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» Ostalbkreis | Sonntag, 18. April 2010

Blick auf das neue Unicornis-​Buch: „Der Unterjura in der Umgebung von Schwäbisch Gmünd“ von Werner K. Mayer

Werner K. Mayer ist es mit fundierter Fachkenntnis, Fleiß und Organisationstalent gelungen, interessierte Laien, Handwerker, Wissenschaftler und nicht zuletzt auch die Behörden an einen Tisch zu bringen und ein „Unterjurabuch“ fertigzustellen.

SCHWÄBISCH GMÜND /​BÖBINGEN (rz). In neun Kapiteln wird diese älteste Epoche des Jura – die etwa den Zeitraum von 199,6 bis 175,6 Millionen Jahren umfasst – in allen Aspekten behandelt. Didaktisch gut aufbereitet, etwa in der Beschreibung der Schichtfolgen mit ihren Fossilien, die in zahlreichen Abbildungen präsentiert werden. Aber auch Laien finden Interessantes. Dieter Rodi hat die Landschaft im Unterjura beschrieben. Sein langjähriges Forschen in den Bereichen Boden und Vegetation findet hier seinen Niederschlag. Er widmet sich der Szilla ebenso wie dem Adonisröschen und anderen seltenen Schönheiten.
Für heimatkundlich Interessierte sind die Kapitel über „Sammeln und Forschen“ in der Umgebung von Schwäbisch Gmünd sowie das Kapitel über die Nutzung der Gesteine eine Fundgrube. Werner Mayer hat Herzblut und sehr, sehr viel Zeit investiert in dieses Vorhaben. Er ist Geschäftsmann und Autodidakt, zudem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Geologie des Naturkundevereins Schwäbisch Gmünd, der die Unicornis-​Bücher herausgibt. Das „Unterjurabuch“ dient auch als Begleitschrift zu den Jubiläumsausstellungen des Naturkundevereins – „Die Böbinger Seelilien und der Unterjura im Albvorland“, die derzeit im Böbinger Rathaus zu sehen ist, sowie zur später im Jahr geplanten Dokumentation „Der Unterjura in der Umgebung von Schwäbisch Gmünd“.
Schon lange wurde von vielen Naturliebhabern und Sammlern bei Führungen, Vorträgen oder Ausstellungen der Wunsch geäußert, das Wissenswerte über den Jura, insbesondere den Jura der näheren Umgebung von Schwäbisch Gmünd, nachlesen zu können. Als Winfried Trinkle 1972 sein Buch „Die Geologie im Landkreis Schwäbisch Gmünd“ vorlegte, so Werner Mayer, „hat er vielen Natur– und Heimatkundlern die Augen für die Schichtfolgen und die Fossilien geöffnet“. Verstärkt wurde das Interesse durch die vielen Funde in den Boomjahren des Bauens. Da dieses Buch Trinkles längst vergriffen ist, zudem aber auch manche neue Erkenntnisse hinzukamen – vor allem durch Beobachtungen von Sammlern –, war es an der Zeit, wenigstens über den Unterjura eine Monographie der heimischen Gegend um Schwäbisch Gmünd zu veröffentlichen.
Zum Aufbau des neuen Buches aus dem Gmünder Raum
Der Begriff der „Umgebung von Schwäbisch Gmünd“ ist in dieser Neuerscheinung recht weit gefasst: Schichtfolgen kennen schließlich keine geographischen Grenzen. Dennoch wird der Betrachtungsbereich abgegrenzt; es gibt entsprechend Karten, morphologische und geologische Übersichten. Mayer wendet sich zunächst in groben Zügen der Erdkruste und ihren Gesteinen zu, außerdem der Erdgeschichte und ihrem zeitlichen Ablauf. Er leitet über zu den fossilträchtigen Sedimentgesteinen, um dann auf die Schichtfolge im Unterjura hinzuführen. Im Laufe der Zeit wurde die Schichtkunde immer weiter verfeinert. Über die historische Entwicklung gelangt man zur heute gültigen Schichtstufengliederung. Schwerpunkt des Buches ist die detaillierte Schichtfolge des Unterjuras. Dabei wird der Gesteinsaspekt ebenso dargestellt wie die darin enthaltenen Fossilien. Es wurden nur Fossilien abgebildet, die aus der Region stammen; die entsprechenden Fotos sind in jedem Fall sehenswert. Die wichtigsten Fossilgruppen werden — interessant vor allem für all diejenigen, die Mayers Leidenschaft teilen – in die biologische Systematik eingeordnet. Dem Sammler soll vor allem im Bereich der häufigsten Fossilien, den Ammoniten und den Belemniten, ein Rüstzeug für ihre Bestimmung gegeben werden. Zwar kann es die spezielle Bestimmungsliteratur nicht