Zu Besuch in Erika Künzels Höhle: Bürgermeister Bläse ist zuversichtlich, dieses Kleinod bis Mai öffnen zu können
Erika Künzel hat Gmünd ein Millionenvermögen hinterlassen. Und mit dem Vogelhofstollen auch einen Schatz, wie es nur wenige gibt in der Stadt. Von Birgit Trinkle
SCHWÄBISCH GMÜND. Im September
2005, zum Tag des offenen Denkmals, wollte sie „ihre Höhle“ vorstellen, in die so viel Zeit, Geld und Arbeit investiert hatte. Doch bereits damals konnte sie sich nur noch unter Schmerzen bewegen, und schließlich bat sie Dietmar Holzwarth, diese Aufgabe für sie zu übernehmen. Was für alle anderen überraschend kam, hatte sie vorausgesehen und einen Wachdienst engagiert, um Beschädigungen ihres Refugiums zu verhindern: Die Rems-Zeitung berichtete damals von „rund tausend Besuchern“ und veröffentlichte ein Foto der Wartenden. Offenbar gab und gibt es in der Stadt doch noch viele Menschen, die sich an dieses alles in allem
220 Meter lange unterirdische Kalksteinlabyrinth erinnern. So wie sich auch Erika Künzel, geborene Beck, und Dietmar Holzwarth erinnerten.
Als junge Frau hatte Erika Beck während des Krieges als Werkssanitäterin bei der Firma Schenk Leichtgusswerk im Vogelhofstollen gearbeitet und diese Eindrücke niemals vergessen. Na, und Dietmar Holzwarth, geboren
1934, hat immer schon mit diesen Höhlen gelebt. Seine Familie hat das Haus Vogelhofstraße
36, zu dem die drei mehr oder weniger parallel verlaufenden Stollen von Alters her gehören, in den frühen Dreißigern von der Familie Fischer gemietet. Gewerbeschulrat Fischer starb früh; nach seinem Tod zog die Witwe nach Sindelfingen und die Holzwarths fanden hier ein Daheim. Als ganz kleiner Bub schon hat Dietmar Holzwarth in diesem „Eiskeller“ Milch geholt oder deponiert; für Erkundungen war er damals noch viel zu jung. Und die nachtschwarzen Höhlen zu schauerlich — die Holzwarth-Milch und andere verderbliche Güter standen immer direkt im Eingangsbereich.
Früher war der Stollen Kühlbereich einer Brauerei; Reinhold Kreuz schreibt im Einhorn-Jahrbuch
1981 von der Salvatorbrauerei. Aber soweit Holzwarth sich erinnert, war das „Innenleben“ des Vogelhofs bereits in den
30ern nicht mehr gewerblich genutzt. Der Boden sei teilweise verschlammt gewesen, übersät von Sandsteinbrocken. Sicher ist, dass
1940 die Firmen Groß und Schenk – dort zu finden, wo später „Ami-Werk“ und ZF gegründet wurden – Luftschutzkeller für ihre Mitarbeiter sowie für die Anwohner anlegten. Dietmar Holzwarth erzählt, dass gegen Kriegsende fast den ganzen Tag über „Leute vor dem Stollen saßen“, um bei Fliegeralarm Schutz zu suchen; bis zur Lorcher Straße reichte in Zeiten der Not der Einzugsbereich des rettenden Vogelhofs. Vielleicht ist es ja doch nicht überraschend, dass dieser Rückzugsbereich nicht vergessen ist.
Die Firma Schenk hat das unterirdische Höhlensystem des rechten, des größten Stollens – die spätere Erika-Höhle – erweitert. Eigentlich waren es ja Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten, denen diese Arbeit aufgebürdet wurde: Mit schwerem Gerät haben sie den kleineren Seitenstollen zum Sanitätsbereich verlängert und verbreitert, dann auch noch einen Quergang zum Hauptstollen angelegt. Auch die Hauptstollen selbst wurden miteinander verbunden und eine weitere Höhle in den Fels getrieben. Dietmar Holzwarth erinnert sich, dass sich der aus dem Berg gekarrte Sand zeitweise in solchen Mengen auf der Vogelhofstraße türmte, dass kaum ein Durchkommen war. Drei senkrecht nach oben führende Luftschächte entstanden damals, samt Notausstieg mit eisernen Leitern, Ventilatoren über den Luftschächten wurden installiert, Warmluftgebläse als Heizung für den „Eiskeller“, Maschendraht als Schutz vor herabfallendem Gestein, nicht zuletzt die elektrischen Voraussetzungen fürs Licht. Und Blechverkleidungen als Schutz vor dem Tropfwasser – mit dieser Erinnerung hat Holzwarth der späteren Besitzerin viel Ungemach erspart. Holzbänke gab’s in den Stollen, die freilich längst nicht für alle Benutzer reichten; keine Tische, keine sonstigen Annehmlichkeiten. Aber es war ja auch Krieg. Und der Ort sowie die technische Ausstattung war besser als alles, was dem allergrößten Teil der Gmünder damals zur Verfügung stand.
