Prof. Dr. Hermann Ullrich zeigt auf, in welch reicher Tradition das Passionsspiel in Gmünd wurzelt
Unsichtbare Engel singen auf dem Münsterplatz, Judas wird nach einer furiosen Bass-Arie Plutos in den Höllenschlund geworfen, Adam und Eva ziehen in Schafsfellen durch die Straßen, „Flagellanten“ geißeln sich in den Wirtshäusern. Das und noch viel mehr ist das Gmünder Passionsspiel, zuletzt aufgeführt im Jahre 1803.
SCHWÄBISCH GMÜND
(bt). Für PH-Professor
Dr. Hermann Ulrich ist das an diesem Wochenende aufgeführte Passionsspiel Anlass, an eine fast in Vergessenheit geratene Gmünder Tradition zu erinnern, die alten Chroniken zufolge „seit unvordenklichen Zeiten“ besteht, wohl sicher aber bereits vor rund
500 Jahren begründet wurde. Bei der Rekonstruktion kann er aus dem Vollen schöpfen (siehe rechts), hat er doch Regieanweisungen ebenso zur Hand wie Texte, Musik, Kostümbeschreibungen. Wollte man das Gmünder Passionsspiel wiederbeleben, bräuchte es
346 Menschen und
34 Pferde.
Der Tod und der Teufel nahmen das Eintrittsgeld; wer draußen stand, außerhalb des auf dem nördlichen Münsterplatzes am heutigen Stadtarchiv abgegrenzten Bereiches, konnte zuschauen, freilich nicht hören, was da, auf der Bühne gesungen und gelitten wurde.
„Im Namen Jesu fanget an“, war das Signal für die Spielenden, die nun die nach dem Vorbild der Antike ausgerichtete Bühne betraten. In den Stunden, die kamen, konnten die in der Vorfrühlingskälte des Gründonnerstag fröstelnden Gmünder das Geschehen auf dem Ölberg bis zur Gefangennahme verfolgen. Spät in der Nacht ging man auseinander, um am Mittag des Karfreitags erneut zusammenzukommen. Die Menschen jener Zeit wussten mit Bildern und Symbolen viel mehr anzufangen, mit dem Anker zum Beispiel, den der Engel der Hoffnung dem Petrus vorhält, oder mit dem Höllenfürsten, der eine „schwarz brennende Kerz“ trägt, dem Judas immer wieder vertraulich auf die Schulter klopft und ihn zum Verrat verführt. Und wie Judas leiden muss, nachdem er sich selbst gerichtet hat: „Weine jetzt ewig feurige Tränen, sie werden ewig Gott nicht versöhnen“; nach Ullrichs Einschätzung kann sich diese Arie von Johann Mauritius Schmid „durchaus mit mancher Arie von G.F. Händel messen“. Überhaupt lebt dieses Passionsspiel von der Musik, die mehreren Musikern zu verdanken ist. Dominkanerpaters Angelus Dreher war einer der wichtigsten Komponisten; er lebte hauptsächlich in Regensburg, zeitweise aber auch im Gmünder Kloster.
Das Spiel bricht bei der Verurteilung durch Pilates an; jetzt steht eine für heutige Verhältnisse unfassbare Prozession an: Nicht nur, dass „Christus“, sein Kreuz durch die Stadt zu tragen und an bestimmten Plätzen zu fallen hat: Er wird von Glaube, Liebe und Hoffnung begleitet, von Prudentia (Weisheit), Justitia (Gerechtigkeit), Temperantia (Selbstbeherrschung) und Fortitudo (Tapferkeit), aber auch von Hoffahrt, Neid, Fraß, Völlerei, Unkeuschheit, Zorn, Trägheit und Geiz, den Todsünden eben. Joseph und seine Brüder sind dabei, Samson mit den Philistern, Jephthe, seine Tochter und die Kriegsknechte. Allen voran reitet der Tod mit Krone und Szepter auf einem ungesattelten Schimmel. Der hohe Rat der Juden wird von angesehenen Gmündern dargestellt; auch Adam und Eva mit Pflug und Ochse sind dabei — der Chronist erzählt, dass über viele Jahre hinweg immer dieselben alten Leutchen diese Rollen übernahmen. Eine Henkersrotte zieht durch die Straßen, das Söhnchen des Pilatus wird auf einem kleinen Wagen gefahren, ebenso wie das Herodes-Töchterchen. Die Heilige Genovefa darf nicht fehlen — die Reihe lässt sich fortsetzen. Abgeschlossen wird der Zug von zahlreichen Büßern, die für ihre härenen Kleider, Latten und Kreuze zahlen mussten, und von den Geißlern, die sich auf den Straßen, in Wirtshäusern, auch mal auf dem Salvator die Rücken blutig schlagen.
Wie haben die Gmünder gelitten, als ihnen dieses Spektakel im Zuge des Falls der freien Reichsstadt an Württemberg, der Säkularisation und der Aufklärung genommen wurde. Dominikus Debler etwa wurde nicht müde, dieses Spiel zu preisen, das der Stadt und ihren Wirten, Bäckern, Metzgern etc. durch die vielen auswärtigen Zuschauer großen Gewinn bringe. Es dauerte lange, bis diese Passion in Vergessenheit geriet.
1934 gab’s den Versuch, die Oberammergauer zu imitieren, aber erst jetzt wird das vor langer Zeit Verlorene wieder gewürdigt.
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