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» Ostalbkreis | Montag, 05. April 2010

Naturkundeverein beginnt das Jubiläumsjahr mit einer Ausstellung in Böbingen

Böbingens berühmte Seelilien-​Kolonie, älter noch als die Funde in Holzmaden, ist ab dem 11. April zu besichtigen. Mit dieser Ausstellung wird nicht zuletzt die Arbeit des Gmünder Naturkundevereins gewürdigt.

BÖBINGEN (bt). „Das ist kein Sternle“, sagt Sabine Walker und zeigt auf den Querschnitt eines Seelilienstiels. Es ist ihr wichtig, dass der von ihr und anderen HfG–Studierenden gestaltete Flyer ebenso wie die anderen Arbeiten rund um diese Ausstellung nicht nur gut aussehen, sondern auch wohl durchdacht sind.
Die Gemeinde Böbingen, der Naturkundeverein – der die Professionalität beigetragen hat und eine Gelegenheit sieht, das Festjahr des 120-​jährigen Bestehens mit einem würdigen Ereignis einzuläuten – und eben auch die Hochschule für Gestaltung sind allesamt sehr zufrieden mit dieser gemeinsam erarbeiteten Präsentation. Weil gemeinhin Menschen und nicht Institutionen die Arbeit erledigen, seien hier Christine Bart vom Böbinger Rathaus, die Studierenden Sabine Walker sowie René Ulrich, Ulrich Liesch und Isabelle Kinadeter sowie vom Naturkundeverein Werner K. Mayer, Dieter Rodi und Hans Miksche genannt. Ihnen allen, die so viel Zeit und Herzblut investiert haben, galt gestern ein herzliches Dankeschön des Böbinger Bürgermeisters Jürgen Stempfle
Gezeigt werden in dieser Ausstellung Ammoniten, Belemniten, Muscheln, Schnecken, Brachiopoden, Schlangensterne, ein spektakulärer Krebsfund, Saurierfragmente, Korallen und Fische aus dem Albvorland um Böbingen, vor allem aber der Fund, der Böbingen bekannt gemacht hat: Die Seelilien. Werner K. Mayer, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Geologie des Naturkundevereins – dessen jüngstes, die Ausstellung perfekt ergänzendes Buch über den Unterjura die RZ noch vorstellen wird –, erklärte gestern in einem Pressegespräch, was es mit diesen Seelilien auf sich hat.
Es war einmal im Jahr 1994, dass ein Baugebiet erschlossen wurde und Hobbysammler einen märchenhaften Fund machten: Im angehenden Oberböbinger Wohngebiet Schelmen-​Nord, wo’s immer wieder schöne Fossilien gab, fand sich in jenem Frühjahr ein insgesamt hundert Quadratmeter großes Seelilienfeld – Überreste einer Kolonie, die vor rund 185 Millionen Jahren an einem im Meer treibenden Holzstamm angedockt war. Thomas Balle aus Leinzell meldete den Fund damals dem Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart und schrieb damit Geologie-​Geschichte: Die Böbinger Seelilien galten zunächst als die ältesten „driftenden“ der Welt; dass nun die Chinesen noch ältere vorweisen können, schmälert ihre Bedeutung nicht wirklich.
Ein Grabungsteam des Museums begann damals damit, den Fund durch ein Schutzdach vor Regen zu sichern und etwa 45 Quadratmeter fachgerecht zu bergen. Einzelplatten wurden freigelegt, mit Spachteln vom tonigen Gestein auf ihrer Oberseite befreit und mit einer mit gehärtetem Harz überzogenen Glasfasermatte für den Transport vorbereitet.
In einem aufwändigen Sandstrahlverfahren wurden 15 Quadratmeter dieser einmaligen Kolonie von ihrer Unterseite her präpariert – die Schokoladenseite, weil die Tiere, die sich beim Absterben in den tonigen Schlamm einlagerten, vor allem von oben zersetzt wurden. Gewöhnlich zerfallen solche Tiere schon nach wenigen Tagen in ihre vielen Einzelteile. Die Besonderheit in Böbingen lag also darin, dass diese Seelilien, die auf ihrem Treibholz über Jahre hinweg im Meerwasser unterwegs waren und sich auf Grund der günstigen Nahrungsbedingungen so lange vergrößerten, bis sie schließlich zu schwer wurden, zu Boden sanken, durch ein wohl außergewöhnliches Ereignis sehr schnell bedeckt, sprich von nachfolgenden Sedimenten unter Ausschluss von Sauerstoff konserviert wurden.
Diese Seelilien aus dem Numismalismergel des Unterjura sind übrigens viel älter als die Kolonien Holzmadens. Auf den 15 Quadratmetern, die Böbingen zur Verfügung gestellt werden, sind die äußerst langen, gelenkigen Stiele zu sehen, so angeordnet, dass die Tiere ihre fächerförmigen Kronen in der Strömung optimal ausrichten und ihre Nahrung dann über die vielfach sich verzweigenden Arme zum Mund bringen konnten. Die Kronen wurden dabei wie ein Schleppnetz eingesetzt, um nahrungsreiche Wasserschichten zu erreichen.
Die Böbinger Seelilien sind noch nicht eingehend wissenschaftlich beschrieben; dass sie dennoch an ihrem Fundort ausgestellt werden können, ist auf ein bemerkenswertes Entgegenkommen des Staatlichen Museums für Naturkunde zurückzuführen, das Dank Günter Schweigerts damit begonnen hat, entgegen bisheriger Gewohnheiten Menschen und Funde zusammenzuführen. Dr. Schweigert wird ebenso zum Ausstellungsprogramm beitragen wie andere ausgewiesene Fachleute. Prof. Dr. Dieter Rodi etwa plant drei ausnehmend interessante Exkursionen: Am 17. April werden Frühblüher wie die Szilla an der Unterjurakante bei Schönhardt aufgesucht, am 22. Mai sind ausgesucht interessante Blumen und Streuobstwiesen Ziel – Treffen ist jeweils um 14 Uhr am Rathaus Böbingen –; am 12. Juni, dem Tag der Artenvielfalt, dürfen sich Pflanzenfreunde aufs Adonisröschen freuen. Auch Prof. Bay spricht, und bei „Rems-​Total“ gibt’s ein Fossiliengraben für die Jugend und anderes mehr.

Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 11. April, um 14 Uhr mit Festvortrag und Buchvorstellung im Böbinger Bürgersaal.
 

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