„Die Stollen wurden noch vor Fertigstellung als Luftschutzkeller benutzt“, weiß Dietmar Holzwarth. Er war ein Kind, damals. Heute weiß er, was die in den Stollen zur Schwerstarbeit gepressten Zwangsarbeiterinnen fernab der Heimat und ihrer Familien geleistet haben. Und gelitten. Das Kind Dietmar hat diese Arbeitssklavinnen nur in guter, in schöner Erinnerung. Freundliche Frauen, großzügige Frauen, die die Buben, die sich zu ihnen schlichen, mit dem Presslufthammer hantieren ließen, damit diese sich als echte Männer fühlen konnten. Die auch nicht allzu genau hinschauten, wenn ein Stückchen Zündschnur verloren ging, oder eine Winzigkeit Beton, die für irgendwelche längst vergessenen Projektchen im Garten benötigt wurden.
Was bleibt, sind Momentaufnahmen: Das Bohren der Sprenglöcher, die Sprengladungen – für die Vogelhof-Buben allzu verlockend –, die Schubkarren voller höllenschwerer Steinbrocken und Sand. Das Ausarbeiten der Stollenprofile mit Presslufthämmern, die einem auch schon mal die Haut von den Händen fetzen, wenn eine Zweite mit zugreift, weil die Erste es nicht stemmt. Der Mann Dietmar Holzwarth sagt, es habe weder Schläge noch Schimpfworte gegeben, keine bewaffneten Wachposten wie bei den männlichen Kriegsgefangenen; die Frauen, die in längst nicht mehr existierenden Baracken auf dem Werksgelände wohnten, seien frei gewesen, sich zu bewegen in der Stadt. Aber er sagt es traurig. Und wenn er von seinen allerersten Erinnerungen erzählt, ist wenig so präsent wie die Frauen mit der Aufschrift „OST“ auf ihrer Kleidung.
Was immer Erika Beck, die spätere Besitzerin, damals in den Stollen erlebte – die ungezählten Tagebucheinträgen zufolge an Kriegen überall auf der Welt litt –, diese ihre Höhle, ihr letztes großes Herzensprojekt, erinnert nicht einmal ansatzweise daran: „Kein Krieg“, war ihr wichtig im Gespräch mit allen, die bei ihrem Ausbau geholfen haben. Sie wollte dem nachspüren, was von der jüngsten Vergangenheit nahezu erschlagen und erdrückt worden war. Was dieses Höhlenlabyrinth war, bevor eine Brauerei entdeckte, dass dort ganzjährig niedrige Temperaturen lockten, scheint niemand zu wissen. Oder auch nur zu wissen wollen. Erstaunlich eigentlich angesichts all des Aufhebens, das um die Salvatorhöhlen oder auch die Nepperbergstollen gemacht wird. Dietmar Holzwarth jedenfalls versichert, dass Stadtarchivar Albert Deibele irrte, als er behauptete, dass dort kriegsrelevante Produktionsanlagen installiert waren – und er war dabei –, und er amüsiert sich ein bisschen, wenn er zu Hobbyhistorikern befragt wird, die irgendwann nach dem Krieg Flaschen, gar Abfüllanlagen der alten Brauerei dort gefunden haben wollen. Nach Kriegsende, erinnert sich der Ur-Gmünder, verschwanden sogar all die Leitungen und Lichter, die Bänke und die Drähte und das Blech. Das Zeug wurde benötigt.
Nach dem Krieg versuchten sich zwei Getränkevertriebe am Nepperberg; Holzwarth erinnert sich an die Firmen Millitzer und Hassert, aber das ging wohl nicht lange gut. Der Pilzzüchter danach versuchte sein Glück ebenso erfolglos. Dann war der Vogelhofstollen lange Jahre verwaist. Die vermutlich noch aus Schenk-Tagen stammende Eisentür blieb verschlossen. Eintritt verboten. „Vor zehn Jahren dann“, so Zeitzeuge Holzwarth, kaufte die Familie Paries das Anwesen, ohne freilich Interesse zu zeigen an Stollen, an Oberem oder Unterem Garten. All das stand jetzt erstmals seit Menschengedenken zum Verkauf.
