Aus der Lorcher Geschichtswerkstatt: Flüchtlinge und Vertriebene finden eine neue Heimat in Lorch
Den dritten und letzten Vortrag der Geschichtswerkstatt zum Thema „Lorch und Waldhausen in der Nachkriegszeit“ widmete Manfred Schramm, der Leiter der Geschichtswerkstatt, dem Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen.
LORCH (wae). Etwa
14 Millionen Menschen aus dem Osten des Deutschen Reiches wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Auch in Lorch und Waldhausen wurden bis
1950 ca.
1500 Heimatvertriebene aufgenommen, das entspricht etwa
20 Prozent der Bevölkerung, mehr als die Hälfte davon aus dem Sudetenland, ein großer Anteil waren Donauschwaben (aus Ungarn) und Bessarabiendeutsche (aus Rumänien), und eine kleinere Gruppe waren Vertriebene aus Schlesien.
Die Geschichtswerkstatt hat zahlreiche Heimatvertriebene und Flüchtlinge über ihre oft abenteuerliche und entbehrungsreiche Vertreibung mit Hilfe eines Fragebogens befragt. In dem Bericht einer Zeitzeugin aus Schlesien, die in Lorch-Weitmars eine neue Heimat fand, heißt es auf die Frage: „Wie verlief der Transport?“ „Per Bahn. Wobei das Anhängen von Waggons, das Rangieren der Züge in Richtungen, die nicht sofort bekannt waren, das Stehenbleiben und das Warten mitten auf freiem Gelände, das Umsteigen, das Zwischenlagern inklusive Übernachtungen unter Bahnunterführungen, auf übervollen Bahnhöfen, in Viehwaggons, auch teilweise unter freiem Himmel mit Sack, Pack, Kind und Kegel, inmitten von Verletzten, Soldaten, Herumirrenden, Fragenden, Hilfesuchenden, Hungernden, Frierenden, Suchenden, Sorgetragenden eine unendliche Herausforderung für alle Menschen bedeutete. Dazu kam noch die Sorge um die im Krieg befindlichen Männer, Vater Söhne, die Zurückgelassenen in der Heimat. Vorkommnisse unterwegs gab es grausige. Nein, darüber zu berichten ist unmöglich. Was wir durchgemacht haben, das spottet jeder Beschreibung“.
Nach der Ankunft im Westen war das größte Problem sowohl für die Einheimischen, als auch für die Neuankömmlinge, einen Platz zum Wohnen zu finden. Die Wohnstruktur in Lorch — überwiegend Häuser mit verhältnismäßig kleinen Wohnungen und wenig verfügbaren freien Räumen — führte bei der Unterbringung der Vertriebenen zu Schwierigkeiten, die kaum zu bewältigen waren.
Oft wird heute vergessen, dass in den ersten Nachkriegsjahren ja nicht nur die Flüchtlinge und Vertriebenen sondern auch noch die Evakuierten aus Stuttgart und den zerbombten Großstädten im Rheinland untergebracht werden mussten. Manfred Schramm berichtete, dass allein in Waldhausen
1946 noch über
600 Evakuierte lebten. Mit Hilfe von Berichten aus den Gemeinderatsprotokollen, Zeitungsberichten aus der
NWZ (Neue Württembergische Zeitung) und Berichten von Zeitzeugen verdeutlichte der Referent die schwierige Situation.
Das Thema „Unterbringung der Ostflüchtlinge“ stand fast bei jeder Gemeinderatssitzung auf der Tagesordnung, und schließlich wurden vom Wohnungsausschuss
13 Kommissionen gebildet, die systematisch in allen Wohngebieten der Stadt
301 Wohnräume für die Vertriebene beschlagnahmten. In den Gemeinderatsprotokollen werden auch Klagen geäußert, dass in manchen Fällen großen Flüchtlingsfamilien „das kleinste Kämmerlein unter dem Dach zugewiesen wird“, auch musste die Wohnungskommission feststellen, „dass die ärmeren Leute das meiste Entgegenkommen zeigen“.
