Kreishandwerkerschaft vermittelt Fachwissen und zertifiziert die Firmen /Kunden sollen wissen, wer speziell geschult ist
Auch im hohen Alter bequem in den eigenen vier Wänden leben – dies ist nicht nur für die meisten Senioren aus psychologischen Gründen die erste Wahl, sondern deutlich billiger als das Leben im Heim. Damit sich dieser Wunsch leichter realisieren lässt, gibt es im Ostalbkreis speziell dafür geschulte und zertifizierte Handwerker. Von Gerold Bauer
OSTALBKREIS. Der Blick auf die Bevölkerungsstatistik zeigt es unmissverständlich: Schon jetzt sind von rund
60 000 Gmündern mehr als
12 000 im offiziellen „Rentenalter“, sprich
65 Jahre oder älter. Und diese Quote wird in den nächsten Jahren stetig steigen – wobei sich auch innerhalb der Senioren das Durchschnittsalter nach oben verschiebt. Kurz gesagt: Die Gesellschaft muss sich darauf einstellen, dass immer mehr Menschen ein Alter erreichen, in dem sie sich nicht mehr wie gewohnt bewegen können und deshalb gewisse Veränderungen in ihren Wohnungen vornehmen müssen. Die Türen müssen beispielsweise breit genug für einen Rollstuhl sein, ein spezielles WC ist nötig, die Dusche sollte barrierefrei benutzbar sein — und automatische Lichtschalter und Wasserhähne sind hilfreich.
„Dieser Herausforderung stellt sich die Kreishandwerkerschaft“, betonte deren Geschäftsführer Edgar Horn gestern. Nicht jeder Handwerksbetrieb kenne von Haus aus alles, was es an technischen Errungenschaften für Senioren gibt; und nicht jeder sei darauf eingerichtet, wie man ganz speziell ältere Leute kompetent berät. Um Kunden bei der Auswahl einer Firma einen zuverlässigen Wegweiser an die Hand geben zu können, führt die Kreishandwerkerschaft in Kooperation mit dem Stadtseniorenrat sowie der Wohnbauberatung für Senioren, angesiedelt bei der Stadt Gmünd, am morgigen Mittwoch ein Seminar durch. Von den
25 zur Verfügung stehenden Teilnehmer-Plätzen waren im Nu
21 belegt – ein Beleg dafür, dass auch die Handwerksbetriebe die Zeichen der Zeit erkannt haben.
Diese Schulung ist sehr vielschichtig aufgebaut. Neben der Vorstellung der planerischen Grundlagen durch Architekt Rolf Nitsche und die Leiterin der ehrenamtlichen Wohnberatung Schwäbisch Gmünd, Gabi Mucha, wird eine Fachfrau vom
DRK erläutern, woran man im Gespräch mit Senioren erkennt, dass zum Beispiel eine Demenzerkrankung vorliegt und man ohne Hinzuziehung von Angehörigen keine Aufträge vereinbaren sollte. Die Ergotherapeutinnen Simone Fuchsloch und Vera Stütz vermitteln den Handwerken, was es wirklich bedeutet, mit eingeschränkter Sicht und reduzierter Mobilität leben zu müssen. Rechtsanwältin Irene Meixner erläutert die juristischen Bedingungen im Hinblick auf eine eventuell eingeschränkte Geschäftsfähigkeit der potenziellen Kunden; und Kreishandwerksmeister Hans Kolb sowie der Leiter des Gmünder Amts für Familie und Soziales, Dieter Lehmann, stellen die generelle Konzeption des Zertifizierungsprojekts vor. Am Ende der Veranstaltung steht die Überreichung der Zertifikate. Mithin können Firmen, die an dieser Schulung teilgenommen haben und sich auch künftig jährlich in diesem Bereich fortbilden, mit dem Emblem werben.
„Ich werde ja immer wieder gefragt, welche Firmen ich empfehlen kann. Bisher durfte ich dazu nichts sagen – nun kann ich auf die Liste der Kreishandwerkerschaft verweisen“, kommentiert die ehrenamtliche und neutrale Beraterin Gabi Mucha diese Neuerung und fügt hinzu, dass mit dieser Vernetzung eine ihrer Visionen nun Realität werde. Sie zählt in Gmünd zu den Pionieren, was die Wohnbauberatung für ältere oder behinderte Menschen betrifft und verfügt über jahrelange Erfahrung. Kreishandwerksmeister Kolb ergänzte, dass es zwar schon bisher einzelne Schulungen gab, dass man mit dieser Rundum-Ausbildung und Zertifikaten im Ostalbkreis nun aber Neuland betrete.
Margarete Schmid, Vorsitzende des Gmünder Stadtseniorenrats, machte darauf aufmerksam, dass vor allem im Bereich der Küchenplanung in den seltensten Fällen daran gedacht werde, dass Menschen sich nicht mehr bücken können oder vom Rollstuhl aus den Herd oder die Spülmaschine bedienen müssen. „Und man sollte auch nicht vernachlässigen, dass es die Umgangsformen mancher junger Handwerker gegenüber Senioren zu wünschen übrig lassen!“, mahnte sie an.
Der Gmünder Sozialamtsleiter Dieter Lehmann hob hervor, wie wichtig barrierefreies Bauen schon bei der Planung sei. Schon jetzt ist jeder zehnte Bürger auf Barrierefreiheit angewiesen. Wer schon jung daran denkt, zahlt kaum mehr und muss im Alter nicht mehr umbauen.
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