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» Ostalbkreis | Freitag, 30. April 2010

Barbara Piazzas Roman „Die Frauen der Pasqualinis“ spielt in Wisslingen

Sie liebt es, wenn sie auf dieses Buch angesprochen wird. Eigentlich sagt sie, sollte eine Autorin all ihre Manuskripte mögen. Aber dieses eine, das „in Wisslingen“ spielt, ist ihr ganz besonders ans Herz gewachsen. Die RZ stellt Barbara Piazzas Roman „Die Frauen der Pasqualinis“ vor.

WALDSTETTEN-​WISSGOLDINGEN (bt). Dass ein Vetter der Autorin in Wißgoldingen lebt, mag mit zu dieser Benennung beigetragen haben, aber eigentlich, erzählte sie gestern im Gespräch mit der RZ, ist der Ort Wisslingen, in dem ihre Figuren lieben und leiden, rein fiktiv. Dennoch hat der Roman mit gutem Grund ein Plätzle in Reiner Wielands Schriftgutarchiv Ostwürttemberg gefunden – Schwäbisch Gmünd ist mehrfach Schauplatz, bei einer Erbschaft etwa, oder als Station im Lebensweg eines Helden. Wenn von der „Kreisstadt“ die Rede ist, sind Ähnlichkeiten ebenfalls unverkennbar, insbesondere schreibt Barbara Piazza aber von den Menschen hier in der Gegend, und die Geschichte, die sie erzählt, ist zumindest in Teilen ihre eigene. Ihr Urgroßvater Antonio Piazza aus Bordano in der Provinz Udine war ein Einwanderer, der eine junge Eislingerin heiratete – die Uroma, der das Buch gewidmet ist. In Eislingen wurde die Schriftstellerin 1945 geboren. Über viele Jahre hat sie als Drehbuchautorin für Fernsehfilme und Serien gearbeitet und mit der „Lindenstraße“ oder mit Dutzenden Folgen der Serie „Alle meine Töchter“ Erfolge gefeiert. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Ummendorf.
Sie hat sich immer als Deutsche gesehen, spricht aber auch von einer „großen Affinität zum Land Italien“. Ein Vetter der Mutter wurde in den 30er-​Jahren zum „Rückwanderer“, und bis heute haben die beiden Familienzweige engen Kontakt.
Auch in ihrer eigenen Familie gab es allerhand Verwicklungen – doch die sind nur ansatzweise im Buch aufgegriffen: Die große Rahmenhandlung ist frei erfunden. Was der Autorin wichtig war und ist: All den Italienern ein Denkmal setzen, die als spezialisierte Fachkräfte hierherkamen, als Bauleute, als Brückenbauer, schließlich als Glaciers, als Eisverkäufer. Barbara Piazza sieht in ihnen allen einen Teil dessen, was das vereinigte Europa ausmacht – „die Wege zur Arbeit“.
Zur Handlung des Romans: Stefano Pasqualini und Sofia haben nur eine Nacht. Eine einzige Nacht, die für ein ganzes Leben reichen muss, denn am nächsten Tag wird Sofia Mazzone mit einem anderen vor den Altar treten, mit einem, den ihr Papa für sie ausgesucht hat und der ihr zutiefst zuwider ist. Außerdem, na ja, sie liebt Stefano Sie wird niemals einen anderen lieben. Stefano seinerseits hat nichts mehr zu verlieren. Etwas besseres als den Tod und diese Verzweiflung findet sich überall, insbesondere wohl im fernen, kalten Deutschland, wo es in diesem Frühjahr 1908 geben soll, was in Italien so vielen fehlt: Arbeit. Also lädt Stefano seine Gitarre und das Allernötigste auf sein Fahrrad und verlässt die Heimastadt Neapel, die er damit zum letzten Mal gesehen hat. Sein Ziel ist die Hauptstadt Berlin, wo das Baugeschäft brummt und händeringend nach Arbeitskräften gesucht wird. Was Stefano nicht weiß: In jener Nacht mit Sofia hat er einen Sohn gezeugt. Auf seiner Fahrt durch halb Europa kommt der junge Italiener ins schwäbische Dorf Wisslingen und bleibt dort. Seine Fähigkeiten als Baumeister sind gefragt, und auch bei Anna Sailer, Tochter des Maurers und Nichte des Gastwirts, ist er wohlgelitten. Die beiden heiraten und bauen Seite an Seite ein Bauunternehmen auf, das in weitem Umkreis seinesgleichen sucht. Gemeinsam überwinden sie alle Schwierigkeiten, und bald belächelt niemand mehr den „Zitronenschüttler“. Die Zwillinge Peter und Paul und Tochter Else kommen zur Welt. Die Familie hält zusammen, auch als mit dem Ersten Weltkrieg die Vorurteile gegen Italiener im Allgemeinen und gegen den Fremden in ihrer Mitte im Besonderen zu offener Ablehnung werden.
In der Weimarer Republik geht’s den Pasqualinis wie dem Land selbst: Zunächst werden die Friedensjahre genossen, dann geht’s direkt in den Niedergang. Völlig unerwartet taucht nämlich Sofia in dem Gasthof auf, in dem Stefano gerade mit einem Bauträger verhandelt. Stefano erkennt sie sofort und trägt ihr die Koffer hinauf ins Zimmer. Nach einem kurzen Wortwechsel flammt die alten Leidenschaft wieder auf, die tiefen Gefühle, die die beiden füreinander hatten und haben – was die Herrschaften in der Gaststube davon mitbekommen, reicht für einen Skandal. Stefano soll freilich den Tratsch und die Anfeindungen nicht mehr erleben: Nachdem er Sofias Bett verlassen hat, erleidet er auf einer seiner Baustellen einen tödlichen Unfall.
Bei seiner Beerdigung kommt es zum Eklat: Anna und Sofia wissen jetzt voneinander; der Hass, mit dem sie sich begegnen, droht, sie beide zu zerstören. Verflucht und bespuckt reist Sofia zurück nach Neapel. Anna erleidet einen Nervenzusammenbruch, der sie vorübergehend in die Psychiatrie bringt. Ihre Genesung wird begleitet vom Aufstieg ihrer Neider und Konkurrenten, die sich rechtzeitig der neuen Zeit geöffnet haben; das Schicksal der Baufirma ist bald besiegelt. Und die Verlockungen der Nazibewegung bleiben auch in Annas Familie nicht ohne Wirkung, zerstören Freundschaften und gewachsene Bande. Else schließt sich Hitlers Jungmädelorganisation an, und Peter heiratet die Tochter des Dorfkrämers. Paul hingegen geht nach Italien, um dort das Werk seines Vaters als Baumeister fortzusetzen.
Die Frauen der Pasqualinis bleiben auch nach Sofias demütigendem Abschied von Wisslingen schicksalhaft miteinander verbunden. Doch erst Sofias Enkelin Leonora soll es gelingen, den Graben zwischen den beiden Familien zu überbrücken. Aber da ist der Zweite Weltkrieg längst zu Ende und das deutsche Wirtschaftswunder hat begonnen – auch Dank der Hilfe all der Italiener, die als Gastarbeiter kamen und als Nachbarn blieben.
 

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