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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 01. April 2010

Geschichte und Geschichten rund um den St. Salvator (7 und Schluss): Ein Kreuzweg so brutal wie die Wirklichkeit

Die Verbundenheit der Gmünder mit der uralten Wallfahrtsstätte St. Salvator äußerte sich in den 400 Jahren ihrer dokumentierten Geschichte in zahlreichen Stiftungen, Erbschaften und Spenden. Die Salvatorpflege war schließlich so vermögend, dass der wohl kunst– und ausdrucksvollste Kreuzweg des Landes gestaltet werden konnte. Von Heino Schütte

SCHWÄBISCH GMÜND. So ist der letzte Teil unserer Serie über Hintergründiges vom heiligen Berg der Gmünder, die in den zurückliegenden Karwochen bei unseren Lesern viel Aufmerksamkeit fand, der wichtigsten baulichen und theologischen Bedeutung dieser Stätte gewidmet. Der St. Salvator entwickelte sich in einer Zeit stärkster Volksfrömmigkeit, verbunden auch mit stürmischen Entwicklungen im Kunstsinn der schneller werdenden Kulturepochen. Mit sechs Bildstöcken von Bildhauer Caspar Vogt zeigte der Kreuzweg zu den beiden Felsenkapellen ursprünglich noch einen sehr bescheidenen Charakter. Bis ins 18. Jahrhundert hinein blieb diese christliche Stätte weitgehend unverändert. Dann aber erlebte die Wallfahrt auf den St. Salvator einen wahren Boom. Für die Verwaltung des Heiligtums wurde eigens die Salvatorpflege eingerichtet. Verschiedene Chronisten berichten von einem Strom an Einzelwallfahrten und Pilgerzügen, der nach Gmünd und auf den Nepperberg einsetzte. Nicht nur in der Kar– und Osterzeit hatten die Gläubigen das tief empfundene Bedürfnis, den Leidensweg Christi nachzuempfinden. Nur ganz wenige Reiche und Geistliche konnten sich ja den Wunschtraum einer Pilgerreise nach Jerusalem erfüllen. So holten sich wohlhabende katholische Städte sozusagen Nachbildungen der Passions-​Stationen Christi vor die eigenen Tore. Ganz erstaunlich: In Gmünd entspricht der Weg zwischen der Leonhardskirche und dem „Golgatha-​Felsen“ exakt der Entfernung des Originalschauplatzes der Passion Christi zwischen der Villa des Pilatus und der Kreuzigungsstätte, wie der Historiker Werner Debler unlängst neu entdeckt hat. Die Salvator-​Prozession löste um 1800 ein starkes Mäzenentum aus. Die Salvatorpflege wurde sehr reich. Mönche betreuten die Wallfahrtsstätte lange Zeit. Allein Johann Georg Stahl vermachte 1740 die damals stattliche Summe von 7000 Gulden an die Salvatorpflege, 1761 schickte sogar ein Salvator-​Pilger aus Breslau 1000 Gulden. Ein Kapuzinerbruder namens Kaspar, der zu den Betreuern und Predigern auf dem Wallfahrtsberg gehörte, stöhnte in seinen zeitgenössischen Niederschriften über die vielen Spenden: „Die übrigen Wohltaten kann ich nicht aufzählen, es genügt, wenn ich als größten Wundertäter den heiligen Salvator preise“. Auch die Opferstöcke wurden reichlich gefüllt. Der Kapuziner berichtet von einem Wüstling, der 1761 aus einem Opferstock 30 Gulden stahl und für die Schandtat sogar ganz tragisch mit dem Leben bezahlen musste. Es ist anzunehmen, dass die Salvator-​Wallfahrt zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor im katholischen Gmünd wurde. In dieser Zeit des Wohlstands entstand das wunderbare Sammelsurium der vielen Stationenhäuschen mit ihren teils lebensgroßen Figuren. Parallel zu den Bildstöcken fanden die Pilger immer mehr Darstellungen des Leidensweges Christi. Die dunklen Grabkapellen und die eher verspielten Barock-​Schauhäuschen stehen im reizvollen Kontrast zu den 400 Jahre alten Bildtafeln. 14 Hauptstationen gibt es bis heute. Es ist selten, dass ein Pilger eine solche Ansammlung unterschiedlichen Ausdrucks und Stils des sakralen Kunstsinns aus mehreren Jahrhundert findet. Die frommen Gmünder begannen auch damit, ortsfremde Bildstöcke, Gemälde aus alten Kapellen und schließlich sogar den berühmten Palmesel (heute im Museum) aus der Stadt hinauf auf den Salvator zu schaffen. In jene blühenden Jahre der Salvatorpflege fällt auch der Bau der beiden Häuser am St. Salvator, um Predigern und Mesnern ein Domizil zu schaffen. 1770 wurde von Barockbaumeister Michael Keller das herrliche Haupthaus für das Salvator-​Benefiziat errichtet. Eine kleine, eigenständige Wallfahrts– und Klosterwelt entstand somit in Sichtweite der Stadt. Der wohlhabende Handelsherr Georg Debler war hierbei der große Förderer.
Durch die wechselvolle Geschichte der folgenden 200 Jahren hindurch blieben Kreuzweg und Kapellen des St. Salvator wie durch ein Wunder verschont und verehrt. Wohl alle Gmünder sind unter dem Eindruck der Figuren und Kapellen des St. Salvator aufgewachsen. Sie strahlen Leiden und Todesangst aus: Die direkte Konfrontation der Botschaft Jesu für Frieden, Versöhnung und Vergebung gegen Bosheit, Abgründe und Machtmissbrauch. Schergen, Verräter und Folterknechte, wie sie am Salvator so brutal dargestellt sind, sind leider auch noch fast 2000 Jahre nach der Passion Christi immer noch Wirklichkeit in vielen Ländern dieser Welt.
Doch gleichzeitig ist der St. Salvator auch ein biblisches Bilderbuch für Menschen, die Kraft, Trost und Hoffnung schöpfen. Es ist seit Menschengedenken gewollte Fügung, dass die Pilger an diesem sonnigen Südhang zu Ostern besonders deutlich das erwachende Leben der Frühlings spüren können.
 

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