ersetzen, soll aber auf die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale und ihre Stellung im System hinweisen. Sammeln und Forschen ist immer mit Menschen verbunden, die sich suchend und exakt beobachtend der Naturkunde verschrieben haben. Ihnen ist ein großes Kapitel gewidmet; Friedrich August Quenstedt steht für das frühe Sammeln in ganz Schwaben. Auch regionale Sammler des 19. Jahrhunderts werden vorgestellt: Heinrich Faber, August Vinzenz Neuber und Joseph Schuler. Stellvertretend für die Sammler und Sammlergruppen mit Schwerpunkt zwischen 1900 und 1945 stehen Ludwig Albrecht, Johan Jakob Künkele, Max Geiger und Wilhelm Bechter. Hermann Mantel, Karl Robert Braun, Paul Bechter, Alfons Berreth, Fritz Sauter und Hans Schöne stehen für die etwas spätere, ebenfalls der fruchtbare Sammlerperiode 1930 bis 1970. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde geprägt von Werner Raschke, Josef Rothgerber, Lothar Grupp, Ernst Mirle und Wolfgang Heer, die alle von Mayer vorgestellt werden, sowie natürlich von verschiedenen Arbeitsgruppen und Arbeitsgemeinschaften etwa der Geologengruppe Ostalb, des Naturkundevereins Schwäbisch Gmünd und des Museums. Gewürdigt werden auch wichtige Veröffentlichungen mit Schwerpunkt Ostwürttemberg – namentlich die Arbeiten von Quenstedt, Eberhard Fraas, Theodor Engel, Winfried Trinkle, Rudolf Schlegelmilch und Dieter Rosenkranz.
Die Gesteinsnutzung ist weiterer Schwerpunkt. Nur selten ist in späteren Jahrzehnten noch jemand in der Lage, aufzuzeigen, wo die im heimatlichen Raum vorhandenen Rohstoffe herkamen und wie in früherer Zeit oft mühsam und genügsam die verfügbaren Ressourcen eingesetzt wurden. So spürt der Autor der Schwefelhütte im Walkersbacher Tal nach – ursprünglich mit Pyrit betrieben –, oder der Bedeutung des Angulatensandsteins als Werkstein für den Limes, für Stadtbefestigungen und Skulpturen. Der Arietenkalk diente als Baumaterial, wurde für römische Kalkofen genutzt, fürs Gögginger Dünger-​Kalkwerk und den Straßen– und Wegebau. Ziegeleien wiederum waren dankbar für den Turneriton, dem auch viele Fayencen und Töpferarbeiten zu verdanken sind. Der Posidonienschiefer, „eine ölhaltige Angelegenheit“, wurde beim Bau der Burg Hohenstaufen ebenso genutzt wie von der Schieferverwertungsgesellschaft Mögglingen.
Die Gmünder Umgebung ist die Unterjuraregion in Baden-​Württemberg schlechthin. Nirgendwo anders gibt es so viele Übergänge von den Unterjuraschichten zum Keupertal, nirgendwo anders hat eine so große Vielzahl von Flüssen, Seitenbächen und Bachrissen die Unterjuraplatte derart zersägt und zergliedert. Die tonigen Sande, Tone und Mergel leisteten nur wenig Widerstand: Sie wurden mit der Kraft des Wassers fortgeschwemmt und nahmen die sich dadurch neigenden Sand– und Kalksteine an der steilen Hangkante mit ins Tal. So entstanden ständig neue Bachanrisse und sich verändernde Hangkanten und dadurch eine Vielzahl von natürlichen Fundplätzen von Fossilien rund um Schwäbisch Gmünd. Die Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte hat ein Übriges getan. Überall wurde der schmale Talgrund, in dem die Städte und Ortschaften liegen, zu eng für gewerbliche und industrielle Ansiedlungen und Wohngebiete. Die Kommunen verschafften sich Baugrund, indem sie Wohnbau– und Gewerbegebiete auf der zum Albvorland zählenden Unterjuraverebnung anlegten. Wasser– und Abwasserkanäle, Wasserversorgungs-​, Gas– und Ölleitungen durchschnitten systematisch die Unterjuraschichten. Trassen mussten ausgekoffert werden, Plätze geschaffen, Infrastruktur aufgebaut werden. Dadurch entstanden viele neue Fundplätze. Hinzu kam, dass die Landeswasserversorgung (LW) zum dritten Mal seit ihrem Bestehen größere Rohrleitungsbaumaßnahmen im Albvorland um Gmünd durchführte. Auf dem Teilstück zwischen Heubach und Wäschenbeuren waren die Rohrleitungsgräben in den Jahren 2003 bis 2006 lange genug geöffnet, um intensive Nachforschungen zu ermöglichen.
 

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