Christiane Biebl erinnert sich an ihre Wanderjahre, auf die sie fast 40 Jahre gewartet hat
Sie fühlte sich in der Fremde mehr daheim als in dem Land, in dem sie fast 60 Jahre gelebt hatte. Sie tanzte, sang und reiste mit Menschen, die ihrer Seele verwandt schienen. Jetzt ist Christiane Biebl heimgekehrt, um von ihren Erlebnissen und Erkenntnissen zu berichten.
SCHWÄBISCH GMÜND
(bt). Am Anfang war eine Traurigkeit und ein Müdesein, ein Überdruss und ein Gefühl immerwährender Vergeblichkeit, die ihresgleichen suchten. Als sich Lehrerin Christiane Biebl – die unter anderem die „Kunstkiste“ im Unipark begründet hat –
2006, im Alter von
58 Jahren vorzeitig in den Ruhestand verabschiedete, wusste sie nur, dass sie so nicht weiterleben wollte. Nicht aber, was sie erwartete.
Aber eigentlich beginnt die Geschichte, die sie erzählen will, ja viel früher.
1965/
66 verbrachte sie ein Jahr als Austauschschülerin in Worthington, Minnesota, mittendrin im christlichen Herzland der
USA. Sie selbst aber kam mit der indigenen Kultur im nahegelegenen Pipestone in Berührung. Traditionsbewusste Indianer, so erzählt sie, pilgerten dorthin – und tun es wohl noch immer – um aus dem einzigartigen roten Speckstein, der sich hier findet, ihre heiligen Pfeifen herzustellen. Christiane war
17, als sie eine ganz besondere, nüchtern betrachtet zumindest sehr wertvolle Pfeife erhielt. An die Umstände erinnert sie sich nicht mehr, und sie hatte dieses „Souvenir“ zwar die nächsten
39 Jahre an ihrer Wand hängen, aber niemals richtig begriffen, was sie da mit nach Hause gebracht hatte. „Ich musste alt genug werden, um zu begreifen und um zu erfahren, warum diese Pfeife mir gegeben worden war“. Im Rückblick nennt sie das teure Stück ihre Lebenversicherung; diese Pfeife habe sie stets beschützt, auf den richtigen Pfad geleitet, nicht zuletzt auch auf Reisen geschickt. Und als es an der Zeit war, habe sie erkannt, was ihr später die Cree-Indianer bestätigen sollten: „Es gibt keine Zufälle“. Jim Poitras, ein Indianer, den sie in Deutschland kennenlernte, sagte ihr, dass sie als Hüterin der Pfeife Aufgaben habe. So müsse sie das Heiligtum zwar nicht zurückgeben, aber eben für einen Besuch nach Hause bringen. Sofort.
Christiane Biebl ist dankbar für ihre drei Kinder, die ihr diese und alle folgenden Reisen so leicht gemacht, die immer Kontakt gehalten haben: „Mittlerweile gibt’s ja auch im letzten Urwald-Camp Internet“. Was genau die Pfeifenzeremonie den Indianern bedeuten – Biebl zufolge handelt es sich um eine der heiligsten Zeremonien überhaupt – ist wohl nicht leicht zu erklären. In jedem Fall sollen sie freilich Gebete zum großen Geist bringen, der für Christiane Biebl längst Teil ihres eigenen Lebens ist. „Ich war immer spirituell, nie religiös“, erinnert sie sich, und dass sie „mit kirchlichen Inhalten“ nichts anfangen konnte: „Ich glaubte nie, einen Mittler zu brauchen“. Und außerdem sei ihr der Begriff „Gott“ zu eng gefasst. Bei den Indianern aber, die statt dessen vom „großen Geheimnis“ sprächen, habe sie vieles gefunden, was sie immer vermisst habe, die Wertschätzung für Mutter Erde zum Beispiel: „Die meisten Menschen schauen nach oben und treten die Schöpfung mit Füßen“. Wenn sie sich die erste Zeit ihrer großen Wanderung in Erinnerung ruft, wird deutlich: „Ich war und bin in diesen Kulturen mehr Zu Hause als ich es in meiner je war“.
Auf drei Kontinenten nach Gelassenheit gesucht
Zunächst war ihr die Pfeife Türöffnerin. Christiane Biebl begann dann, Nord– und Südamerika gezielt zu bereisen. Im Norden fand sie etwa die „eher distanzierten“ Lakota, im Süden des Kontinents dann eine Lebensfreude und eine Liebenswürdigkeit, die sie bezauberten. Gelernt hat sie von allen, wie ihre Tagebücher bezeugen. Natürlich gab’s nicht nur gute Tage. Es kam schon mal vor, dass ein Tipi, in dem sie untergebracht wurde, so heruntergekommen war, dass sie sich auf der Pferdefarm einer Freundin einquartierte. Und es ist ihr auch schon mal passiert, dass ihr bedeutet wurde, eine Frau dürfe nicht trommeln, was sie richtiggehend entsetzt hat – spürt sie doch im Trommeln den „Herzschlag von Mutter Erde“ nach, was zutiefst weiblich sei.
