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» Schwäbisch Gmünd | Samstag, 20. März 2010

Die Felswand als Bilderbibel — Geschichte und Geschichten rund um den St. Salvator (5):

Die Kreuzwegstationen des St. Salvator prägen sich mit ihren lebensgroßen und ausdrucksstarken Figuren sofort jedem Besucher und besonders Kindern unlöschbar ins „Kopfkino“ ein. Eine Beachtung wert sind aber auch die eher unscheinbaren Reliefs im Felsen der Kirche. Der Betrachter findet dort eine umfangreiche Bilderbibel

SCHWÄBISCH GMÜND. Was den Bildhauer und Kirchenbaumeister Caspar Vogt um 1620 dazu veranlasste, ziemlich kunterbunt Szenen aus dem Neuen und Alten Testament in die Felswand zu meißeln, ist rätselhaft. Manche Bibelbilder passen thematisch perfekt zum Kreuzweg, andere erscheinen eher als spontane Geistesblitze. Eine „Gmünder Klagemauer“ vielleicht? Auch studierte Theologen können da stundenlang diese Felswand entdecken, nachdenklich betrachten und über die Symbolik rätseln. Viele Historiker haben das schon getan. Und so wollen wir im Rahmen unserer Serie auch Orientierungen für den Gebrauch dieser Felsenbilder geben.
Man muss hierzu wissen: Vor 400 Jahren waren ja nur wenige Menschen der Lese– und Schreibkunst mächtig. Im frommen Gmünd wurden deshalb wichtige Worte und vor allem mahnende Botschaften aus der Bibel von Bildhauern und Malern sichtbar und verständlich gemacht. Heute wären es Internet-​Botschaften oder TV-​Dokumentationen.
Caspar Vogt „drehte“ seinen großartigen Bibel-​Film mit Hammer und Meißel am Nepperbergfelsen. Die Reliefdarstellungen sind einerseits sofort erkennbar, andere unscheinbar. Licht und Schatten scheinen im Tages– und Jahresverlauf mit ihnen zu spielen und sogar die Farben zu verändern. Gleich ins Auge springen die Sünder bzw. Manns– und Frauenbilder, die im Fegefeuer ihre biblische Strafe für ungute Lebensführung gefunden haben. Doch die Seelen können gerettet werden: Direkt über ihnen schwebt der Kelch Christi. Wunderbar anzusehen ist die Arche-​Noah-​Geschichte. Neugierig schaut sogar ein Elefant aus dem großen Rettungsschiff auf die Sintflut hinaus. Mit einem Zweiglein im Schnabel naht die Taube der Rettung. Darunter Wellengang und ein Fisch. Unendlich oft tauchen auch Wein und Rebstock als Symbolik in biblischen Geschichten auf. „Noah, aber der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg“, so erzählt das Alte Testament über die glückliche Strandung der Arche am Berg Ararat. So darf auch das Thema Wein am großen „Erzählfelsen“ nicht fehlen. Viele Tierdarstellungen sind zu finden. „Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, ihr aber habt nicht gewollt.“ Dieses Zitat aus dem Neuen Testament liegt wohl der „Hühnerfamilie“ zugrunde, die zu sehen ist. Ganz weit oben thront auch der verhängnisvolle Hahn, um an die Worte Jesu Christi zu erinnern, die er an Petrus richtete: „Wahrlich ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“
Archäologen glauben neuerdings, dass Caspar Vogt nicht der erste war, der um 1620 diese Bilderbibel am Nepperberg schuf. Eine geheimnisvolle Eule in einer tiefen Felsnische und vor allem Moses, der sein Volk beim Auszug aus Ägypten vor dem Verdursten rettete, indem er mit seinem Stab wundersam eine Wüstenfelsen aufriss und in eine Quelle verwandelte, zeigen eine völlig andere Bildhauerepoche, sind auch stärker verwittert. Moses Kleidung lehnt sich sogar antiken Gewand-​Modellen an. Ein ganz anderer Stil, vielleicht aus noch viel älterer Zeit. Erst ab 1617 gibt es den Namen St.Salvator. Die Ursprünge der Kult– und Christenstätte warten noch auf ihre Erforschung.
 

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