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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 27. Mai 2010

Museumschefin Gabriele Holthuis führte durch die Laura-​Ford-​Ausstellung in der Galerie im Prediger: Von Tieren und Menschen

„Gmünd macht Mittwoch“ heißt, dass es Erdbeeren gibt, Prozente, gutgelaunte Leute und eine Museumschefin, die durch eine Ausstellung führt, die einfach nur Freude macht. Willkommen bei Laura Ford und ihren Kinderfiguren in der Galerie am Prediger.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Gestandene Männer wurden dabei beobachtet, wie sie der kleinen Igelfrau über den Kopf streicheln, die derzeit all ihre Habe im Einkaufswagen über den Johannisplatz schiebt. Obergoldig, und, vor allem im Regen, so furchtbar verloren. Eine bessere Werbung für Laura Fords Ausstellung „Von Tieren und Menschen“ lässt sich kaum denken. Dr. Gabriele Holthuis hatte gestern vieles zu sagen, was den Gästen Lust machte auf ihre Führungen. Etwa: „Man muss hier nichts mitbringen, nichts wissen“. Diese Figuren erschließen sich von selbst, für alle, die Fantasie mitbringen und sich einfühlen können.
Unmittelbar vor der „Gmünd macht Mittwoch“-Führung waren die Böbinger St.-Maria-Kindergartenkinder da: Lotte fand die Ritter gut, weil die so lustige Hüte haben. Dass da zerschlagene, zerschmetterte Kindersoldaten des Mittelalters liegen, muss sie noch nicht begreifen. Ryan liebt das Mädchen, das seinen Kopf in den Wolken hat und gibt zu, dass sie ganz gern mit den Gedanken weit weg ist. Sie träumt halt auch. Und Kimberley würde gerne den weißen Löwen mit der verbundenen Tatze mit nach Hause nehmen. Gabriele Holthuis erklärt später, dass hier ein Herrschaftsdenkmal angekratzt wurde und seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Kimberley tut er einfach nur leid, dieser Löwe.
Auf der anderen Seite ist da Gabriele Holthuis. Die Frau schafft es nicht ohne Grund, derart hochkarätige Ausstellungen nach Gmünd zu bringen. Sie ist gut. Aber sie wirkt selbst wie ein kleines Mädchen, als die den rund 40 Teilnehmern der Führung erklärt, wie erschrocken sie war, als sie gemeinsam mit Laura Ford das Mauerblümchen auspackte: Das Ding hat sich seinen Namen redlich verdient. Das ist etwas, das man in eine Ecke stellt, um es nicht beachten zu müssen. Wie sie denn um alles in der Welt mit dieser Figur den dafür vorgesehenen Riesenraum füllen soll, habe sie überlegt. Sagt sie. Dann grinst sie, und alles lacht: Das „Mauerblümchen“ braucht jeden Platz, den es kriegen kann. Laura Ford weiß was sie tut. Oder als die beiden Frauen die Skulptur Robert Falcon Scotts ausgepackt haben. Das ist jener tapfere, dumme Mann, der mit Roald Amundsen darum kämpfte, als erster am Südpol zu sein, der geschlagen wurde und auf dem Rückweg sein Sterben im Tagebuch festhielt. Es ist eine wunderbar gearbeitete, zutiefst anrührende Figur. Das Fragezeichen daran, Laura Fords Markenzeichen – ihre Geschichte zu erzählen, so, dass jeder sie versteht –, ließ auch Holthuis stutzen: Die Schneeschuhe sind alte Tennisschläger, der Schlitten ist aus ausrangiertem Buggy, Rucksack und all dem anderen Zeug gearbeitet, das sich gemeinhin auf dem Dachboden findet. Ist das ein Rasenmäher? Diese Frage stellt sich erst auf den dritten, vierten Blick. Da kämpft jemand, der weiß, dass er verloren hat. Einfach weil er nicht aufgeben will; es ist ein leises Fragezeichen, von einer, die den Augenblick zwischen Stille und Lärm einfängt. Für Laura Ford ist der Tennisschläger besser als jeder Schneeschuh, weil sie damit überzeichnen kann, eine Geschichte erzählen, die jeder versteht: Da ist eine wahrhaft tragische Figur, die aber irgendwie auch von Irrsinn getrieben ist – wie weit muss, kann, darf man gehen?
Auf der anderen Seite wurden für Holthuis die Skulpturen in den Transportkisten, die sie in Empfang genommen hat, die müden Eselsköpfe auf den Schülerkörpern etwa, zu Tieren im Käfig: Laura Ford ist nicht ohne Grund eine so gefeierte Künstlerin. Wenn sie tote, kleine Ritter in Bronze darstellen will, bittesehr. Wenn sie schweißen lernen muss, o.k.: Am Anfang ist die Idee, und dann kommt die Arbeit, ganz gleich wie. Laura Ford interessiert nicht, ob sie in Stein arbeitet, in Stoff, Plastik, Gips oder Ton. Wenn sie Teenager darstellt, die beim Anblick von Blut und Tod nicht begreifen, dass virtuelle und echte Welt nicht dasselbe sind, reicht ihr ein Rücken aus, einfach nur Körperhaltung: Da ist ein Mensch, verdutzt, ungläubig, „echt jetzt?“ Die Riesen-​Hirsche in Tarnkleidung bilden ihren eigenen Wald und eine ganze Reihe von Gesprächsinseln: Wer versteckt sich vor wem; die Natur wird zur Kunstwelt, weil sie nur noch so wenig mit dem Leben der Menschen zu tun hat. Das Spaliermädchen ist senkrechtes und waagerechtes Holz, akkurat gebogen, wie’s kein echter Baum wäre: Aber geschieht das nicht auch mit echten, richtigen Kindern, die von Erwachsenen in Form gebracht werden? Es sind stille, poetische Dinge zu sehen. Viel Dunkelheit. Aber über allem: Freude. Spaß. Es tut gut, diese Arbeiten anzusehen, weil Laura Ford ein glücklicher Mensch ist, dem die Lebensfreude aus jeder einzelnen Arbeit leuchtet.
 

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