Am Beispiel Untergröningen stellt die RZ die Suche nach Kleindenkmalen des Ostalbkreises vor /Ziel: „Kein weißer Fleck“
Irgendjemand muss es machen. Mittlerweile gibt es in fast allen Städten und Gemeinden Ehrenamtliche, die sich auf die Suche machen nach meist steinernen Zeugen der Vergangenheit – schöne, alte Wegekreuze etwa, aber auch längst vergessene Mahnmahle.
ABTSGMÜND-UNTERGRÖNINGEN
(bt). In Untergröningen sind sie schon ziemlich weit: Klaus Posselt und Horst Schürger wissen jetzt, wo auf ihrer Markung die „Kleindenkmale“ zu finden sind; zu einigen freilich gibt es noch herzlich wenig Informationen. Wie denn auch, wo doch Ende März erst zur offiziellen Eröffnungsveranstaltung geladen wurde.
Die beiden haben natürlich Hilfe, ganz entscheidende Hilfe: Die neue Technik. „Nach dem Rad die genialste Erfindung“ nennt Posselt etwa die neuen, im Internet bereitgestellten Karten, mit denen sich in Nullkommanix die Koordinaten eines Fundorts ermitteln lassen – was war das früher eine aufwendige Messerei und Rechnerei. Auch die Ostalb-Map im Maßstab
1:
2500 – „da kann man jedes Haus erkennen“ – ist eine enorme Hilfe, ebenso die ganz alte, nun digitalisierte Karte von
1830, die unter anderem die alten Flurnamen auflistet und anhand derer sich die enormen Veränderungen der vergangenen
180 Jahre nachvollziehen lassen.
Zu tun bleibt dennoch einiges. Der Grenzstein etwa, der jetzt vor der Schule steht, gab bislang nur sehr wenig preis. Die beiden Lokalpatrioten, die diesem Projekt so viel Zeit opfern, haben drei Lilien ausgemacht, die Jahreszahl
1730, die „NO MERO
1/
0 98“, also die Benennung des Steins sowie wahrscheinlich eine Pflugschar. Welches Wappen genau zu sehen ist, oder auch wo der Stein ursprünglich zu finden war, muss noch ermittelt werden. Leichter ist es da mit dem Feldkreuz in Billingshalden (Schweizerhof), das
1960 entstanden ist. Und auch zum Grabstein, der mitten im Wald an der Markungsgrenze nach Eschach zu finden ist, direkt am Ochsenbach, gibt es noch Zeitzeugen, die berichten können: Von jenem schlimmen Tag, dem
29. Juni
1950, an dem Reinhold Rieck aus Untergröningen im Alter von
21 Jahren tödlich verunglückte. Damals haben sie eine Wasserleitung gebaut, und bei den Sprengarbeiten wurde der junge Rieck von einem umherfliegenden Gesteinsbrocken am Kopf getroffen. In seinen Gedenkstein wurde ein Gedicht eingeprägt: „Du warst so jung, Du starbst so früh, Wer Dich gekannt, vergisst Dich nie“.
Am Ortseingang von Untergröningen sowie an der Abzweigung der B
19 nach Algishofen erinnern Gedenkstelen daran, dass im April
1945 über tausend Häftlinge vieler Nationen völlig entkräftet auf ihrem Weg von Kochendorf nach Dachau durchs Kochertal getrieben wurden. Viele starben, endgültig am Ende ihrer Kraft, oder wurden ermordet. In Algishofen rasteten einige hundert Männer in Scheunen;
