anbau untergebracht, die hölzerne Haustüre bekam schmiedeeisernen Zierrat, das Gurtgesims wurde profiliert ausgeführt; und auch die Dachkonstruktion sowie sichtbares Balkenwerk machte deutlich, dass hier kein reiner Zweckbau entstanden ist, sondern das Haus eines wohlhabenden Fabrikanten, der wohl ganz bewusst dieses Grundstück auswählte – in unmittelbarer Nachbarschaft zu ähnlich repräsentativen Gebäuden.
Auch wenn die heute täglich dort durchrollende Verkehrslawine den Blick dafür trübt – die Königsturmstraße war einst eine echte Prachtstraße. Und daran ändern mutwillig eingeworfene Scheiben oder von Abgasen verschmutzte Fassaden auch nichts. Was heute nicht mehr auffällt: Das Gebäude Königsturmstraße 28 wurde 1914 im gleichen Stil um einen Fabrikanbau erweitert und wirkt entsprechend wie aus einem Guss.
Auch bei der Innenraumgestaltung war seinerzeit nicht gespart worden. Die Zimmer sind mit Stuckornamenten und profilierten Türrahmen ausgestattet. In der ehemaligen Küche gibt es historische Kacheln. Während das Gebäude außen nahezu im Originalzustand blieb (vom späteren Einbau moderner Fenster einmal abgesehen), hat im Inneren die lange Nutzung der einstigen noblen Wohnung als Fabrikbüro schon heftige Spuren hinterlassen.
Aber Thomas Betz hat dem Gebäude sofort angesehen, welches Potenzial in den gut 100 Jahre alten Mauern steckt, als er es vor vier Jahren gekauft hat. Zunächst als reines Investmentobjekt, doch mit der Zeit wurde der Wunsch in ihm immer stärker, dort selbst zu wohnen. Als gelernter Mauer und studierter Betriebswirt kennt sich Betz sowohl mit Materialien als auch mit Finanzen bestens aus.
Das innen völlig ausgeräumte Gebäude öffnet den Blick für
eine künftige Nutzung
Bei der Führung durch die Räume staunt man zunächst über die gewaltigen Nutzflächen – vor allem im ehemaligen Fabrikteil, der sich über zwei Etagen erstreckt – wobei aufgrund der Hanglage der obere Fabrikbereich von der Königsturmstraße aus ein erster Stock ist, von der Gemeindehausstraße aus hingegen das Erdgeschoss. Alles wird noch riesiger, weil die Räume von Thomas Betz inzwischen innen völlig entkernt wurden. Alle Einrichtungen, Mobiliar und spätere Einbauten wurden von ihm entfernt.
Dies öffnet umso mehr den Blick, was daraus einmal werden könnte. Von einer gehobenen Gastronomie über ein großes Architekturbüro bis hin zu einem exklusiven Sportstudio oder Medi-​Center mit Arztpraxen etc.wäre vieles denk– und realisierbar.
Die gute Bausubstanz hilft mit, dass sich eine Umnutzung nicht als Fass ohne Boden entwickeln würde. Entsprechend gibt es auch mehrere ernstzunehmende Interessenten. Gut, dass der selbstständige Unternehmer Thomas Betz nicht unter Zeitdruck steht und sich so die optimale Lösung aussuchen kann…
 

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