Hebammen, Ärzte und Apotheker der Lorcher Nachkriegszeit: Ausstellung und viele Erinnerungen im Lorcher Bürgerhaus
n der Vortragsreihe über die Lorcher Nachkriegszeit hat die Geschichtswerkstatt der VHS Lorch intensiv recherchiert und zum zweiten Vortrag über Ärzte und Hebammen der Nachkriegszeit eingeladen.
LORCH (jr). Der Leiter der Geschichtswerkstatt Manfred Schramm erläuterte den Zuhörern die politische Situation von
1910 bis
45, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus bis zur amerikanischen Besetzung und stellte die Bürgermeister dieser Zeit vor: Bürgermeister Wilhelm Scheufele, Vater der Ärztin
Dr. Mletzko, wurde von den Amerikanern abgesetzt und Theo Lauber eingesetzt. Theo Lauber wurde dann vom
1. Gemeinderat abgewählt Otto Bareiß eingesetzt. Darauf folgten Walter Frank, dann Walter Kübler. Der Gemeinderat stand am Kriegsende unter der Aufsicht der Amerikaner und die Lorcher Bevölkerung hatte mit Angst, Lebensmittelknappheit und Not zu kämpfen.
Helga Spengler berichtete über die ärztliche Versorgung Lorch sin der Nachkriegszeit. In den Jahren
1945 bis
1954 gab es in Lorch vier Ärzte:
Dr. Fürbringer,
Dr. Rückle,
Dr. Härle und Frau
Dr. Mletzko; in Waldhausen war
Dr. Knobloch tätig. Spengler besuchte
Dr. Knobloch mehrmals und ließ sich von ihm die Geschichte seiner Anfänge in Waldhausen erzählen. Die Liebe hatte ihn hierher geführt: Er lernte im Stuttgarter Lazarett seine Frau, die Waldhäuserin Ruth Schiefer kennen. Nachdem
1945 seine Bewerbung vom Gesundheitsamt abgelehnt wurde, erhielt er von den Amerikanern eine Zusage. So richtete er im schwiegerelterlichen Haus ein Zimmer als Sprechzimmer und den Flur als Wartezimmer ein und bestückte seine Praxis zum Teil aus Lazarettbeständen. Verbandsmaterial musste zum Teil gewaschen werden und die Bezahlung erfolgte häufig in Naturalien. Zeitaufwendig waren die Hausbesuche durch Wind und Wetter zu Fuß oder mit dem Fahrrad mit Rucksack auch in die umliegenden Gemeinden. Zum Glück hatte er bald ein Telefon.
Dr. Knobloch hat Zähne gezogen, Wunden genäht, operiert und Geburtshilfe geleistet. Alle Ärzte der Nachkriegszeit erfüllten die Funktionen von Augen– HNO Ärzten, Internisten, Psychologen, Gynäkologen und Lebensberatern.
Dr. Fürbringer, Vorgänger von
Dr. Worth, praktizierte
53 Jahre von
1905 bis
1958 und hatte das erste Auto in Lorch, bei dem bei Frost das Kühlwasserabgelassen und auf dem Herd erwärmt wurde. Wegen der Luftangriffe wurde auf sein Hausdach die Rot-Kreuzflagge gespannt. Er war auch im Lazarett im Bürgerhaus tätig und leitete Musiktheaterstücke im Pavillon auf dem Schillerplatz.
Dr. Rückle praktizierte von
1906 bis
1954 in Lorch, war nebenher auch Bahnarzt, betreute das Genesungsheim und arbeitete wissenschaftlich. In medizinischen Fachzeitschriften schrieb er Artikel zum Thema „Färbung der Lebensmittel“ und „Kunstdünger und Krebs“. Unvergessen bleibt, dass er schwerkranke Patienten mit Bananen versorgt hat. Ab
1946 war
Dr. Mletzko mit in der Praxis. Ihr Mann kam erst später nach Lorch, da er in britischer Kriegsgefangenschaft war. Wegen nicht abgeschlossener Entnazifizierung wurde er für die Chefarztstelle in Welzheim abgelehnt und übernahm Vertretungen. Da die Ärztin keinen Führerschein besaß, wurde sie vom Taxiunternehmen gefahren. Mit einer kleinen Fahne am Haus signalisierten die Patienten, dass ein Hausbesuch nötig war.
Von Zahnarzt Otto Geiger erhielt Helga Spengler Informationen über die Lorcher Zahnärzte in dieser Zeit: sein Schwiegervater Walter Haun eröffnete
1926 am Karlsplatz eine Praxis als Dentist, die Bezahlung waren oft Naturalien, weil die Patienten keinen richtigen Versicherungsschutz hatten. Aufgrund seiner NS –Vergangenheit hatte Walter Haun von
1945 bis
47 Berufsverbot; als Treuhänder wurde Otto Wagemann eingesetzt, der später im heutigen kath. Pfarramt seine Praxis eröffnete. Dort praktizierte auch
Dr. Härle.
1951 übernahm Otto Geiger die Praxis. Helga Spengler las auch einen Auszug eines Briefes einer dankbaren Patientin, denn
Dr. Mletzko spritzte auch Sonntags und
Dr. Knobloch besuchte Schwerkranke zwei mal täglich zu Fuß. Christa Knaus zeichnete ein anschauliches Bild der Hebammen in der Nachkriegszeit und begann mit einem humorvollen Gedicht. Sie zeigte einen alten Hebammenkoffer mit interessantem Inhalt der früheren Waldhäuser Hebamme Elise Zinser (
1929 –
1968). Anne Metzger (
1932–
1952) lernte Kollegin Zinser in der Hebammenschule in Stuttgart kennen. Zu Fuß und Wind und Wetter trotzend, brachten sie viele Lorcher und Waldhäuser bei Hausgeburten auf die Welt. Ein Originalbericht eines damals Sechsjährigen schilderte die Geburt seiner Schwester, bei der er aus dem Haus geschickt wurde. Hebamme Zinser, die bis zum letzten Atemzug arbeitete, half den Familien auch mit Taufkleidern und Steckkissen aus, die das Publikum neben vielen interessanten Gegenständen dieser Zeit bestaunen konnten. Die Hebamme Anne Metzger war die erste emanzipierte Frau Lorchs und als Stadträtin im ersten Gemeinderat und forderte mutig ihr Haus von den Amerikanern zurück, weil eine Hebamme ja eine Adresse braucht. Sie bekam auch eine Armbinde und eine weiße Fahne. Kleine Anekdoten aus dem Alltagsleben gaben Aufschluss über die Hebammentätigkeit in der Nachkriegszeit.
Helga Spengler gab noch einen Überblick über die einzige Apotheke in Lorch, die Ernst Müller
1938 gepachtet hatte. Mit einem Holzvergaserauto wurden in Stuttgart Medikamente und Chemikalien ergattert, denn zwei Drittel der Medikamente wurden selbst hergestellt. Apothekerin Rose Müller hatte viel Informationen über die Arbeit ihres Vaters zur Verfügung gestellt und demonstrierte mit alten Geräten die Herstellung von Pillen. Viele alte interessante Hausmittel und Rezepte für Mensch und Tier waren zu erfahren.
Mit alten Fotos, Bildern und medizinischen Geräten war dieser Abend ein wichtiger Beitrag zu Lorchs Heimatgeschichte. Die bestückten Vitrinen sind noch weiterhin im Bürgerhaus zu sehen.
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