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» Schwäbisch Gmünd | Montag, 05. April 2010

Gedankensplitter Gmünder Geistlicher zum Osterfest: Was macht eine gute Osterpredigt aus?

Wenn eine Jugendliche gefragt wird, was das Osterfest ausmacht, und ihr zunächst der Osterhase einfällt – bis sie sich die Hand an den Kopf schlägt –, ist das amüsant. Ändert aber nichts daran, dass die eigentliche Osterbotschaft die meisten Menschen nicht mehr erreicht. Die RZ wollte wissen, was eine gute Osterpredigt ausmacht.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Wenn man Weihnachten als das emotionalste Fest würdige, so Pfarrer Johannes Waldenmaier, so sei Ostern das rationalste, „das uns vom Denken her am stärksten herausfordert“. Dieses Fest ist für ihn „Knackpunkt des Lebens, des Glaubens, an ihm scheiden sich die Geister, weil es ein Fest des Lebens ist, das uns sagt, dass aus jeder Verzweiflung Hoffnung werden kann und wird“. Es gibt keinen Tod aus dem nicht wieder Leben folgt, so der stellvertretende Dekan des Ostalb-​Dekanates; dieses Fest beantworte die letzte Frage nach dem eigenen Lebensende, die die Menschen vor allem während schwerer Zeiten im eigenen Leben besonders beschäftige. Deshalb sei auch die Karwoche so wichtig – als Vorbereitung. „Weil sie uns hineinholt in die Lebenstiefen, in Verzweiflung, Trauer, Leiden, Tod, um uns dann mit festem unerschütterlichem Glauben zu sagen, dass all das durch die Auferstehung besiegt ist“. Waldenmaier: „Damit haben wir plötzlich einen, der mit uns geht, auch in die Tiefe, und der uns dann ebenso mitnimmt ins Leben“.
Was den Geistlichen fasziniert, ist auch, dass sich Mensch so viel einfallen lassen, um Lebenssymbole lebendig zu halten – das Ei, aber auch das „Fortpflanzungswunder“ Karnickel bzw. Hase. Letzteres sagt er augenzwinkernd und erklärt, auch das Lachen, auch die Freude seien untrennbar verbunden mit Ostern, das ganz bewusst im Frühjahr platziert sei, in jener Zeit, in der auch in der Natur neues Leben beginne und in der nach langer Dunkelheit und Kälte fast schon depressiv gewordene Menschen im Aufbruch seien. All das müsse „in einer guten Osterpredigt rüberkommen“: „Hoffnung machen, Freude stiften, sich mitnehmen lassen in den Elan des Lebens, nicht nur mit dem Leib, auch auch mit unseren Gefühlen“.
Eine tiefe menschliche Sehnsucht wird berührt.
Dekan Immanuel J.A. Nau nennt auf die Frage, was eine gute Osterpredigt ausmacht, Ostern als Fest der Auferstehung Jesu vom Tod: Diesem „Geheimnis des Glaubens“ darf eine Osterpredigt nicht ausweichen. Osterns sei ein Fest des Lebens, mit dem gegen die Macht des Todes demonstriert wird. Nau: „Eine Osterpredigt ist gelungen, wenn die Hörer mit einem Gefühl heiterer Gelassenheit ihrer eigenen Endlichkeit ins Auge blicken können“. Denn durch die Auferstehung Jesu sei die Bedeutung des Todes als sinnzerstörendes Element des Lebens stark relativiert: „Eine Osterpredigt muss ganz und gar lebensorientiert sein, soll Lebensfreude zum Ausdruck bringen und Hoffnung vermitteln. Und sie soll zum Einsatz motivieren gegen alles, was Leben behindern oder gar zerstören will.“
Ein Problem des Osterfestes sei, dass es nicht so anschaulich und nachvollziehbar sei wie Weihnachten. Die Auferstehung vom Tod gehöre – im Unterschied zur Geburt eines Kindes – ja nicht in den alltäglichen menschlichen Erfahrungsbereich. Zudem sprenge die Behauptung, dass einer vom Tod auferstanden sei, „unsere menschliche und naturwissenschaftliche Vorstellungskraft“. Unabhängig davon werde aber Ostern persönlich bedeutungsvoll für denjenigen, der schweres Leiden erlebt oder gar schon den kalten Hauch des Todes gespürt habe. Mit der Botschaft von der Überwindung des Todes werde eine tiefe menschliche Sehnsucht berührt, werde Angst gedämpft und Vertrauen ins Leben geweckt. An Ostern sollte man seiner Lebensfreude Ausdruck verleihen und tun, was einen das Leben spüren lässt. Diejenigen, die in der Zeit zuvor gefastet haben, können das besonders stark erleben“.
Im Friedensgruß Jesu, mit dem er seine Jünger als Auferstandener begrüßt hat, verbirgt sich Dekan Nau zufolge eine politische Dimension des Ostergeschehens, die durchaus mit den Anliegen der Ostermärsche in Verbindung gebracht werden könne.
