Pavel Rashid und Swetlana Siegfried erzählen im Gespräch mit der RZ, wie es für sie nach ihrem Hauptschulabschluss weiterging
Von Skepsis bis Optimismus – die Meinungen in Sachen Werkrealschule spalten sich. Pavel Rashid und Swetlana Siegfried glauben, dass so oder so vieles im Leben möglich ist, „wenn man es nur will“. Seit ihrem Hauptschulabschluss vor sechs Jahren hat sich jede Menge in ihrem Leben getan. Die Rems-Zeitung hat sich mit den beiden unterhalten. Von Nicole Beuther
SCHWÄBISCH GMÜND. Jede Menge Hürden hatte Pavel Rashid zu überwinden, als er einst sein Heimatland, den Irak, verließ und mit seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland flüchtete. Gmünd wurde die neue Heimat der Familie. Alles war dem damals Zehnjährigen hier fremd. Die Sprache, die Kultur, die Menschen.
Doch der Kurde lernte die fremde Umgebung schnell kennen und lieben. An der Stauferschule, die er ab der fünften Klasse besuchte, nutzte er die Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen — sprachliche Schwierigkeiten gehörten schon bald der Vergangenheit an. Ab der siebten Klasse besuchte Pavel Rashid die Mozartschule in Hussenhofen, wo er dann wenige Jahre später den Hauptschulabschluss absolvierte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon längst Zukunftspläne geschmiedet — Fachinformatiker wollte er werden. Und so nutzte er die Möglichkeit, den Mittlere Reife-Abschluss an der Werkrealschule zu erwerben.
Anschließend besuchte er die Private Berufliche Schule
Dr. Engel in Schwäbisch Gmünd, wo er neben einer Ausbildung zum Staatlich geprüften Informations– und kommunikationstechnischen Assistenten die Fachhochschulreife in Angriff nahm. Mit Erfolg. Derzeit ist Pavel dabei, die dritte Hürde zu meistern: Das Studium. Bereits im zweiten Semester studiert er nun Software Engineering an der Fachhochschule in Aalen. Sein Traum, einmal als Software-Entwickler arbeiten zu können, ist somit in greifbare Nähe gerückt. „Wenn man es will, dann schafft man es“, ist sich der
21-Jährige sicher. Doch er weiß auch: „Ein Stück Arbeit gehört dazu.“ Frühzeitig einen Beruf zu ergreifen, kam Pavel Rashid nicht in den Sinn. „Ich habe mich immer auf die Schule konzentriert“, sagt er und fügt grinsend hinzu: „Das große Geld kommt später.“ Dass er bis dahin noch jede Menge Arbeit zu bewältigen hat, ist ihm bewusst. Für den Student scheint dies jedoch kein Problem zu sein: „Dass das Studium schwer ist, reizt mich“, sagt er. Zudem könne er nur unter Druck lernen — für ein Studium ideale Bedingungen. Die unbändige Energie, die Pavel Rashid ausstrahlt, wirkt ansteckend. Auch auf seinen kleinen Bruder. Der möchte später nämlich auch studieren. Noch kann sich der Kleine Zeit lassen — er besucht die erste Klasse. Alle Möglichkeiten stehen ihm offen.
„Hätten wir früher nur
etwas mehr gemacht“
Möglichkeiten, die gerne auch die Klassenkameraden von Rashid genutzt hätten. Trifft er sie heute, fällt oft der Satz: „Hätten wir früher nur etwas mehr gemacht.“ Der
21-Jährige denkt gerne an die vergangenen Jahre zurück, vor allem an die Unterstützung, die er von allen Seiten erfahren hat, beispielsweise von seinen Lehrern und Vorbildern Berthold Rieg von der
Dr. Engel Schule und Peter Betz, Konrektor an der Mozartschule. Mit ihm steht Pavel Rashid auch heute noch in Kontakt — der ehemalige Hauptschüler ist nämlich gerade dabei, die Homepage der Mozartschule auf Vordermann zu bringen.
Große Wertschätzung hat er auch stets von seinen Eltern erfahren, die ihn immer ermutigt haben, seinen Weg zu gehen und die unglaublich stolz sind, auf das, was ihr Sohn bisher alles erreicht hat. „Wenn ich daran denke, was ich war und wo ich jetzt bin“, sagt Pavel Rashid nachdenklich und denkt dabei an die Waffen und die vielen toten Menschen, die er in seinem Heimatland schon als Siebenjähriger sehen musste. Doch der junge Mann blickt lieber vorwärts anstatt zurück. Er hat noch jede Menge vor. Zeit, um Trübsal zu blasen, hat er jedenfalls nicht.
Alles andere als Langeweile hatte auch Swetlana Siegfried in den vergangenen Jahren. Als junges Mädchen hatte sie zunächst dieselbe schwere Hürde zu überwinden wie Pavel Rashid: Swetlana war acht Jahre alt, als sie zusammen mit ihren Eltern die russische Heimat verließ und fortan in Deutschland lebte, ab dem
14. Lebensjahr dann in Hussenhofen. Anders als ihr ehemaliger Mitschüler hat sich die heute
22-Jährige nach dem Hauptschulabschluss an der Mozartschule entschieden, eine Ausbildung zu absolvieren. Friseurin wollte sie werden. Kaum hatte sie den Abschluss in der Tasche, dachte sie schon einen Schritt weiter. Um größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, bildete sie sich berufsbegleitend am Friseur-Bildungszentrum in Stuttgart zur Meisterin im Friseurhandwerk weiter. Von Montag bis Donnerstag arbeitete sie halbtags in Gabi’s Haarstudio in Hussenhofen, anschließend fuhr sie nach Stuttgart, wo neben praktischen Einheiten auch Fächer wie Rechtskunde, Wirtschaftslehre und Rechnungswesen auf dem Stundenplan standen. Kein Zuckerschlecken.
„Manchmal habe ich daran gedacht, die Prüfungen zu verschieben“, erzählt die
22-Jährige im Gespräch mit der Rems-Zeitung. Alles hinzuschmeißen, kam ihr nie in den Sinn. „Zähne zusammenbeißen und durch“, lautete ihr Motto.
Dass sich die Arbeit gelohnt hat, bekommt die junge Frau bereits jetzt zu spüren. So gebe es, erzählt sie, einige Kunden, die sich lieber von einem Meister die Haare schneiden lassen. Dazu gehört auch ihr kleiner Bruder, der als einer der ersten Kunden alles andere als begeistert war von der Frisur, die ihm seine Schwester verpasst hatte. Doch das war lange bevor Swetlana ihre Lehre begann.
Heute ist ihr kleiner Bruder einer von vielen, die sich gerne die Haare von der Meisterin schneiden lassen.
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