Zurück in eine hoffentlich
friedlichere Vergangenheit
Erika Künzel, die bereits Ende der
50er ein Haus am Vogelhof gebaut hatte, in das sie nach dem Tod ihres Mannes zurückkehrte, sah ihre Chance. Sie wollte nicht an Gmünds dunkle Jahre erinnert werden, wollte vielmehr spielerisch den von Mythen umrankten Rückzugsbereich herausarbeiten, der dieser Berg in ihrer Phantasie Jahrzehntausende gewesen war. Sie stellte eine – mit gutem Grund von einem Blechdächle geschützte – Cavea auf, Hüterin ihrer Höhle (links). Einen großen Marmortisch. Bestellte ein Weinregal, samt Leuchter. Und der dazugehörigen, weit weniger romantischen aber eben sehr praktischen Elektrik. Sie ließ einen marmornen Brunnentrog installieren, dort, wo das Grundwasser aus dem Felsen bricht. Bestimmend sind die Schmiedearbeiten, insbesondere all die erlesenen Weinranken. Aber auch der Höhlenbär und das Silbermännle sind bemerkenswert, beide sehr aufwändig vom Silberschmied Werner Wolf angefertigt, damals Lehrer am Berufskolleg für Design, Schmuck und Gerät im Arenhaus. Das mit dem Goldschmiedehammer und dem Einhorn geschmückte Silbermännle ist ein altes Gmünder Symbol, das spätestens seit den
30er Jahren untrennbar mit der Fasnet verbunden war und in den
90ern eine Renaissance erfuhr. Erika Künzel hat Dietmar Holzwarth gebeten, bei seinen Führungen eine frühe Version der entsprechenden Goldschmiedslegende vorzutragen und von der Not und der Errettung des Ignaz Eusebius Storr zu erzählen. Das Silbermännle ist sicher das Glanzstück der Höhlen; aber Dietmar Holzwarth erzählt, dass Erika Künzel auch an allen anderen großen und kleinen Dingen im Stollen viel Freude hatte: „Schau Dir an, was es Neues gibt“, hat er mehr als einmal gehört. Er führte zudem nicht nur am Tag des offenen Denkmals den ganzen Nachmittag ununterbrochen Besuchergruppen durch seinen alten Eiskeller, Erika Künzel stellte es ihm auch frei, ihr letztes großes Werk gemeinsam mit Freunden und Verwandten zu besichtigen. Etwa die „Germania“ und den römischen Soldaten, beide erwartungsgemäß in schöner Gestalt. Ein in Kupfer getriebenes Gedicht Erika Künzels, wurde dazu bei jeder Führung augenzwinkernd vorgetragen:
Am Vogelhof im grünen Gras,
dort bei der frischen Quelle,
Germaniens holde Tochter saß
zu baden in der Welle.
Doch als sie dann
– entblößt und schön –
ins klare Wasser tauchte,
erblickte von des Wachturms Höhn
ein Römer die Erlauchte.
Sein Herz war so in Lieb entbrannt,
dass er den Limes überwand.
Er eilte freudig zu ihr hin
und bat sie flehend auf den Knien:
„Oh werde mein geliebtes Weib!
Für immer ich dann bei dir bleib.“
Am Vogelhof gab’s übers Jahr
ein reizend Knäblein, schwarz von Haar.
Dietmar Holzwarth, Lokalhistoriker, Gmündfreunde und sicher auch all diejenigen, die den Vogelhofstollen als Luftschutzbunker gekannt haben, wünschen sich, dass diese Anlage nicht dem Verfall, dem Rost und der Feuchtigkeit preisgegeben wird: „Das sollte unbedingt erhalten werden“. Dieser Wunsch ist so gut wie erfüllt, dafür steht Bürgermeister
Dr. Joachim Bläse, der nun die Möglichkeit hat, Erika Künzels Nachlass zu ordnen –„im Sinne der Stadt und ihrer Bürger und sicherlich auch so, wie es Erika Künzel selbst gewünscht hat“: „Dieser Stollen wird öffentlich zugänglich sein“. Er sei zuversichtlich, so Bläse weiter, die ganze Anlage bereits im Mai öffnen zu können.
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