In den drei Jahren nach ihrem Aufbruch lebte Christiane Biebl an acht verschiedenen Orten. Zunächst lernte sie in Santa Fé von einer Indianerin, war dann im Pineridge Reservat in Süd-Dakota unterwegs und schloss sich schließlich einem modernen Pilgerzug an – sprich, sie reiste mit den „Sturmreitern“, einer Gruppe von Lakota-Indianern, von Wounded Knee zum heiligen Berg Bear Butte, um sich dort einer großen Demonstration gegen einen geplanten Straßenbau rund um den Berg anzuschließen. Sie war im Worthington ihrer Kindheit und erkundete von Vancouver aus indianisches Gebiet in Kanada. In den Rocky Mountains lebte sie in Whistler am See. Später im Jahr flog sie an den Amazonas und unterzog sich dort einer schamanischen Ausbildung. Und wiederum einige Zeit später stand dann der Aufbruch nach Neuseeland an, wo sie in den Jahren, die kommen sollten, die meiste Zeit über blieb, nicht zuletzt, weil in Portobello bei Dunedin auf der Südinsel ihre Tochter lebt. Langweilig wurde es auch dort nicht. Es gab Umzüge, Renovierungsarbeiten, große Gärten, die angelegt oder umgestaltet wurden, dann ein Studium am Polytech in der Kunstschule, wo sie weben lernte, um endlich ausdrücken zu können, was sie von der Kultur der Maya gelernt hatte, was sie erfüllte und nach Öffentlichkeit verlangte – für ihre Webarbeit erhielt Christiane Biebl übrigens eine begehrte Auszeichnung. Den Sommer des vergangenen Jahres verbrachte sie schließlich wieder in den
USA, in Arizona genauer, wo „The return of the Ancestors“ lockte. Das Plakat, das sie zu dieser Reise inspirierte, zeigt Mutter Erde, umgeben von Ältesten verschiedener Nationen. Diese „Versammlung der Ahnen“ war das letzte von vier Treffen, die alle drei Teile Amerikas „nach
500 Jahren der Trennung wieder vereinen“ sollten: „Dieses mal bündelte es die Kraft, Liebe und Weisheit der indigenen Ältesten der ganzen Welt, um dem Wandlungsprozess der westlichen Zivilisation etwas Großartiges und Einmaliges entgegenzustellen.“
Eine Brückenbauerin glaubt
an das Ende einer Ära
Sie, die an Reinkarnation glaubt, sieht sich durch die Pfeife in der Vorstellung bestärkt, „Brückenbauerin“ zu sein, Menschen aus allen Kulturen zusammen– zubringen. Was immer sie tut, bringt sie nun an den Ort, an dem sie sein soll. Ihre Wurzeln, sagt sie, sind nicht in einem bestimmten Fleckchen Erde verankert: „Ich bin wie eine Topfpflanze, man stellt sie hin und sie kann zu Hause sein“. Und immer am richtigen Ort. Mit ihren
61 Jahren sieht sie sich und alle anderen Menschen als „Mitschöpfer“: „Unsere Gedanken erschaffen die Realität der Welt“.
Seit vier Jahren widmet sich die
61-Jährige intensiv dem Maya-Kalender und webt an einem sechseinhalb Meter langen Teppich, dem „
13 Himmel Evolutionskalender der Quiché Maya in Guatemala“, der die letzten
5000 Jahre der Menschheitsgeschichte darstellt. Die neun Stufen des Kalenders vom Urknall bis zum Jahr
2011 erzählen „von der Evolution des Bewusstseins auf unserem Planeten“. Jede höhere Stufe sei in der unteren enthalten und
20 mal kürzer als die vorausgegangene: „Daher kommt das Gefühl von Beschleunigung der Zeit“. Biebl ist überzeugt davon, dass die Schöpfung einen Zeitrahmen hat, dass im nächsten Jahr, wie’s die Maya vorhergesagt haben, etwas zu Ende geht. Alle neun Stufen enden, so die Theorie, am
28. Oktober
2011.
Die Weltbürgerin mit den Gmünder Wurzeln glaubt zwar nicht an den bevorstehenen Weltuntergang, wohl aber an den Beginn einer ganz neuen Ära: „Dass es so nicht weitergehen kann, wird immer mehr Menschen bewusst. Und das ist der Aufbruch in eine neue Zeit.“
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