15 Menschen starben damals und wurden in aller Eile in einem Massengrab auf dem evangelischen Friedhof verscharrt.
Lob für Heuchlingen und Waldstetten
Bernhard Hildebrand, der Kreisarchivar, sowie Gerhard Vaas, Vorsitzender des Nordostalbgaus des Schwäbischen Albvereins, koordinieren das Projekt im Ostalbkreis. In der kommenden Woche wollen sie sich erneut zusammensetzen und Gemeinde für Gemeinde durchgehen, doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass es „höchstens eine Handvoll Gemeinden gibt“, in denen sich noch niemand bereit erklärt hat, diese Arbeit zu tun. Erklärtes Ziel, so Vaas: „Es soll keinen weißen Fleck auf der Karte geben“. Auch er ist beeindruckt über das in kurzer Zeit Erarbeitete: Das Ehepaar Munz in Heuchlingen und Hans Betz in Waldstetten hätten bereits die vollständige Dokumentation erarbeitet (die RZ wird berichten). Vaas freut sich darauf, sich vieles selbst anzuschauen – er kennt seinen Ostalbkreis. Und er ist froh an dieser Initiative des Schwäbischen Heimatbundes, der das Riesen-Projekt vor zehn Jahren auf den Weg gebracht hat. Heute finanziert das Land das Vorhaben, die Kleindenkmale in Baden-Württemberg möglichst flächendeckend und lückenlos zu erfassen, zu dokumentieren und zu schützen, etwa in dem Martina Blaschka vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart dem Heimatbund zugewiesen wurde, um all die vielen Ehrenamtlichen anzuleiten.
Auftakt im Ostalbkreis war Ende März. Seit den Einweisungsabenden durch Blaschka unter anderem in Abtsgmünd und Waldstetten sind erst wenige Wochen vergangen. Blaschka lacht, wenn sie vom Ostalbkreis hört: So hat sie sich ihre Aufgabe nämlich vorgestellt. Das Interesse an diesem Projekt sei hier erstaunlich – sie spricht von „enormer Aktivität“. Sie weiß, dass es höchste Zeit ist für dieses Projekt: Wegarbeiten und der moderne Straßenbau, so erklärt sie den Ehrenamtlichen, die Aufhebung von Gemarkungsgrenzen bei Eingemeindungen, insbesondere aber die Flurbereinigungen seien der Todfeind der Kleindenkmale: All zu vieles wurde abgeräumt, zugeschüttet, zerschlagen und ist unwiederbringlich verloren. In einer ausgeräumten Landschaft aber erinnere nichts mehr an die Vergangenheit – ohne die die Gegenwart nicht denkbar ist.
Martina Blaschka gerät richtig ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Aufgabe spricht. Eine Hochwassermarke sei nicht mehr als ein Strich und eine Jahreszahl, auf den ersten Blick vielleicht langweilig: „Aber für welche Katastrophe stehen diese Zeichen, was hat dieses Ereignis für die Menschen damals bedeutet, an Ernteausfällen etwa“. Das sei das „im Kleinen Spektakuläre“. Oder die Gefallenen-denkmale aus dem Ersten Weltkrieg, die später um ein Wesentliches erweitert werden mussten: „Das ist Weltgeschichte, heruntergezoomt auf einen kleinen Ort“. Brunnen stünden oft genug für die komplette Wasserversorgung einer Gemeinschaft, für die gesamte Infrastruktur: Keine Ansiedlung ohne Wasser. Es gibt schöne alte Bildstöcke, viele Zeugnisse eines unglaublich mühseligen Alltags, der in Vergessenheit zu geraten droht. Das „Schwedenkreuz“ des Mittelalters als eines der ältesten Kleindenkmale: Nach einem Totschlag kam es vor, dass der Täter nicht hingerichtet, sondern die Tat anderweitig gesühnt wurde – mit Leistungen für Arme und Kranke, mit einer Wallfahrt, Wachsspenden für die Kirche, Spenden und eben auch, zum ewigen Gedenken an die Schandtat, Sühnekreuze.
Die Kleindenkmale, die in dieser flächendeckenden Erhebung gesucht werden, müssen übrigens sichtbar sein. Es geht ausdrücklich nicht darum, etwas auszugraben, was dann ja betreut werden müsste. Zudem seien unkontrollierte Grabungen – Blaschka, spricht von „Raubgrabungen“ – oft genug zerstörerisch. Keine Römer-Relikte also! Aber es gibt ja mehr als genug Zeugnisse der Vergangenheit, die über der Erde liegen und deren Geheimnisse es zu erkunden gilt. Und so lange das so ist, werden Männer und Frauen durch Wiesen und Wälder und Ortschaften gehen, Erfassungsbögen in der Hand, um etwas zu tun, wofür ihnen die Nachwelt höchstwahrscheinlich sehr dankbar sein wird.
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