Berufsvorbereitungswerk der Jugendhilfe Land e.V. aus Ruppertshofen hilft türkischen Jugendlichen auf dem Weg ins Berufsleben
Die Abkürzung „M.T.A.O.“ steht für Mehr türkische Azubis im Ostalbkreis. Im Rahmen dieser Initiative, die vom Europäischen Sozialfonds gefördert und von Landrat Klaus Pavel unterstützt wird, will das Berufsvorbereitungswerk Ruppertshofen speziell türkischen Jugendlichen helfen, fit für den Beruf zu werden. Von Gerold Bauer
RUPPERTSHOFEN. Der Übergang von der Schule in ein Ausbildungsverhältnis gelingt Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich seltener als den „Alteingesessenen“. Die Statistik belegt dies für Baden-Württemberg ziemlich eindeutig: Während von den
30– bis
35-Jährigen ohne Migrationshintergrund nur acht Prozent ohne beruflichen Abschluss sind, beträgt die Quote bei den Migranten in der gleichen Altersgruppe
36 Prozent.
Im Hinblick auf rückläufige Geburtenzahlen machen sich viele Unternehmen schon Sorgen, wie sie den Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften in Zukunft decken sollen. Wenn es gelingen würde, mehr junge Ausländer oder Kinder zugewanderter Eltern zu einem Berufsabschluss zu führen, wäre sowohl für die Arbeitnehmer als auch für die Arbeitgeber viel gewonnen. Die größte Gruppe unter den jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist türkischstämmig und stellt damit das größte Potenzial für die Verbesserung des Fachkräftenachwuchses für die Wirtschaft dar. Deshalb geht das Berufsvorbereitungswerk Ruppertshofen – eine Einrichtung der Jugendhilfe Land
e.V. – mit einer Qualifizierungsoffensive ganz gezielt auf den türkischen Teil der Bevölkerung zu – zumal diese Einrichtung mit Mustafa Ersoy auch über einen Ausbilder verfügt, dessen Muttersprache türkisch ist.
So fällt es wesentlich leichter, Kontakt zu türkischen Eltern zu knüpfen und sie davon zu überzeugen, wie wichtig eine Berufsausbildung für ihre Kinder ist. Auch türkische Elternbeiräte beziehungsweise Kulturvereine sowie bereits bestehende deutsch-türkische Netzwerke sollen ins Boot geholt werden, um die Zahl der türkischen Jugendlichen, die eine Ausbildung absolvieren, deutlich zu erhöhen.
Die Gründe, warum der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung gerade bei türkischen Jugendlichen oft scheitert, sind vielfältig. Einer der Gründe ist, dass die Eltern als Zuwanderer oft zu wenig über das deutsche Berufsbildungssystem und die
350 anerkannten Ausbildungsberufe wissen. Hinzu kommt leider auch ein oft fehlendes Bewusstsein, wie notwendig eine berufliche Ausbildung heute für die Integration in den Arbeitsmarkt geworden ist. Jene Zeiten, als es ungelernte Arbeiter durch ihren Fleiß zu einem bescheidenen Wohlstand bringen konnten, sind vorbei. Denn sowohl in der Industrie als auch auf dem Bau, wo in der Vergangenheit viele Zuwanderer aus der Türkei gut bezahlte Arbeitsplätze gefunden haben, legen die meisten Arbeitgeber heute Wert auf gelernte Arbeitskräfte. Rein manuelle Hilfstätigkeiten werden immer seltener, weil diese von Maschinen übernommen werden. Gefragt sind in den Firmen deshalb Mitarbeiter, die über das technische Wissen verfügen, um diese oft komplizierten Anlagen bedienen oder installieren zu können.
Nachdem
BVW–Geschäftsführer Matthias Linder die vielen Gäste begrüßt und auf das in diesem Jahr zu feiernde
60-jährige Bestehen der Einrichtung verwiesen hatte, erinnerte der Vorsitzende des Trägervereins Jugendhilfe Land
e.V., Klaus Paschko, an die Tradition des Vereins, sich um die berufliche und soziale Integration benachteiligter junger Menschen zu kümmern. An dieser jahrzehntelangen Erfahrung lasse sich auch die Kompetenz der Einrichtung in Sachen Berufsausbildung erkennen. Dank der engagierten Mitarbeiter wurden bisher nicht nur rund
1500 junge Menschen betreut, sondern auch die außergewöhnlich hohe Vermittlungsquote von
85 Prozent erreicht.
Projektleiter Mustafa Ersoy verfügt als Ausbildungsleiter in der Fachrichtung Metall nicht nur über eine lange berufliche Erfahrung; die Situation junger Menschen mit Migrationshintergrund bei der Suche nach einem Arbeitsplatz kennt der
48-jährige auch als dreifacher Vater von inzwischen erwachsenen Kindern. Der Türke, der seit
38 Jahren in Deutschland lebt und seine Karriere über den zweiten Bildungsweg möglich gemacht hat, plädiert für „Integration durch Qualifikation“, sagt aber mit Nachdruck, dass Erfolg nicht ohne eigenes Engagement der Jugendlichen möglich ist – weder in der Schule noch im Beruf. Deshalb will er Eltern und Jugendlichen klar machen, dass Faulheit in der Schule dem Schritt ins Berufsleben erheblich im Wege stehe.
Landrat Klaus Pavel zeigte sich beeindruckt von dem Projekt. In der Tat seien Bildung und die Beherrschung der deutschen Sprache die Schlüssel zu einer gelungenen Integration. Er dankte dem Verein Jugendhilfe Land deshalb für „dieses passgenaue Projekt“ und appellierte an die Ausbildungsbetriebe, nicht auf die Nationalität eines Bewerbers zu achten, sondern auf dessen Motivation.
Die Bitte des Landrats, dass alle türkischen Eltern ihre Kinder in die Kindergärten schicken sollen, weil dort die Sprache spielerisch am leichtesten erlernt werde, ergänzte der Vorsitzende der Gmünder Moschee, Ismail Öztürk, mit dem Verweis, dass seine Gemeinde über ausgebildete Familienmentoren verfüge, die ebenfalls in dieser Richtung aktiv seien. Behcet Güler ist einer dieser Familienmentoren und fügte hinzu, dass er auch bei der Vermittlung von finanzieller Unterstützung behilflich sei, damit ein Kindergartenbesuch nicht am fehlenden Geld scheitere. „Da geht mir das Herz auf, wenn ich das höre“, freute sich Andrea Lühne vom Staatlichen Schulamt Göppingen und plädierte für ein kooperatives Miteinander von Schule und Elternhaus. „Wenn meine Eltern nicht so hinterher gewesen wären, hätte ich heute weder Schul– noch Berufsabschluss“, bestätigte ein inzwischen längst erwachsener Türke, der als achtjähriger ohne jegliche Sprachkenntnisse nach Deutschland kam und zunächst in der Sonderschule landete.
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