Dr. Kurt Scholze und Burkhard Fichtner erläuterten dem Heiligen Vater ihr Konzept für eine „Europäische Parler-Stiftung“
Erinnerung und Versöhnung — zwei Begriffe, die Dr. Kurt Scholze und Burkhard Fichtner als Einheit sehen, wenn sie an ihre ehemalige Heimat im Osten denken. Da Peter Parler in Ost und West als Baumeister berühmt ist, soll er die Leitfigur für eine neue Stiftung sein. Im persönlichen Gespräch konnten sie sich dafür auch das Wohlwollen von Papst Benedikt XVI. sichern. Von Gerold Bauer
SCHWÄBISCH GMÜND. Gmünd ist bekannt als Stauferstadt – doch genauso gut könnte man von einer Peter-Parler-Stadt sprechen. Denn der in Gmünd geborene Baumeister Peter Parler hat mit seinem Stil nicht nur in seiner Heimatstadt bis heute sichtbare Spuren hinterlassen, sondern eine ganze Bauepoche stilistisch geprägt. Darauf machten
Dr. Kurt Scholze, Burkhard Fichtner und Klaus Rollny aufmerksam. Sie wünschen sich, dass man Peter Parler nicht nur mit Prag verbindet, sondern eben auch mit Gmünd. Verbindungen zu schaffen – darum geht es ihnen auch bei ihrer Parler-Ring-Initiative.
Alle drei mussten als junge Menschen kriegsbedingt ihre Heimat im Osten verlassen und sind bemüht, die Erinnerung an die alte Heimat nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Zum einen engagieren sich die drei in der „Sammlung Osten“, einer Unterabteilung des Gmünder Stadtarchivs, die bislang ehrenamtlich betreut wird und aus Platzgründen ihren Sitz auch nicht im Stadtarchiv selbst hat, sondern vorübergehend in Räumen des Canisiushauses. Dort sammeln sie historische Dokumente, Zeitungen, Zeitschriften, Briefe, Bilder und Bücher etc. über die Menschen, die Kultur und das Leben in den ehemals deutschen beziehungsweise deutsch geprägten Gebieten im Osten. Schon manche Schätze aus dem Nachlass von Verstorbenen konnten so vor dem Müllcontainer bewahrt und für die Nachwelt erhalten werden. Alles wird sauber archiviert, katalogisiert und so aufbereitet, dass der Inhalt mit Hilfe von Stichworten am Computer schnell transparent gemacht werden kann. Ideale Voraussetzungen für Studenten oder Wissenschaftler, wenn sie Themen recherchieren wollen, die mit dem Osten zusammenhängen.
Die Erinnerung an die alte Heimat ist für das Trio Scholze, Fichtner und Rollny aber nicht zuletzt ein Auftrag, sich um das Miteinander der Völker zu bemühen. Denn vor allem die Beschäftigung mit der Kultur zeige, dass es so vieles gibt, was die Menschen in Ost und West verbindet. „Eine Kultur der Erinnerung ist auch eine Kultur der Versöhnung“, bringen es die drei inzwischen zu „alten Gmündern“ gewordenen Männer auf den Punkt. Und die neue Heimat ist ihnen so viel Wert, wie die alte – nicht zuletzt deshalb, weil es in der Person des mittelalterlichen Baumeisters Peter Parler ein weltberühmtes Bindeglied zwischen Ost und West gibt und weil Gmünd überdurchschnittlich viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach dem zweiten Weltkrieg aufnahm und bestens integrierte.
Die Prager Parler-Bauhütte war einst die Kaderschmiede für unzählige Baumeister (Scholze: „Heute würde man wohl von einer Technischen Hochschule sprechen“) und hat ihre Spuren in halb Europa hinterlassen. Eine vom Gmünder PH-Professor
Dr. Herbert Mödl erstellte Karte weist zirka
100 Orte aus, in denen es Bauten gibt, die unter Beteiligung beziehungsweise im Stil der Parler-Bauhütte erstellt wurden – darunter auch in Venedig, Mailand, Danzig, Krakau, Wien und Budapest.
Es ist in der Tat angebracht, dass der von Gmünder ausgehende Parler-Ring europäisch denkt und handelt. Eine Stiftung „Europäischer Parler-Ring“ soll ins Leben gerufen werden, um (Jugend)Begegnungen zu fördern sowie durch die Auslobung eines Preises junge Menschen zu motivieren, sich mit der Geschichte der deutschen Ostgebiete und mit der Völkerverständigung zu befassen.
Die Verständigung der Völker und der Weltfrieden ist auch das „Ressort“ der katholischen Kirche. Scholze und Fichtner waren deshalb glücklich, dass sie die Möglichkeit hatten, ihre Idee auch Papst Benedikt XVI. persönlich vorzutragen. Als Teil der „Prima Fila“ (eine ausgewählte Gruppe unter den bis zu
13 000 Teilnehmern der Mittwochs-Audienz im Vatikan) konnten sie einige Minuten mit dem Heiligen Vater in Rom sprechen. Sowohl die ökumenische Ausrichtung des Parler-Rings wie auch die generelle Konzeption fanden Gefallen in den Augen des Papstes. Er nahm sich sogar etwas länger Zeit für die beiden Gmünder, als dies offiziell vorgesehen war und betonte, dass ihm die Stadt Gmünd ein Begriff sei.
Diese freundlichen Worte des Kirchenoberhaupts sind natürlich ein starke Motivation für die Gmünder, ihr Anliegen schnell voranzutreiben. Dazu ist allerdings auch noch ein entsprechendes Stiftungskapital notwendig. Die Stadt Gmünd hat in Aussicht gestellt, sich am Startkapital zu beteiligen. Die Protagonisten der Parler-Stiftung hoffen aber auch auf finanzielle Unterstützung durch Privatleute, Firmen oder Institutionen.
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