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» Schwäbisch Gmünd | Freitag, 18. Juni 2010

Bettringer Wallfahrt nach Oberelchingen: Seit Menschengedenken ziehen sie neun Tage nach Fronleichnam los

Nicht ein Jahr sind sie daheimgeblieben, nicht in Kriegszeiten, nicht während der Hungersnöte. Da schon gar nicht. Jüngst sind die Bettringer wieder zum Gnadenbild der Schmerzensmutter gepilgert, wie all die Generationen vor ihnen seit mindesten 1747.

GMÜND-​BETTRINGEN (bt). Von gesicherten 263 Wallfahrten in unterbrochener Reihenfolge berichten Erwin Hirner und Herbert Krieg, die die jüngste Pilgerwanderung von Bettringen nach Oberelchingen organisiert haben. Und schon jetzt wissen sie, dass sie am 2. Juli 2011, wie immer neun Tage nach Fronleichnam, wieder in aller Herrgottsfrüh aufstehen und vors Gnadenbild der Mutter der sieben Schmerzen wandern werden. Nein, nicht wandern: Herbert Krieg meint, gewandert werde mit den Füßen, pilgern aber sei eine Sache des Herzens.
Auch in diesem Jahr brechen sie um 3 Uhr morgens auf. Es sind unterschiedlichste Gedanken und Gefühle, die zu dieser frühen Stunde bewegen, es sind ja auch unterschiedlichste Menschen. Die kleinsten sind elf und zwölf Jahre alt, Michael Feifel und Anja Scheffel. Josef Seitzer ist mit 76 Jahren der Älteste, Heinz Hirner und Helmut Behringer sind nur wenig jünger. Die meisten Wallfahrer sind seit vielen Jahren dabei, immer wieder aber werden auch „Neue“ begrüßt — so macht sich dieses Mal auch Ortsvorsteherin Brigitte Weiß auf den immerhin 42 Kilometer langen Weg. Insgesamt 90 sind es, die in den neuen Morgen aufbrechen, wie all die Generationen vor ihnen. Bereits in diesen allerersten Stunden ist die Freude an der Wallfahrtsgemeinschaft spürbar.
Alle haben sie ein Anliegen, das sie vor Maria tragen wollen; alle gemeinsam beschließen auch, den schwer erkrankten Ferdinand Aubele mitzunehmen in ihren Herzen und in ihren Gebeten, der so viele Jahre nach Oberelchingen gepilgert ist, dort immer Kraft und Hoffnung gefunden hat und der auch in diesem Jahr so gerne dabei gewesen wäre.
Immer nur ein Wochenende sind sie unterwegs; für viele ist diese „kleine Version des Jakobsweges“ der einzige Pilgerweg, der ihnen möglich ist. Erwin Hirner und Herbert Krieg haben sich viele Gedanken darüber gemacht, warum ihnen dieser Weg so viel bedeutet: „Beten und Singen in einer Gemeinschaft schweißt zusammen, und mit Gebeten ist der Weg leichter zu bewältigen“. Von „Wellness für die Seele“ sprechen sie, von den in all den Jahren gewachsenen Beziehungen zu den Menschen in Oberelchingen, aber auch von der großen Verbundenheit der Wallfahrer untereinander. Dann ist es natürlich eine intensive körperliche Erfahrung, diese lange Strecke zu Fuß zu bewältigen und die Natur mit allen Sinnen zu erfahren. Unvergessen sind etwa Gewitter in Beimerstetten und Seligweiler, wo die Gruppe mehr schlecht als recht Schutz gefunden hat. Auf der andren Seite genießen sie einen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, wie sie’s praktisch das ganze Jahr nicht tun: Wie das Heugras riecht am frühen Morgen, wie sich die Vögel in den Tag hineinjubilieren — auch das lässt Kraft schöpfen, von der lange gezehrt werden kann.