Aber es gab auch in Lorch und Waldhausen hilfsbereite Bürger, die sich mit großem persönlichem Einsatz engagierten, um die Lebenssituation der Flüchtlinge und Vertriebenen zu erleichtern. Es fehlte an den einfachsten Haushaltsgegenständen, die oftmals von der Nothilfe (in Waldhausen Berta Wahl) und in Lorch von dem Lehrer Albert Botsch besorgt und in die Wohnungen und Sammelunterkünfte der Ostflüchtlinge gebracht wurden. In einem Spendenaufruf zur Unterstützung der Nothilfe, der von Bürgermeister Lauber,
Prof. Klopfer, Stadtpfarrer Fischer und Vikar Streble unterzeichnet wurde hieß es: „Wer noch ein Dach über dem Kopf hat, wer noch nicht in Bombenangriffen Hab und Gut, Kleider und Schuhe verloren hat, wer sich noch allabendlich in sein gutes, sauberes Bett legen darf, wer in Arbeit steht und sich täglich satt essen kann, wer nach dem großen Morden und Zerstören sein Lieben noch hat, sollte der sich nicht zu einem besonderen Opfer gedrungen fühlen?“
Allein mit dem Bau von eigenen Häusern konnte die Wohnungsnot gelindert und die Integration der Vertriebenen verwirklicht werden. Ausführlich und anschaulich wurde die Suche nach einem Siedlungsgelände, zuerst in der Breitwiese, dann in der Au in Lorch und in der „Siedlung“ in Waldhausen dargestellt. Mit geringem Eigenkapital, aber großer eigener Arbeitsleistung und mit vielen freiwilligen Helfern an Samstagen — auch an Sonntagen war das Arbeiten am Bau erlaubt — wurden die Häuser der Vertriebenen in den neuen Siedlungen erbaut. Für manche wurde damit ein kleines Stück Heimat gewonnen, auf jeden Fall aber die Anerkennung in der vom Besitz geprägten schwäbischen Umgebung.
Neben dem eigenen Wohnraum war die Arbeitsbeschaffung ein weiterer wichtiger Schritt zur Integration. Manfred Schramm zeigte an einigen Bildern und Beispielen auf, wie Vertriebene, die in der alten Heimat einen eigenen Betrieb geführt hatten, auch in Lorch wieder mit Zähigkeit und großem Fleiß wieder Gewerbetriebe aufbauten und so wesentlich zum Wirtschaftsaufschwung in der jungen Bundesrepublik beitrugen. Erwähnt sei hier das Baugeschäft Seidl, mit
300 Beschäftigten, die Holzdreherei Tast, Installateur Seibt oder Emil Plewan, der im Sudetenland ein Gasthaus betrieb und in Waldhausen das Gasthaus „Zur Neuen Heimat“ eröffnete.
Von den Zeitzeugen, die von den Mitgliedern der Geschichtswerkstatt in Lorch und Waldhausen befragt wurden, wurden über die Aufnahme in Lorch unterschiedliche Erfahrungen berichtet. Von „Gutes Einvernehmen und außerordentlich gutes Verhältnis zu der Familie, bei der wir wohnten“ bis zu negativen Erfahrungen: „Allgemein war das Verhältnis zwischen Einheimischen und uns sehr distanziert — von vielen wurden wir Zigeuner genannt, Flüchtlinge, hergelaufenes Lumpenpack.“
Manche Einheimische empfingen die Flüchtlinge in Schwäbisch Gmünd am Bahnhof mit den Worten: „Hoffentlich fahrt ihr bald wieder dorthin zurück, wo ihr herkommt.“ Andere boten den ausgehungerten Vertriebenen am Bahnhof Kaffee und Würstchen an.
Mit einem Zitat aus dem Appell von Landrat Burckhardt aus dem Jahre
1946 an die Neubürger aus dem Osten charakterisierte Manfred Schramm die Bemühungen vieler Einheimischer und vieler Vertriebener um Integration „Wir wollen unser knappes Brot mit euch teilen. Packt mit an, verschmäht keine Arbeit, auch wenn sie hart oder ungewohnt ist. Unser Land wird euch fremd sein. Vielleicht für lange Zeit. Habt Geduld, seid bedacht in eurem Urteil. Wir müssen zusammen leben, ihr und wir.“
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