Und: „Weil in unseren Breiten das Osterfest im Frühjahr stattfindet, wird die Bedeutung von Ostern als einem Fest des Lebens durch die wieder erwachende Natur unterstrichen. Die Menschen kommen aus ihren Häusern. Die ersten Ereignisse im Freien finden statt. Die Stadt richtet ihre Frühjahrsbeete mit schönen Blumen. So wird Ostern auch zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Wir leben noch“. Wer sich freilich der eigentlichen religiösen Intention des Osterfestes annähern wolle, werde nicht umhinkommen, sich mit der biblischen Ostergeschichte zu beschäftigen – oder zumindest in einen Ostergottesdienst zu gehen. Nau abschließend: Eier, Nestbau und Osterhase kommen in der biblischen Auferstehungsgeschichte übrigens nicht vor. Da begegnen einem „nur“ ein paar Frauen, die seinerzeit als Zeuginnen nicht einmal glaubhaft waren – und ein leeres Grab. Faszinierend, welche Wirkung dieses Ereignis und diese Geschichte entfaltet hat.
Über den Tod hinaus
geborgen sein
Pfarrer Michael Gseller hat bei seiner Arbeit im Stauferklinikum, insbesondere auch im KIT-​Team, also der Krisenintervention im Rettungsdienst, ständig mit dem Thema „Tod“ zu tun, in allen Variationen, auch mit den ganz schrecklichen, wenn etwa ein Kind stirbt oder ein junger Mensch sich das Leben nimmt. Er erklärt, ohne Ostern und sein Botschaft könnte er das nicht aushalten, ohne die Botschaft, dass sich hinter jedem Tod der Auferstanden Jesus und sein „Ich lebe“ verberge. „Ostern besteht eben nicht nur aus bunten Eiern und Häschen, Küken, sondern: Ostern ist der Glaube daran, dass der Tod in all seinen Spielarten nicht das Letzte sein wird, weil Gott unser Leben über den Tod hinaus hält. Also, dass wir bei Gott geborgen sein werden, auch wenn wir längst gestorben sind“, so Gsellers Gedanken zum Osterfest.
Allein dieser Auferstehungsglauben gebe diesem Fest seinen Sinn. Aber Ostern gebe vor diesem Hintergrund auch die Freiheit, „den Mut, sich ganz neu und ganz offen sich mit dem Tod auseinander zu setzen“. Die Menschen hier und heute lebten in einer Zeit, die geradezu panische Angst vor dem Tod habe: „Er wird verdrängt und abgeschottet; bloß weg aus meinem Gesicht, bloß keinen Sterbenden zu Hause behalten, das ist ja furchtbar, das kann doch niemand mit ansehen“. Jeder wolle „schnell und zügig“ sterben: „Ostern und seine Botschaft gibt uns den Mut zum Tod und die Auseinandersetzung mit ihm und zugleich auch den Mut zum Leben. Beides gehört im positiven Sinn zusammen“. Wer glauben könne, dass Gott sein Leben halte und trage über den Tod hinaus, müsse das Thema nicht verdrängen und in seiner Furcht vor dem Tod verkommen, so hat der Notfallseelsorger erkannt. Und der Mut zum Leben gebe auch die Kraft und Phantasie und (wiederum) den Mut den Kampf dort aufzunehmen, wo das Leben in irgendeiner Form bedroht, beschädigt oder gar (vorzeitig) zerstört werde.
In einem weiteren Gedankengang erklärt Pfarrer Gseller, wenn man den Zustand der Welt, der Gesellschaft oder auch der Kirche betrachte, wenn man wahrnehme, „welche Kräfte da so am Werk sind, die Gier etwa, die Lüge, die Machtgeilheit, dann befällt einen Ratlosigkeit – wie wird das alles weitergehen –, bisweilen auch Gefühle von Resignation und Hoffnungslosigkeit.
Und genau gegen diese Stimmung wolle Ostern angehen, gar ein deutliches Gegengewicht bilden: „Die Botschaft von der Auferstehung – das ist Hoffnung pur. Sie ist genau das, wonach wir uns heute sehnen in diesem Leben, in dieser Welt… und ohne die wir nicht leben könnten keinen Tag. Ohne Hoffnung wäre unser Leben unerträglich, ohne Ausblick.“
Wer nichts mehr hoffe, so Gseller, der gebe sich auf. Er erwarte nichts mehr von der Zukunft. Er habe kein Ziel mehr vor Augen. Er ersticke gleichsam an der Gegenwart. Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau sagte einmal: „Unsere Hoffnung muss immer größer sein als unsere Sorge, unsere Erwartungen muss immer größer sein, als unsere Erinnerung“. Und genau darum gehe es an Ostern: „Um eine große Erwartung auch für mein kleines Leben. Um eine Hoffnung, dass noch etwas kommt, egal, was dagegen zu sprechen scheint: die Vernunft oder sämtliche Erfahrung; dass Gott – wie bei der Auferstehung Jesu – handeln wird und uns nicht aufgibt, nicht einmal im Augenblick des Todes“. Wenn es einen Grund gibt, fröhlich jeden Tag zu leben – leichte oder schwere Tage – dann ist dies Pfarrer Gseller zufolge diese Hoffnung, die vor allem durch Ostern Basis und Nahrung erhalte.
 

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