Herbert Krieg hat Lieder und gute Gedanken vorbereitet für diesen Tag. Etwa einen Satz des Heiligen Augustins: „Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft“; alle Wege, zu denen der Mensch aufbreche, zeigten ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg sei, ein Bilderweg zu Gott. An anderer Stelle denkt Krieg darüber nach, wie verunsichert die Menschen sind in einer Welt voller Hiobsbotschaften, dass sie über einer Vielzahl von Angeboten die Orientierung und in einer anonymen Umwelt ihre Lebensbezüge verlieren: Die christliche Botschaft hingegen vermittle Orientierung. Eine Glaubensgemeinschaft, „wie wir sie an diesem Wochenende als Pilger leben“, gebe Halt. Die Lieder die gesungen, die Gebete, die gesprochen werden, sind recht modern, wird das Bettringer Wallfahrtsbüchle ‚in dem sie zu finden sind, doch immer wieder überarbeitet und neu aufgelegt.
Es ist ein Wochenende des Aufbruchs aus Lebensgewohnheiten und allzu selbstverständlichen Vorstellungen. Ein Wochenende, das nur einem Zweck dient und nur ein Ziel hat. Der Reisesegen wird immer am Freitag Abend in St. Cyriakus gespendet. Morgens, besser mitten in der Nacht, geht’s dann los über den Furtlepass, über Weißenstein, Treffelhausen, Eybach, Geislingen. Hier wartet ein Bus — eine zeitlang ist man mit dem Zug gefahren, ganz früher alles zu Fuß gegangen -, der die Wallfahrer nach Beimerstetten bringt. Die nächste Etappe nach Seligweiler gilt als schwierig; in früheren Jahren war’s oft fürchterlich heiß, und Schatten gibt es weit und breit nicht. Nach der letzten Rast wird es vollends anstrengend, berichten die Teilnehmer. Allzu schwer sind die Beine, auch das eine oder andere Blasenpflaster wird aus dem Rucksack gekramt, und es ist noch ein ganzes Stück zu gehen, bis endlich der Turm der Wallfahrtskirche in Sicht ist. Aber dann der Empfang: Ortspfarrer und Ministrangen kommen ihnen mit Kreuz und Fahnen entgegen, die Einwohner heißen sie herzlich willkommen und bringen sie im Antoniusheim, vor allem aber in Privatquartieren unter. Dann steht auch gleich der wichtigste Gang, der vors Gnadenbild der Schmerzensmutter.
Am Abend wird gesungen — die Familie Wohlfahrt aus Waldstetten hat eigens für diese Wallfahrt zwei Lieder geschrieben – –, es gibt ein Vesper und auch mal ein Gläsle Wein. Am nächsten Morgen ist um 7.30 Uhr der erste, später dann der eigentliche Gottesdienst mit Prozession um die Wallfahrtskirche. Jetzt gibt’s noch viel mehr Bettringer in Oberelchingen: All diejenigen, die nicht oder nicht mehr in der Lage sind, den langen Marsch zu bewältigen, kommen mit dem Bus hierher. Die anderen gehen nach dem Mittagessen und der Verabschiedung vom Gnadenbild zurück nach Beimerstetten, wo auch sie einen Bus besteigen. Mit dem festen Vorsatz, auch im Kalender 2011 diesen Termin rot anzustreichen: „Wir sind wieder dabei, komme, was da wolle“.
Ganz sicher sind die Bettringer nicht, wie diese Tradition begründet wurde — sie gehen davon aus, dass am Anfang ein während einer Seuche im Dorf abgelegtes Gelübde stand. Die Wallfahrt ins ehemalige Benediktinerkloster selbst ist älter; ihre Bedeutung nahm während der Schrecken des 30jährigen Krieges immer mehr zu, bis 1644 die Sieben-​Schmerzen-​Bruderschaft gegründet wurde. Der Bettringer Pfarrchronik zufolge sind gesichert seit 1747 Bettringer zum Gnadenbild gepilgert, und das wurde wohl nie aufgegeben, noch nicht einmal während der Jahre, in denen das Wallfahren ausdrücklich verboten war.
 

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